Schnürsenkel, Zelte und das Gegenteil von Brexit

Bern

Kalt und nass wars am Tag eins des Gurtenfestivals. Während die einen noch ihr Zelt aufstellten, deckten sich andere schon mit dem It-Piece des Tages ein: farbigen Schnürsenkeln.

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Der frühe Vogel fängt den Wurm, sagt man. Doch als sich um 14 Uhr die Tore zum Festivalgelände öffnen, scheinen sich sogar die Würmer vor dem Regen verzogen zu haben. So fangen die frühen ­Vögelchen höchstens eine kalte Dusche: Es schüttet in Strömen. Der Rasen auf dem Gelände ist grün, aber nicht mehr lange.

Die Schlange an den Umtauschstationen (Ticket gegen Festivalbändel) hält sich noch in Grenzen. Während der Ansturm auf den Berg im Verlauf des Nachmittags immer grösser wird, werden die Regentropfen immer seltener, bis gegen 16 Uhr sogar scheu die Sonne hervorlugt.

«Mein erstes Gurtenbier!», ruft jemand,und ein anderer antwortet: «Mein drittes!» Gesprächsthema Nummer eins ist aber erst mal nicht das Bier, sondern die personalisierten Tickets. «Den Schwarzmarkt zu bekämpfen, ist ja gut, aber muss man auch die Kunden vergraulen?», motzt eine junge Frau, die von der Warteschlange gebissen wurde.

«Komm, wir holen uns Schnürsenkel!», tröstet sie ihre Kollegin. Denn Schnürsenkel, so muss man wissen, sind das It-Piece des ersten Festivaltags: Es werden Bändel in verschiedenen Farben verteilt – jede Farbe symbolisiert einen Beziehungsstatus. Der kontaktfreudige Festivalgänger trägt sie ums Handgelenk, um den Kopf, den Hals – Hauptsache, gleich sichtbar. Nicht kommunizieren, sondern gleich knutschen, lautet die Devise.

Während die Schnürsenkel die Runde machen,macht die Kälte zu schaffen. Auf der Zelt- und der Waldbühne beginnt die schönste Nebensache des Festivaltrubels: die Musik. Die Thuner Band The Two Romans verbreitet von der Waldbühne her charmanten Dramafolk und lobt das Publikum: «So cool, wie ihr mitmacht!»

Vor der Zeltbühne verschütten zwei St. Gallerinnen kichernd ihr Bier. Sagt die eine zur andern: «Du, da isch doch egal. Da ischs Guote, do kennt üs eh niemmo!» Neben ihnen fallen sich drei Bernerinnen in die Arme, die sich seit der Kindergartenzeit nicht mehr gesehen haben. Auf der Zeltbühne steht ein schüchterner Londoner mit eindringlicher Bühnenpräsenz: Es ist der Soulsänger Michael Kiwanuka. Seine Stimme verbreitet Wärme in herbstlicher Atmosphäre.

Um halb sechs gehts auch auf der Hauptbühne los: Frank Turner wird angekündigt als das «Gegenteil von Brexit». Der englische Musiker verbreitet tatsächlich penetrant Integrationslaune. Mit seinem weissen Hemd und der schwarzen Krawatte wirkt er wie der Prediger einer Freikirche. Seine Meinung zum Zustand der Welt: «We’re all the same fucking team!»

Am Abend schliesslich scheint sich der Ärgerüber die personalisierten Tickets mehrheitlich verflüchtigt zu haben. Für die längeren Wartezeiten war auch nicht das neue Ticketsystem verantwortlich, das laut Veranstalter «einwandfrei» funktionierte, sondern der ungewohnt grosse Andrang am Donnerstag. Und der wiederum geht auf die Kappe der spätabendlichen Hauptbühnenattraktion: Muse.

So verlief der Donnerstag am Gurten.

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