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Selbstliebe

Von der Krux des Loslassens im Wellnessurlaub.

Ich blicke aus dem Fenster über den Thunersee. Ein paar Boote wippen müde im Wasser. 16.51 Uhr und schon fast dunkel. Die Blätter der Birke zittern im Wind, als hätte der Baum Angst. Doch sie fallen nicht runter.

Loslassen, denke ich, herrgottnochmal, weshalb ist das so schwierig?! Erst nach Tagen im Wellnessresort, die Haut schrumpelig wie ein alter Apfel, im Badekorb immer nur das Allerwichtigste (Schlappen, zwei Bücher, Musik, Gummibärchen, kalter Kaffee), kann ich etwas Ruhe in meinen überfüllten Kopf bringen und bin stolz darauf.

Wobei, so schwierig ist das ja nicht: Wenn nicht hier, wo sonst sollte man loslassen können?, frage ich mich und fixiere die zitternden Birkenblätter. Mitte November. Mitte Woche. Mitten in einer Reihe von leeren Liegestühlen.

Ich schwimme im Pool, ohne dass meine Füsse unter Wasser an andere stossen. Bewege mich durch die Saunalandschaft wie eine Beduinin durch die Dünen und trainiere bei 85 Grad ein paar Asanas, ohne dass mich jemand schief anguckt. Singend spaziere ich durch den Duschparcours, drücke auf Knöpfe wie «Tropennieseln», «Eisregen» und «Regenbogenreise». Hach.

Auch sonst. Alles gemacht. Das Bett. Das Zimmer. Der Lift schon da, bevor ich drücke, das Essen auf dem Tisch, bevor ich bestelle, Fragen beantwortet, bevor ich sie stelle. Grosses Kino, wenn der Alltag sonst zwar schön und voller Liebe, aber auch anstrengend ist.

Hier gehts für einmal nur um Selbstliebe. Me, myself and I, denke ich und stecke eine gedörrte Pflaume in den Mund. Die Birkenblätter sind verschwunden. Es ist dunkel geworden.

Plötzlich taucht eine helle Gestalt aus der Dunkelheit auf, bewegt sich in meine Richtung. Mir stockt der Atem. O mein Gott, denke ich, zu lange mit mir allein sein ist schlecht, nun sehe ich schon Gespenster.

Die Türklinke wird nach unten gedrückt. Vor mir steht ein Hotelgast im weissen Bademantel. Ich fauche ihn an: Wie er mich erschreckt habe, eine Frechheit, was er bei dieser Kälte auf dem «Sonnendeck» zu suchen habe? Die Antwort ist kurz. Und schmerzhaft. «Entspannen Sie sich, junge Frau. Dafür ist Wellnessurlaub da.»

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