Schwarzenburg, das Armenhaus

«Verdingt im Schwarzenburgerland» heisst die neue Ausstellung im Regionalmuseum. Sie erzählt die Geschichte von Fremdplatzierung und Armut in der Region.

Kinder aus armen Familien wurden besonders oft verdingt und mussten harte Arbeit verrichten.

Kinder aus armen Familien wurden besonders oft verdingt und mussten harte Arbeit verrichten. Bild: Keystone

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1978 publizierte das ehemalige Verdingkind Rosalia Wenger seine Lebensgeschichte als Buch. Der Bestseller wurde tausendfach verkauft. Die gebürtige Schwarzenburgerin ist längst gestorben, um das Thema Verdingkinder wurde es ruhig. Erst in den letzten Jahren lebte es wieder auf mit Filmen, Büchern und einer Ausstellung in Bern. Bei den Verantwortlichen des Regionalmuseums Schwarzenburg entstand die Idee, Recherchen für eine eigene Ausstellung zu beginnen.

Viel Material gefunden

Die Ausstellungsmacher Renate Schär und Simon Schweizer arbeiteten über ein Jahr für diese Ausstellung, die am Sonntag startet. Sie kümmerte sich um das Inhaltliche, er um das Administrative. Zu sehen sind Objekte, Fotografien und Schriftstücke, die das Verdingkinderwesen in der Region Schwarzenburg dokumentieren. Es war eine Zeit, in der Alkoholismus und Armut in kinderreichen Familien weit verbreitet waren.

«Die Fülle des Materials hat uns überwältigt», sagt Simon Schweizer. In den Archiven der Gemeinden liegen viele Dokumente, die bezeugen, dass im 19. Jahrhundert die Armut gross war. So war Guggisberg um 1850 die ärmste Gemeinde des Kantons Bern. Rüschegg war dafür bekannt, dass die Gemeinde viele Hausierer hervorbrachte. Diese produzierten im Winter Körbe und Bürsten und zogen im Frühling mit ihrem Karren durchs Land, um ihre Ware zu verkaufen.

«Armut war auch die Ursache für die meisten Fremdplatzierungen von Kindern. Anstatt eine armengenössige Familie direkt zu unterstützen, war es für die Behörden billiger, einzelne Kinder ausserhalb in Pflege zu geben», sagt Renate Schär.

Billige Arbeitskräfte

Die Ausstellung ist in verschiedene Teile gegliedert. Im Untergeschoss des Museums wird das Verdingwesen im Kanton Bern und in der Schweiz dokumentiert. Mit Erstaunen nimmt man zur Kenntnis, dass der Handel mit Kindern als billige Arbeitskräfte in ländlichen Regionen ein regelrechter Wirtschaftszweig war. Mit Inseraten suchten Landwirte 12- bis 14-jährige Knaben als Aushilfe.

Bis Ende des 19. Jahrhunderts wurden diese sogenannten Kostkinder auf Märkten versteigert. Vergeben wurden sie an die, die von der Gemeinde am wenigsten Kostgeld für die Kinder forderten. Eine Skala der kantonalen Armendirektion Bern zeigt, dass die Kostgelder pro Lebensjahr abnahmen. Erhielt die Familie für ein Baby monatlich 25 Franken, waren es für 12- bis 16-Jährige noch höchstens 8 Franken, denn grössere Kinder konnten ja schon als Arbeitskräfte genutzt werden.

Schelte und Schläge

Im oberen Stock des Museums wird es konkret: Sechs ehemalige Verdingkinder aus der Region Schwarzenburg, unter ihnen Rosalia Wenger, erzählen, wie es ­ihnen ergangen ist. Allen gemeinsam ist: Harte Arbeit war an der Tagesordnung, die Schule war Nebensache, die Behandlung meist lieblos.

Der 81-jährige Hugo Zingg berichtet über seine Kindheit, die er zuerst in einem Heim, dann bei einem Bauern verbrachte. «Ich wurde für alle Arbeiten auf dem Feld, im Haushalt und im Stall ­herangezogen.» Deshalb habe er viele Schulstunden versäumt. Statt Entwicklungsmöglichkeiten gab es Schelte, dazu Schläge mit dem Lederriemen. Erst als sich auf dem Hof ein junger Knecht das Leben nahm, wurden die Behörden aufmerksam, und Zingg kam weg.

Auch positive Beispiele

Es sei schwierig gewesen, mit ehemaligen Verdingkindern in Kontakt zu kommen, erzählt Renate Schär. Die meisten wollten nicht in dieser Ausstellung in Erscheinung treten. «Sie sagten, sie hätten mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen», sagt die Kuratorin. Natürlich gab es auch positive Beispiele, wo Verdingkinder gut aufgenommen wurden. «Ich kann nichts Negatives sagen», erklärt etwa eine Frau, die anonym bleiben will. Sie musste nicht hungern, der Kontakt mit den Pflegeeltern und deren Kindern sei immer herzlich gewesen.

Renate Schär verfügt über reichlich Material aus den Archiven. Bild: Beat Mathys

Trotz positiven Stimmen bleibt ein ungutes Gefühl, vor allem wenn Betroffene erzählen, dass sie als Erwachsene wegen ihrer Vergangenheit als Verdingkinder stigmatisiert wurden, keine Lehr- oder Arbeitsstelle fanden. Das erlebte auch Rosalia Wenger, die erst nach langen Jahren als Dienstmagd eine Lehre als Glätterin und Wäscherin machen konnte.

«Verdingt im Schwarzenburgerland». Sonntag, 7. Mai, bis Sonntag, 19. November. Regionalmuseum Schwarzenburg. www.regionalmuseum.com (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.05.2017, 09:56 Uhr

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