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Schriftsteller wird aus Herrenhaus verdrängt

Der Schriftsteller E.Y. Meyer muss das alte Herrenhaus des Brünnenguts verlassen, in dem er seit 26 Jahren wohnt und arbeitet. Was während der letzten Jahre um ihn herum erbaut wurde, findet er langweilig und seelenlos.

E.Y. Meyer und Kater Gumpy: Voraussichtlich 2012 heisst es Abschied nehmen vom Brünnengut.
E.Y. Meyer und Kater Gumpy: Voraussichtlich 2012 heisst es Abschied nehmen vom Brünnengut.
Andreas Blatter

Ganz Bern freut sich: Die kürzlich eingeweihte Parkanlage Brünnengut und die neuen Wohnhäuser an ihrem Rand verbinden die Quartiere Tscharnergut, Holenacker, Gäbelbach und Brünnen zu einem Ganzen. Das Westside steht nicht mehr länger ausserhalb Berns einsam auf der Wiese, sondern ist Bestandteil der Stadt, die neu erst beim Westside endet.

Ganz Bern freut sich? Nein. Für den Schriftsteller E.Y. Meyer bedeuten die Veränderungen in Bern West, dass er das alte Herrenhaus des Brünnenguts verlassen muss, wo er seit 26 Jahren im ersten Stock lebt und arbeitet. Das Haus, dessen ältester Teil von 1678 datiert, soll saniert werden und dann die auf 70 Plätze für 120 Kinder vergrösserte, seit 1984 bestehende Kindertagesstätte beherbergen.

Von Besatzern umzingelt

Noch harrt Meyer aus, mitten in der neuen Anlage und umgeben von Neubauten, die dereinst 2600 Bewohnern Platz bieten sollen. Ein Bild, das sich aufdrängt: Meyer als letzter unbeugsamer Gallier, umzingelt von römischen Besatzern.

Doch E.Y. Meyer ist kein Sonderling, der im fortgeschrittenen Alter nicht mehr zügeln mag. Meyer verliert mehr als einen einmaligen Wohnort. Er wird entwurzelt vom Ort, an dem er schrieb und malte und Raum hatte, sich kreativ auszutoben. Entwurzelt wie die Bäume auf der Nordseite des Hauses, die bis auf einen der Aussichtsplattform weichen mussten, die gemäss alten Plänen schon einmal existiert hatte. Bot die Plattform einst Ausblick ins weite Grüne, erscheint sie heute mit Sicht auf Murtenstrasse und Hochhäuser bedingt sinnvoll.

Vom Bubenheim zur Kita

Mehr Sinn mag im Projekt am Haus selber erkennen, wer Brünnen als Ganzes in den Blick nimmt. Laut Jürg Haeberli vom städtischen Jugendamt brauche Brünnen eine weitere Kindertagesstätte: «Im Moment ist die Kita Gäbelbach provisorisch in alten Pavillons einquartiert.» Deshalb musste im Wettbewerb der Stadtbauten Bern Platz für eine neue Kita geplant werden. Das siegreiche Projekt will dafür das denkmalgeschützte Herrenhaus sanieren und umbauen.

Die Kindertagesstätte wird im Herrenhaus eine lange Tradition fortführen. 1882 konnte die Anstalt «auf der Grube» bei Niederwangen dank einer Schenkung das Hofgut Brünnen kaufen und dort «eine weitere Erziehungsanstalt für arme, elternlose Knaben» eröffnen, wie es die Erblasserin verfügt hatte.

Kartoffeln auf Köpfen

Der Name der Erblasserin: Emilie Bitzius, Nichte von Albert Bitzius, der als Jeremias Gotthelf bekannt wurde. Gotthelf habe schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegen die Zersiedelung gekämpft, sagt Meyer: «Gotthelf warnte die Bauern davor, die Kartoffeln bald auf ihren Köpfen pflanzen zu müssen.»

Es ist ein Hauptthema in Meyers Werken. Bekannt geworden 1973 mit dem Roman «In Trubschachen», trägt etwa sein Buch «Plädoyer» aus dem Jahr 1982 den Untertitel «Für die Erhaltung der Vielfalt der Natur beziehungsweise für deren Verteidigung gegen die ihr drohende Vernichtung durch die Einfalt des Menschen.»

Fledermaus im Flur

Fast dreissig Jahre später steht E.Y. Meyer im barocken Garten des Herrenhauses, unter ihm im Boden die vierspurige Autobahn. Er lässt seinen Blick über die neue Parkanlage schweifen, die Lindenallee, die Grillstellen und Spielgeräte. «Es ist schon grün», sagt Meyer, «aber sind diese monotonen Rasenflächen im Grunde nicht auch zubetoniert?» 1982 schrieb er von falschen Paradiesen, von einer «langweiligen und langweilenden (...) Trümmerlandschaft». Langeweile befällt ihn auch beim Blick auf die neuen Wohnhäuser des Westside, und zwar «nach zwei Sekunden».

Das alte Herrenhaus scheint daneben wie aus der Zeit gefallen. Zwar widmeten sich Meyer und seine Frau nach dem Einzug ein Jahr lang der Instandstellung ihrer Wohnung, aber eben, das war 1984. Heute liegt schon einmal eine tote Fledermaus hinter einem Bild, das im Wohnungsflur an die Wand lehnt.

Laut Auskunft der Stadtbauten Bern erarbeitet die städtische Direktion für Bildung, Soziales und Sport derzeit die nächsten Projektierungsschritte zum Herrenhaus. Das weitere Vorgehen werde den Mietern frühzeitig mitgeteilt. 2012 soll mit den Bauarbeiten begonnen werden. E. Y. Meyer hofft, seinen aktuellen Roman noch im Brünnengut abschliessen zu können.

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