Schliessung von Poststellen: Die Behörden werden hellhörig

Nach den Tricksereien bei Postauto nun auch Tricksereien im Bereich der Poststellen? Gemeinden, die um die Post im Dorf fürchten müssen, horchen jedenfalls auf. Wohlen zum Beispiel. Oder Bolligen.

In diversen Dörfern verschwinden die Poststellen, wie hier etwa in Grossaffoltern.

In diversen Dörfern verschwinden die Poststellen, wie hier etwa in Grossaffoltern.

(Bild: Enrique Muñoz García)

Stephan Künzi

Hat die Post am Ende nicht nur bei Postauto getrickst? Die Frage steht im Raum, seit die Thurgauer SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher im Schweizer Radio angekündigt hat: Ihre Verkehrs- und Fernmeldekommission will von der Postspitze wissen, ob sie nicht auch das Geschäft am Postschalter mit buchhalterischen Kniffen künstlich schlechtrechnen lässt. Damit sie bei Poststellenschliessungen ein Argument mehr zur Hand hat.

Stutzig gemacht hat die Politikerinnen und Politiker, dass sich im Jahr 2016 das Defizit in diesem Geschäftsbereich auf einen Schlag verdoppelt hat – von den langjährigen rund 100 auf nun rund 200 Millionen Franken. Die Gründe für den Sprung sind für Aussenstehende offenbar kaum nachvollziehbar: «Bisher konnte mir niemand die Sache plausibel machen», hielt Graf-Litscher ges­tern auf Nachfrage fest.

Wohlen: Fragezeichen

Sie ist in guter Gesellschaft – besonders dort, wo die Post zum Rückzug bläst. «Bei uns horchen die Leute auf», sagt zum Beispiel Gemeindepräsident Bänz Müller (SP plus) in Wohlen. Seit Monaten bewegt hier der drohende Verlust der Poststelle im Ortsteil Uettligen die Gemüter, und nicht weniger als 2500 Personen haben eine Petition zum Erhalt der Post im Dorf unterschrieben. Das sei gut ein Viertel aller Einwohner Wohlens und damit sehr viel, hält Müller fest – um gleich anzufügen: Den Entscheid über eine allfällige Schliessung müsse die Post selber fällen. Es sei nicht an der Gemeinde, sich in diese Belange einzumischen.

Trotzdem gibt er zu bedenken, dass der Zeitpunkt für einen ­solchen Schritt «schon sehr speziell» wäre. Weil National- und Ständerat erst im vergangenen Herbst die grundlegende Frage aufgeworfen hätten, ob die Post ihr eigenes Netz nicht allzu sehr ausdünne. Und weil nun im Sog der Postautoaffäre plötzlich eben auch unklar sei, inwieweit auf die offiziellen Geschäftszahlen im Bereich Poststellen überhaupt Verlass sei.

Bolligen: Nun die Debatte

In Bolligen horcht auch Gemeindepräsidentin Kathrin Zuber auf. Die FDPlerin vertritt eine Gemeinde mit mehr als 6000 Einwohnern und aktuell einer Poststelle – und auch diese ist in Gefahr. Zwar nicht sofort, sondern frühestens im nächsten Jahr oder noch später, und doch: Sie denke, dass die Post nach den jüngsten Ereignissen nicht so weitermachen könne wie bisher, sagt Zuber. Sie hofft nun auf eine breit­gefasste Diskussion darüber, ob die Post den Fokus statt auf den Gewinn nicht wieder stärker auf ihren Grundversorgungsauftrag richten soll.

Für den Fall der Fälle knüpft sie trotzdem schon heute erste Kontakte zu möglichen Partnern, Läden etwa, die eine Postagentur bei sich einquartieren könnten.

Lyss: Gebranntes Kind

Busswil in der Gemeinde Lyss hat diesen Schritt schon fast hinter sich. Ungeachtet dessen, dass die Leute hier sich genauso für die Post im Dorf eingesetzt haben wie aktuell in Wohlen: Just in diesen so turbulenten Tagen gab die Post bekannt, dass sie am 9. März die Poststelle schliesst. Drei Tage später wird im nahen Bahnhofkiosk eine Postagentur die Geschäfte weiterführen.

In dieser Situation bleibt Gemeindepräsident Andreas Hegg (FDP) nichts anderes übrig, also nochmals hörbar enttäuscht festzustellen, «dass wir mit unserem Kampf keine Chance hatten». Umso ärgerlicher wäre es für ihn, wenn sich bei den Poststellen Ähnliches wiederholen sollte wie bei Postauto, wo die Buchhaltung zulasten der Steuerzahler frisiert worden ist.

Lyss ist in dieser Beziehung ein gebranntes Kind: Von 2011 bis 2013 führte Postauto im Auftrag von Gemeinde und Kanton den Ortsbus, und noch ist offen, ob die öffentliche Hand dafür nicht zu viel bezahlt hat.

Berner Zeitung

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