Sein Arbeitsweg misst 9000 Kilometer

Landiswil

Von der chinesischen Weltstadt Shanghai ins Emmentaler Bauerndorf und wieder zurück: Für seine Bürotage in Landiswil legt Martin Künzi weite Distanzen zurück.

Von Landiswil aus schweift sein Blick in die Ferne, denn dort ist er daheim: Martin Künzi pendelt regelmässig zwischen China und Emmental.

Von Landiswil aus schweift sein Blick in die Ferne, denn dort ist er daheim: Martin Künzi pendelt regelmässig zwischen China und Emmental.

(Bild: Matthias Käser)

Stephan Künzi

Martin Künzi lebt in Shanghai. Und arbeitet auf der Gemeindeverwaltung in Landiswil. Scheinbar mühelos wechselt der 38-Jährige von einer Welt in die andere. Hier die pulsierende Metropole im Osten Chinas mit ihrer internationalen Millionenbevölkerung. Dort das beschauliche Dorf am Tor zum Emmental mit seinen gut 600 bäuerlich-bodenständigen Leuten.

So viel gleich vorweg: Das praktische Problem in seinem Alltag hat Martin Künzi elegant gelöst. Möglich macht es sein zweiter Job als Flugbegleiter. Als solcher kommt er leicht und vor allem günstig zu den Flügen, ohne die er über eine so weite Distanz gar nicht pendeln könnte. Immerhin liegen Wohnung und Büro rund 9000 Kilometer auseinander.

Das Kerosin in der Nase

Mit der Fliegerei fing auch alles an. Mit nach wie vor unüberhörbarer Begeisterung erzählt Martin Künzi davon, wie fasziniert er jeweils war, wenn er mit Tante und Onkel den Flughafen Zürich besuchen, ab und zu mit den beiden gar in die Ferien fliegen durfte.

Für ihn, den Bauernsohn aus Wattenwil, ging eine neue Welt auf. Eine Welt voller Geschäftigkeit, eine Welt mit ihren speziellen Stimmungen und Gerüchen – noch heute bricht in ihm das Reisefieber aus, sobald er das Kerosin in der Nase hat.

Trotzdem machte er zuerst eine Lehre als Verwaltungsangestellter. Nach ein paar Wanderjahren durch diverse Gemeinden war es 2001 so weit. Martin Künzi wollte den Traum vom Fliegen leben, meldete sich als Flugbegleiter bei der Swissair – und konnte anfangen.

Dummerweise ging seiner neuen Arbeitgeberin nur Monate später das Geld aus, die Swissair wurde gegroundet. In der Folge erhielt Martin Künzi als einer der Amtsjüngsten die Kündigung – umso froher war er, als ihn die Swiss als Nachfolgefirma nur drei Monate später wieder einstellte «Mein Hunger nach der Fliegerei war überhaupt noch nicht gestillt.»

Weil er die Zwangspause irgendwie überbrücken wollte, schaute sich Martin Künzi in seinem alten Beruf um. Er bekam mit, dass Landiswil für die fraglichen Wochen Anfang 2002 einen Angestellten suchte, und sagte zu.

Die Zeit verlief ganz offensichtlich zur beiderseitigen Zufriedenheit. Als es ums Abschiednehmen ging, kam man überein: Martin Künzi bleibt neben seinem Job als Flugbegleiter weiter für die Gemeinde tätig. Flexibel und im Stundenlohn.

Es sollte sein Schaden nicht sein, denn nur anderthalb Jahre später rollte eine zweite Entlassungswelle an. Wieder traf es ihn, «ich war am Boden zerstört» – einmal mehr hatte er allerdings Glück. Überraschend machte die Swiss die Kündigung rückgängig, er konnte ein zweites Mal bleiben.

Doch er hatte gelernt. Um für den Fall einer dritten Kündigung gewappnet zu sein, bildete er sich berufsbegleitend zum Reisefachmann weiter. So konnte er sich – zu seiner Arbeit für Landiswil und die Swiss hinzu – ein weiteres Standbein als selbstständiger Reisevermittler aufbauen.

Anstrengendes Hin und Her

Natürlich erklärt das alles noch nicht den Wohnort Shanghai. Martin Künzi redet nun von seinem Privatleben und von seinem Partner, der beruflich von Stadt zu Stadt zieht, mal hier und mal dort auf der Welt tätig ist. «Wir haben schon in Kopenhagen gewohnt.» Seit Sommer 2012 sei es nun eben Shanghai.

Dort bleiben die beiden noch bis 2016. Martin Künzi sagt offen, dass die ständige Hin-und-her-Fliegerei auch anstrengenden Seiten hat. Zumal seine Einsätze für die Swiss stets von Zürich aus geplant werden. Er hat sein Pensum in der Fliegerei auf 70 Prozent reduziert. So kann er Arbeitsblöcke bilden, hat regelmässig ein paar Tage in der Schweiz frei, die er für Bürotage in Landiswil nutzen kann.

Dass er das Hin und Her so gut meistert, führt Martin Künzi auf seine Reiselust zurück. «Ich habe noch lange nicht genug», sagt er, und: «Ich komme immer gerne in die Schweiz, fliege aber auch immer gerne wieder nach Shanghai.» Nicht nur, weil er dort seinen Partner sieht: Als Bewohner lerne er die Stadt von einer ganz anderen Seite kennen als seinerzeit in den Flugpausen oder auch als Tourist.

Genauso freut sich Martin Künzi stets auf die alte Heimat. Hier trifft er Familie und Freunde, geniesst die gute Luft – zu stark ist der Smog in Shanghai, zu häufig spürt er dort beim Atmen ein Kratzen im Hals.

Nun ein festes Pensum

Die Zeit in Landiswil geht auf alle Fälle weiter. Erst Ende letzten Jahres ist aus dem Aushilfsjob ein festes Pensum zu 15 Prozent geworden. In Form von Jahresarbeitszeit, «ich bin durchschnittlich drei bis vier Tage im Monat auf der Gemeinde anzutreffen». Dank Fernzugriff über Internet kann Martin Künzi vermehrt auch Arbeiten von Shanghai aus erledigen. Dazu gehört – natürlich – die Betreuung der Website.

Berner Zeitung

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