Schauspielstudenten leben wie Dschingis Khan

Wabern

Diese Woche findet in der Berner Dampfzentrale das Theatertreffen deutschsprachiger Schauspielstudierenden statt. Übernachten können die jungen Frauen und Männer in modernen Jurten im Eichholz.

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Martin Bürki@tinubuerki27

Auf der Wiese im Camping Eichholz in Wabern stehen derzeit 21 dunkelbraune, siloartige Gebilde. «Pavillondorf», ist am Eingang zu lesen. Und auf einem anderen Schild, das wohl nachträglich angebracht worden ist, steht: «Zutritt für Unbefugte verboten.» Die Anlage wecke durchaus die Neugier bei Passanten, erzählt Florian Reichert, der am Ursprung dieses Camps steht.

Ein Camp, in dem in dieser Woche über 200 Studenten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz leben. Die Hochschule der Künste Bern (HKB) ist heuer Veranstalter des alljährlich stattfindenden Theatertreffens deutschsprachiger Schauspielstudierender (siehe Kasten), Florian Reichert als Fachbereichsleiter Oper und Theater an der HKB sozusagen der Gastgeber.

Eine originelle Alternative

«Normalerweise leben die Studierenden in Hotels», erklärt Reichert. In Bern habe man gleich aus zwei Gründen davon abgesehen: Günstige Hotels sind im Bereich Guisanplatz gelegen, von wo aus die Dampfzentrale, wo die Aufführungen und Workshops des Theatertreffens stattfinden, äusserst unpraktisch zu erreichen ist. «Neben diesem logistischen Hindernis empfinden wir es auch als unpassend, diese kreativen Köpfe in normierte Hotels zu stecken.»

Die HKB habe eine originelle Alternative gesucht, die den sozialen Zusammenhalt fördert – und ist innerhalb der Berner Fachhochschule (BFH), zu der auch die HKB gehört, fündig geworden: Die Leichtbaupavillons des Departements Architektur, Holz und Bau. Die ursprünglich vor rund drei Jahren als Messepavillons konzipierten Elementbauten wurden so modifiziert, dass sie als Massenschlag dienen.

Das Prinzip sei an die Jurte angelehnt, das traditionelle Zelt nomadischer Völker in West- und Zentralasien, etwa bei den Mongolen, erklärt Ulrich Baierlipp, Professor für Architektur und Baukonstruktion bei der BFH. «Entworfen hatten wir den Prototypen für einen Wettbewerb in Frankreich, bei dem es darum ging, einen Ausstellungs-Pavillon zu kreieren, der mit möglichst wenig Material auskommt und von vier ungelernten Arbeitern in weniger als vier Stunden zusammengestellt werden kann.»

Dünne Sperrholzbauten

Die Besonderheit am Modell der BFH, für die es auch den ersten Preis bei besagtem Wettbewerb absahnte, ist, dass die Wand- und Dachelemente aus nur 6,5 Millimeter dicken Sperrholzplatten bestehen, die aufgrund ihrer Dünne leicht gebogen werden können und dem Pavillon eine Statik verleihen, so dass er im Innenraum ohne Stützen auskommt.

Letzte Woche haben BFH-Studenten, hauptsächlich von der HKB, die insgesamt 21 Pavillons im Eichholz aufgestellt. Konstantin Rommelfangen, einer der Studierenden, erinnert sich: «Der erste Tag war schrecklich, zumal es pausenlos geregnet hat.» Im Laufe der Woche habe sich durch die für angehende Schauspieler ungewöhnliche Aufgabe ein Teambuilding-Effekt spürbar gemacht. «Und am Schluss brauchten wir nur noch dreieinhalb Stunden für den Aufbau eines einzelnen Pavillons.»

Sechs 3er-Stockbetten stehen in jedem Pavillon, wobei jeweils nur zwei Personen darin schlafen, die oberste Etage dient als Gepäckablage. So hat jede teilnehmende Hochschule, von der Theaterakademie Hamburg bis zum Salzburger Mozarteum, seine eigene «Jurte». Verpflegt werden die Studenten hauptsächlich in der Dampfzentrale, als sanitäre Anlagen stehen jene des Campings zur Verfügung.

Festivalcharakter mit allen Vor- und Nachteilen

Die Meinungen bei den Studenten gehen auseinander: «Klasse», finden es zwei Studenten aus München, «es erinnert so an Klassenfahrt oder an ein Festival, mit der Liegewiese oder dem naheliegenden Beachvolleyball-Court.» Ein Kollege aus Berlin widerspricht dezent, dass es auch eine zusätzliche «Belastung» sei: «Zu zwölft in einem Raum zu schlafen, ist nicht einfach.»

Einig sind sich die befragten Studenten in Sachen Wetter: Bei Sonnenschein, so wie am Montag, sei es schon cool, so nahe beieinander zu sein, auch die Nähe zur Aare. «Derzeit ist es aber ziemlich kalt, gerade in der Nacht. Nicht ideal für die Stimme, wenn man noch auf der Bühne stehen muss», gibt der Student der Berliner Unversität der Künste zu bedenken.

Die Temperatur habe auch den Konstrukteuren Sorgen bereitet, wie Ulrich Baierlipp gesteht: «Allerdings hatten wir eher befürchtet, es könnte im Innern zu heiss werden.» Angenehmer als ein übliches Stoffzelt ist der Pavillon dennoch: Die lichtdichte Hülle erlaubt längeres Schlafen, was bei Spielzeiten bis Mitternacht auch nötig ist. Und gegen die Kälte haben Studenten, denen ihr Schlafsack nicht ausreicht, Wolldecken erhalten.

Verkauf nach Gebrauch

Nach dem Theatertreffen, wenn die Studenten am Sonntag wieder abgereist sind, sollen die Pavillons weiterverkauft werden. «Den Kaufpreis haben wir noch nicht festgelegt», sagt Konstantin Rommelfangen. «Klar ist hingegen, dass im Preis auch der Ab- und Wiederaufbau durch Studenten der HKB enthalten ist. Nur der Transport ist Sache des Käufers.»

Interessenten bestünden bereits vereinzelt, wie Florian Reichert verrät: «Sogar das Deutsche Bundesministerium hat angedeutet, über die Anschaffung eines Pavillons nachzudenken.» Anfragen nimmt die BFH im Departement Architektur, Bau und Holz entgegen: office.ahb@bfh.ch.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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