Schweizer News in acht Sprachen

Köniz

Tigrinisch, Spanisch, Arabisch: Diaspora TV produziert in einem Könizer Keller Nachrichtensendungen für Migranten. Deren Interessen seien in den Schweizer Medien untervertreten, sagen die Fernsehmacher.

Ein Blick hinter die Kulissen von Diaspora TV. Video: Christoph Albrecht
Christoph Albrecht

Noch einmal schaut Alexandra Ramirez in den Spiegel, ordnet die Haare, legt sich die Goldkette zurecht. Ein Räuspern, dann schreitet sie zum grünen Moderationspult, richtet den Blick in die Kamera. «Buen día señoras y señores. Bienvenidos a una nueva edición de las noticias en español por Diaspora TV en Suiza», sagt sie. «Willkommen zu den spanischsprachigen Nachrichten auf Diaspora TV.»

Es ist Dienstag, kurz nach 16 Uhr. In einem kleinen Studio im Keller eines Wohnblocks im Könizer Moos werden gerade News produziert. Die heutigen Themen: die Prämienentlastungs­initiative der SP, die gestiegenen Asylanträge von Venezolanern und eine Berner Anlaufstelle, die Praktikumsplätze für Migranten vermittelt. Dazu gibt es eine Übersicht zu anstehenden Kulturevents, bei denen latinoamerikanische Künstler auftreten.

Kampf um positives Image

In ein paar Tagen werden die einzelnen Beiträge samt den verschiedenen Anmoderationen als neunminütiges Nachrichtenmagazin online abrufbar sein – perfekt zusammengeschnitten, ergänzt mit seriös wirkenden Einblendern und eingängigen Newsmelodien, wie man sie von SRF-Formaten wie der «Tagesschau» oder «10 vor 10» kennt.

Auch wenn die Form daran erinnern mag: Inhaltlich will sich Diaspora TV bewusst vom Schweizer Fernsehen unterscheiden. «Wir wollen Themen bringen, die für Migranten relevant, interessant und verständlich sind», sagt Mark Bamidele, Gründer und Chefredaktor von Diaspora TV. Denn genau das würden SRF und andere Schweizer Medien kaum tun.

Er ist der Kopf von Diaspora TV: Mark Bamidele.

«Über 20 Prozent der Schweizer Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund, bezahlen Radio- und TV-Gebühren», sagt der 46-Jährige. Im Fernsehen würden aber längst nicht zu 20 Prozent die Themen abgedeckt, die diese Leute beschäftigen. Wenn über Migrantenthemen berichtet werde, seien es zudem oft nur negative Schlagzeilen. «Dann geht es um die Albaner, die rasen, um die Rumänen, die stehlen, oder die Nigerianer, die dealen.» Dieses Image bilde aber nicht die Realität ab.

Von Albanisch bis Tigrinisch

Bamidele, selber einst aus Nigeria geflüchtet und nunmehr seit fast 20 Jahren in Bern lebend, hat deshalb vor knapp einem Jahr Diaspora TV gegründet. Das Konzept klingt simpel: Migranten produzieren für andere Migranten Nachrichten, in deren Sprache und über Themen, die sie interessieren könnten – von Gesetzesänderungen über Initiativen bis hin zu Veranstaltungen in den jeweiligen Communitys.

Die News werden derzeit in acht Sprachen produziert – auf Englisch, Französisch, Rumänisch, Spanisch, Persisch, Arabisch, Albanisch und Tigrinisch. In jeder Sprache erscheint ein anderer Sendungsinhalt, der die entsprechende Gemeinschaft betrifft – präsentiert von einem jeweiligen Landsmann oder einer Landsfrau. Einmal pro Monat werden die acht Nachrichtenbulletins auf der Website und dem Facebook-Kanal von Diaspora TV ausgestrahlt. Unregelmässig finden zudem Talksendungen statt, zuletzt etwa während der Aktionswoche gegen Rassismus.

Team arbeitet gratis

Alle Teammitglieder von Bamidele arbeiten freiwillig. Alexandra Ramirez, die an diesem Tag für die spanischsprachigen News zuständig ist, reist für die Produktion der Sendung jeweils aus Zürich an. «Dass ich damit nichts verdiene, macht mir nichts aus», sagt die 30-Jährige, die in ihrem Heimatland Venezuela einst als Journalistin arbeitete und nun als Kellnerin ihr Geld verdient. Dank Diaspora TV müsse sie ihre Karriere nicht ganz aufgeben. Nicht alle Moderatoren sind jedoch Journalisten. Sie recherchieren, redigieren und moderieren mithilfe eines Netzwerks von Reportern und Übersetzern aus aller Welt. Rund 30 Personen umfasst das Team unterdessen.

Auf Sendung: Moderatorin Alexandra Ramirez.

Gründer Mark Bamidele, der sich das Know-how durch sein Studium der Elektro- und Kommunikationstechnik an der Fachhochschule in Burgdorf und bei Tele Bielingue angeeignet hat, ist stolz auf sein TV-Projekt. Die Sendungen würden online im Schnitt über zehntausendmal angeklickt – pro Sprache notabene. In den Communitys kenne man das Format mittlerweile. «Wir hatten bereits Anfragen von Tamilen, Portugiesen oder Armeniern.» Sie möchten mit ihrer Sprache ebenfalls auf Sendung gehen. Fünf weitere Sprachen seien derzeit in Planung.

Die Frage, ob er mit Diaspora TV womöglich nicht Parallelgesellschaften fördere, verneint Bamidele vehement. «Wir tun genau das Gegenteil», sagt er. Wenn SRF über neue Gesetze berichte, dann mache es dies in den vier Landessprachen. «Wir übersetzen diese Informationen aber noch in weitere Sprachen und machen sie so für viele Migranten zugänglich», erklärt Bamidele. Damit mache man die Migrationsgesellschaft besser mit der Schweizer Gesellschaft vertraut und trage zum gegenseitigen Verständnis bei.

Für die journalistischen Inhalte stützt sich Diaspora TV jeweils auf Swissinfo. Mit der öffentlich-rechtlichen Nachrichtenplattform hat Bamidele eine Partnerschaft. Ohnehin ist ihm wichtig, zu betonen, dass Diaspora TV das Schweizer Fernsehen nicht konkurrenzieren, sondern ergänzen wolle. Er sei schon von Italienern gefragt worden, warum es auf Italienisch keine Sendungen gebe. Seine Antwort: Das sei bereits abgedeckt. «Es geht uns darum, Lücken zu füllen.»

Hoffnung auf Subventionen

Noch steht das TV-Projekt am Anfang. «Wir möchten unsere Sendungen irgendwann wöchentlich ausstrahlen», sagt Bamidele. Auch die Ausdehnung auf weitere Sprachen sei ein Ziel. Dafür fehlen derzeit aber noch die Mittel. Denn finanzieren lässt sich das Projekt bisher nur dank privaten Filmaufträgen, die Bamidele nebenbei ausführt. Er produziert etwa Firmenvideos, filmt bei Events oder kümmert sich bei Anlässen um die Technik. Sein Traum ist es, für sein Medienprojekt eines Tages staatliche Subventionen zu erhalten. Denn sein Team, legitimiert er seine Vision, mache durchaus mehr als nur Fernsehen. «Wir sind auch Brückenbauer.»

Berner Zeitung

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