Schrebergärtner kämpfen mit Falschaussagen gegen Viererfeld

Bern

191 Familiengartenparzellen wären verloren, 250 Alleebäume nie mehr ersetzbar: Mit solchen Aussagen wehren sich die Familiengärtner gegen die Viererfeld-Überbauung. Doch ihre Behauptungen stimmen nicht.

Die Gärten erhalten gleich viel Fläche wie heute.

Die Gärten erhalten gleich viel Fläche wie heute.

(Bild: Urs Baumann)

«Nein zur Aufhebung von 191 Gartenparzellen» und «Nein zur Gefährdung von 256 Alleebäumen»: Mit diesen Parolen kämpfen die Familiengärtner des Vereins Brückfeld-Enge auf ihrem Flugblatt gegen die Überbauung Viererfeld. Bei Anwohnern und Naturliebhabern ziehen diese ­Argumente. Nur: Sie sind falsch.

Gleiche Fläche für Gärten

«Es gibt nicht weniger Gärten», versichert Berns Stadtplaner Mark Werren. Und nicht nur er: Auch Walter Glauser, der in der Stadt für alle Familiengärten verantwortlich ist, sagt: «Die Planung sieht die gleiche Fläche und Parzellenzahl für Familiengärten vor.» Auch Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) versichert: «Alle bisherigen Mieter ­erhalten wieder einen Familiengartenplatz.»

Konkret ist Folgendes geplant: Gut 100 der 121 Familiengärtner, die derzeit auf den beiden Plätzen Enge-Studerstrasse und Viererfeld eine Parzelle haben, können ungeachtet der Überbauung auf ihrem aktuellen Platz weitergärtnern. Unter den Bagger kommt aber die ganze Gartenanlage auf dem Mittelfeld zwischen Studerstein und Neubrückstrasse. An der Stelle der 70 Parzellen sind dort Neubauten geplant.

Die dort verlorenen Parzellen werden aber in gleicher Grösse und Zahl auf dem Viererfeld ­wieder zur Verfügung stehen. Schliesslich werden alle Familiengärten in den neuen Stadtpark integriert – die einen befinden sich heute schon auf diesem Teil des Viererfelds, die 70 anderen werden eben vom Mittelfeld dorthin verlegt. Geplant ist, dass diese Familiengärtner nahtlos auf ihre neue Parzelle wechseln können. Sie müssen also auch während der Bauzeit nicht auf ihren Garten verzichten.

Doch unbeirrt von diesen Planungsgrundlagen behaupten die betroffenen Familiengärtner an ihren Standaktionen in der ganzen Stadt das Gegenteil: Wenn die Vorlage angenommen werde, «gehen 191 Gartenparzellen unwiederbringlich verloren», schrieb die Präsidentin des Familien-Garten-Vereins Brückfeld-Enge, Marlise Weder, in einem Aufruf an Helfer. «Familiengärten können nicht mehr angelegt werden», heisst es dort auch.

Und die 250 Alleebäume würden nie mehr ersetzbar sein. Wie sie zu diesen Behauptungen kommt? Es seien «Befürchtungen», räumt sie gegenüber dieser Zeitung ein. Sie präzisiert: Die künftigen Parzellen seien nicht mehr vergleichbar mit den heutigen Gärten. Die geplanten bis zu 23 Meter hohen Häuser würden zu viel Schatten werfen. Und es werde mit den Sportlern einen Kampf ums Areal geben.

Aus Erfahrung wisse sie, dass ein Sportfeld immer Vorrang habe gegenüber einem Garten. Auch eine Dauerbepflanzung werde nicht mehr erlaubt sein, weil überall Leitungen verlegt würden. Ausserdem seien die 250 Alleebäume an der Engestrasse stark gefährdet.

Baumallee bleibt erhalten

Belegen kann Marlise Weder ihre Mutmassungen nicht. Handkehrum können die Planer einige Behauptungen entkräften. Es sei zwar möglich, dass einer der Alleebäume wegen einer Einfahrt zur Überbauung gefällt würde, gibt Mark Werren unumwunden zu. Doch in der Abstimmungsbotschaft heisst es unmissverständlich: «Die historische Baumallee bleibt erhalten.» Und sie wird sogar speziell geschützt: «Der minimale Bauabstand beträgt 15 Meter ab Stammmitte.»

Der Stadtplaner betont, dass die freie Fläche neben der Überbauung alles andere als das von den Gärtnern heraufbeschworene Schattenloch würde. «Es gäbe einen hellen Raum, vergleichbar mit dem Brünnenpark», erklärt Mark Werren. Rechnet man nach, zeigt sich, dass zumindest jene gut 100 Gartenparzellen, die am bestehenden Ort bleiben würden, kaum in den Schatten eines Hauses geraten dürften.

Sie liegen 60 bis 200 Meter weg von den geplanten Blöcken. Wo genau die rund 90 Parzellen hinkämen, die verlegt werden müssten, ist noch nicht festgelegt. Zurzeit sind die drei Gartenareale beim Studer­stein und auf dem Viererfeld voll belegt. Sie sind so beliebt, dass es eine Warteliste gibt.

Dreimal der Rosengarten

Marlise Werder betont, dass sich nicht nur die Familiengärtner dagegen wehren würden, dass in ihrer Nachbarschaft eine neue Siedlung gebaut werde. Sie ist überzeugt: Auf dem «Streifen», der nach der Überbauung des Viererfelds übrig bleiben würde, wolle bestimmt auch niemand anders seine Freizeit verbringen.

Diese Behauptung lässt sich weder erhärten noch widerlegen. Allerdings muss man präzisieren: Beim «Streifen» handelt es sich immerhin um die Hälfte des heutigen Viererfelds. Der neue Stadtpark wäre dreimal so gross wie der Rosengarten.

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