Schulen schaffen die Hausaufgaben ab

Mit dem Lehrplan 21 wurden Hausaufgaben aufs neue Schuljahr hin stark reduziert. Die Könizer Schulen haben nun die Ufzgi praktisch ganz abgeschafft. Das passt dem Gemeinderat überhaupt nicht.

Vokabeln büffeln und Rechenaufgaben lösen? In Köniz erhalten die Schüler keine solchen Hausaufgaben mehr erteilt. Diese werden neu in den Unterricht integriert.

Vokabeln büffeln und Rechenaufgaben lösen? In Köniz erhalten die Schüler keine solchen Hausaufgaben mehr erteilt. Diese werden neu in den Unterricht integriert.

(Bild: iStock)

Christoph Albrecht

Die Nachricht dürfte bei vielen Schülerinnen und Schülern in Köniz für Jubel gesorgt haben: Die gewohnten Hausaufgaben, so wurde ihnen vor kurzem mitgeteilt, gibt es für sie ab dem neuen Schuljahr nicht mehr. Ob Französischvokabeln büffeln, Rechenaufgaben lösen oder Grammatik üben – was den Kindern bisher in den Feierabend mitgegeben wurde, soll neu im Unterricht erledigt und dabei gemeinsam mit der Lehrperson be­sprochen werden.

Die Schüler müssen sich in ihrer Freizeit höchstens noch dann mit schulischen Inhalten befassen, wenn es etwa darum geht, Bastelmaterial zu besorgen oder sich für eine längerfristige Projektarbeit vertieft vorzubereiten. Jegliches weiterführende Pauken zu Hause ist ab sofort freiwillig.

Eingeführt haben diese neue Regelung die Schulleiter der ­Könizer Schulen in einem gemeinsamen und einstimmigen Beschluss. Katrin Breuer, Vorsitzende der Könizer Schulleiterkonferenz und selber Schulleiterin der Primarschule Blindenmoos in Schliern, bezeichnet den Entscheid als Paradigmenwechsel.

«Klassische Hausaufgaben gibt es nun nicht mehr.»Katrin Breuer Vorsitzende der Könizer Schulleiterkonferenz

«Klassische Hausaufgaben gibt es nun nicht mehr», sagt sie. Dadurch nehme die Belastung nicht nur für die Schüler ab, sondern auch für viele Eltern, die ­ihre Kinder nicht alle gleich gut unterstützen könnten. «Wenn die Aufgaben in den Unterricht integriert werden, kann besser auf die individuellen Fähigkeiten der Schüler eingegangen werden.»

Kritik an «Schnellschuss»

Mit dem Ufzgi-Verzicht gehen die Könizer Schulen einen Schritt weiter, als es der Kanton mit dem Lehrplan 21 eigentlich fordert. Letzterer ist in den bernischen Schulen auf das neue Schuljahr hin in Kraft getreten. Er sieht wegen der zusätzlichen Lektionen weniger Hausaufgaben vor als bisher.

Konkret heisst das: Bis zur 2. Klasse dürfen die Lehrer den Kindern nicht mehr als 30 Minuten Hausaufgaben pro Woche geben (vorher 90 Minuten), den Dritt- bis Sechstklässlern höchstens 45 Minuten (vorher 120 Minuten) und den Siebt- bis Neuntklässlern 90 Minuten (vorher 180 Minuten).

Dass die Könizer Schulen die Hausaufgabenzeit gleich auf null runtergeschraubt haben, hat in der Gemeinde einen Zwist zwischen Schule und Behörden ausgelöst. Ausgerechnet der Könizer Bildungsvorsteher Hans-Peter Kohler (FDP) zeigte sich vom Vorpreschen der Schulleiter gar nicht erfreut und bezeichnete ­deren Entscheid in den Medien kurz vor Beginn des neuen Schuljahrs als Schnellschuss.

«Es ist ein Fehler, die Hausaufgaben schon abzuschaffen, bevor der Lehrplan 21 überhaupt in Kraft ist», sagte der Gemeinderat ge­genüber Radio SRF. Er halte Hausaufgaben für wichtig, da das Leben für die Kinder auch später – etwa in Berufsbildung oder Studium – kompetitiv sein werde.

In Köniz dauern die Diskussionen über das neue Hausaufgabenmodell auch nach dem Schulbeginn an. «Es hat deswegen Spannungen gegeben», bestätigt Hans-Peter Kohler. Er wisse von einzelnen Schulleitern und Lehrpersonen, «die in dieser Sache nicht die gleiche Meinung haben».

Der Entscheid der Schul­leiterkonferenz und deren vermeintlich vorschnelle Kommunikation gegenüber Lehrerschaft und Eltern missfällt den Behörden offenbar so sehr, dass man nun Gespräche einberufen hat. «Das muss jetzt ausdiskutiert werden», so Kohler, der von einem «Kompetenzproblem» spricht.

«Thema nicht abgeschlossen»

Konkret geht es um die Frage, wer eigentlich einen solchen Entscheid treffen kann. «Die Schulkommission ist der Ansicht, dass sie da auch etwas zu sagen hat», so Kohler, der ebendiese Schul­kommission – also das politisch-strategische Führungsorgan der Schule – präsidiert. Ob die Schulleiter nun zurückgepfiffen und die Hausaufgaben am Ende wieder eingeführt werden, lässt Kohler offen. Er sagt nur: «Das Thema ist nicht abgeschlossen.»

Allerdings: Fragt man beim Kanton nach, wer über eine solche neue Hausaufgabenregelung befinden darf, scheint die Antwort klar. «Die Schulleitungskonferenz kann das tun», sagt Erwin Sommer, Vorsteher des kantonalen Volksschulamts.

Er verweist auf die Bestimmungen im Lehrplan 21. «Da steht, dass Lehrpersonen auch ganz auf das Erteilen von Hausaufgaben verzichten können.» Sommer hält das Vorgehen der Könizer Schulleiter aber dennoch für «nicht sehr sensibel», wie er sagt. «Optimal wäre gewesen, wenn sie die Behörden mit ins Boot geholt hätten.»

Geteilte Meinungen bei Eltern

Bei den Eltern der Könizer Schüler gibt es derweil unterschied­liche Auffassungen zur neuen Regelung. Das neue Modell habe zu guten Diskussionen geführt, sagt Lukas Frösch, Präsident der Könizer Elternräte. Es bestehen aber offenbar auch Ängste. «Einige Eltern befürchten, dass ihre Kinder als Versuchskaninchen herhalten müssen», so Frösch.

Die grösste Sorge der Elternsei, die Kontrolle darüber zuverlieren, wo ihre Kinder inder Schule stehen. Dieser Angst wollen die Könizer Schulen mit sogenannten Lernspuren begegnen – eine Art Lerntagebuch, durch das die Eltern einenEinblick erhalten und regelmässig über die Entwicklungenaufdatiert werden.

Nebst Skepsis gibt es laut Frösch aber auch viele Eltern, die der Abschaffung der Hausaufgaben positiv gegenüberstehen. Auch er persönlich – selber dreifacher Vater von schulpflichtigen Kindern – sieht vor allem Vorteile. «Ich finde es gut, dass es eine Kompensation der zusätzlichen Lektionen gibt.»

Der Verzicht auf Hausaufgaben ermögliche zudem, die gewonnene Zeit vermehrt fürs Erlernen von Instrumenten, für Sport oder soziale Kontakte zu nutzen. «Das kommt gerade schwächeren Schülern zugute.» Diese hätten jeweils länger an Hausaufgaben sitzen müssen und seien dadurch punkto sozialer Austausche eher benachteiligt gewesen.

Berner Zeitung

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