Separatismus als gemeinsames Familienerlebnis

Moutier

Hunderte Separatisten zogen am Freitagabend mit Fackeln, Flaggen und Transparenten durch Moutier. Die Stadt ist gespalten wie lange nicht mehr.

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Quentin Schlapbach@qscBZ

Ein gerupfter Teddybär liegt in der Rue de l'Hôtel-de-Ville. Eine Stunde lang diente er dem harten Kern der Separatisten als Ventil für all die Aggressionen und negativen Gefühle, welche sie gegenüber dem Kanton Bern hegen. Der Bär gehöre in die Alpen, nicht in den Jura, steht sinngemäss auf einem der vielen Plakate.

Moutier vermittelte am Freitagabend einmal mehr das Bild einer zutiefst gespaltenen Stadt. Weit über tausend Separatisten zogen mit Fackeln, Flaggen und Transparenten durch das Städtchen. Sie sehen sich nach dem Entscheid vom letzten Montag um ihren Abstimmungssieg betrogen.

Die Wut auf den ungeliebten Kanton Bern ist seither neu entflammt. Und dies lange nicht nur bei der besonders verbissenen Fraktion.

Der Separatismus ist in Moutier mehr denn je ein generationenübergreifendes Anliegen. Auf dem Besammlungsplatz neben dem Bahnhof singen bereits die Primarschüler den jurassischen Kampfspruch: Moutier ne sera plus jamais bernoise. Eine Handvoll Jugendliche stülpen sich derweil Masken über und marschieren mit vulgären Transparenten als erste los.

Jubel entbrandet, als der Zug aus Delémont eintrifft. Hunderte Jurassier schliessen sich ihren Kantonsgenossen im Herzen an.

Die grosse Menge aber ist friedlich und still. Die Stimmung ist vergleichbar mit einem Fussballmatch: Vorne der harte Kern, der sich vor allem gegen Ende des Umzugs immer wieder mit Knallpetarden bemerkbar machte; hinten der Familen- und Seniorensektor.

Halt macht der Umzug schliesslich vor der Stadtverwaltung. An deren Fassade prangt über zweieinhalb Stockwerke eine riesige Jura-Flagge. Mit Begeisterung jubelt die Menge Stadtpräsident Marcel Winistoerfer (CVP) zu, der in seiner Ansprache verspricht, dass der Kampf weitergehe.

Dann spaltet sich die Menge. Die Kleinsten gehen nach Hause, die Älteren strömen in die Beizen und die Jüngeren öffnen auf der Strasse ihr Dosenbier.

Der gerupfte Teddybär liegt mittlerweile unter dem Vorderrad eines Autos. Das Berner Kantonssymbol will an diesem Abend hier niemand mehr sehen.

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