Schauspieler leiden im Krankenbett

Bern

Das Berner Bildungszentrum Pflege geht bei der Ausbildung besondere Wege. Die Studierenden arbeiten als Vorbereitung auf den Berufsalltag mit Schauspielern zusammen.

Der Schauspieler Reto Stalder?spielt einen depressiven Kranken. Befragt über sein Befinden wird er von Carmen Weber, die im Bildungszentrum Pflege ausgebildet wurde.

Der Schauspieler Reto Stalder?spielt einen depressiven Kranken. Befragt über sein Befinden wird er von Carmen Weber, die im Bildungszentrum Pflege ausgebildet wurde.

(Bild: Andreas Blatter)

Cedric Fröhlich@cedricfroehlich

Wer in einem Spital arbeitet, muss mit allem rechnen. Mit Notfällen, seltenen Krankheiten, Schicksalsschlägen: Das zumindest vermitteln unzählige TV-Serien. Die Wirklichkeit widerspiegeln Grey’s Anatomy oder Dr. House dabei höchstens bedingt. Eines aber haben Fiktion und Realität durchaus gemeinsam: Kein Patient gleicht dem anderen. Deshalb gehört Flexibilität zu den wichtigsten Eigenschaften für jene, die tatsächlich täglich im Spital oder Pflegeheim arbeiten.

Diesem Umstand trägt man am Berner Bildungszentrum Pflege (BZ Pflege) Rechnung. An den Standorten in Bern und Thun werden insgesamt 1300 angehende diplomierte Pflegefachpersonen auf den medizinischen Pflegealltag vorbereitet. Dabei setzt man auf eine Lernmethode, welche bestens in die Traumfabriken Hollywoods passen würde: die Arbeit mit Schauspielpatienten.

Die schwierige Aufgabe

Am BZ Pflege am Berner Europaplatz herrscht konzentrierte Ruhe an diesem Nachmittag. Es ist Prüfungszeit. Auf dem vierten Stock des modernen Gebäudes warten elf junge Frauen auf den Start eines ganz speziellen Examens. Die Probandinnen stehen verteilt über den Gang, jede vor einem anderen Zimmer. Hinter den Türen warten ihre «Patienten», gespielt von Schauspielern.

Während die angehenden Pflegefachfrauen auf den Beginn des Tests warten, studieren sie aufmerksam die Patientenblätter, die an den Türen angeschlagen sind. Auch Carmen Weber liest konzentriert, bis ein lauter Gong ertönt und die Prüfung beginnt.

Die junge Frau klopft an der Tür, betritt den Raum und begrüsst den Mann im Krankenbett mit ein paar freundlichen Worten. Dieser liegt zusammengerollt auf seinem Bett und reagiert nicht. Das Nachthemd hängt schlaff an seinem schmächtigen Körper. Sein Blick verharrt im Leeren. Die Apathie des Mannes hat einen Grund. Gemäss Drehbuch leidet er an Depressionen. Erst gestern hatte er versucht, sich das Leben zu nehmen.

Gut gelöst

Carmen Webers Aufgabe ist es, im Gespräch herauszufinden, wie es mit dem Patienten weitergeht. Sie muss dabei Einfühlungsvermögen an den Tag legen, soll aber nicht um den heissen Brei herumreden. Dabei wird sie von einer Expertin beobachtet. Diese sitzt selbst nicht im Zimmer. Die Prüferin beobachtet von aussen, hinter einem überdimensionierten Spiegel sitzend. Von dort aus hat sie einen freien Blick auf die Szene am Krankenbett. Per Kopfhörer hört sie jedes Wort mit. Nach und nach füllt sie den Bewertungsbogen auf dem Bildschirm vor ihr aus.

«Sie haben letzte Nacht versucht sich zu suizidieren», Weber kommt direkt zur Sache – was die Expertin prompt mit der Höchstzahl in der Kolonne «Spricht das Thema direkt an» einbringt. «Ich bin hier, um mit Ihnen darüber zu reden», fährt die Pflegende fort. Wie es ihm denn heute gehe, will sie wissen.

Leise beginnt der Mann zu erzählen: Seit dem Tod seiner Frau gehe es ihm schlecht. Sie sei bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen. «Die Bilder verfolgen mich noch immer.» Carmen Weber hört aufmerksam zu, sagt, dass sie seine Situation verstehe. Ob er vorhabe, seinen Suizidversuch zu wiederholen. «Nein», beteuert der Mann. Sechs Minuten dauert das Patientengespräch, dann ist die Prüfung zu Ende. Die Expertin nickt anerkennend.

Ehrliche Patienten

Für Carmen Weber und die anderen Prüflinge war die Situation nicht neu. Am BZ Pflege gehört die Ausbildung mit simulierten Patientensituationen zum festen Bestandteil des Unterrichts. Verantwortlich dafür ist Claudia Schlegel.

Sie hat jahrelang an dieser Trainingsmethode geforscht und ist von ihrer Wirksamkeit überzeugt: «Die Studierenden spielen etliche Situationen quasi real durch. Auf diese Erfahrung können sie im Berufsalltag zurückgreifen», erklärt Schlegel.

Studien hätten gezeigt, dass die Ausbildungsmethode zu einer signifikanten Verbesserung der Kommunikation zwischen Patienten und Pflegenden führe. Besonders wertvoll sei die Rückmeldung der Simulationspatienten. Denn Schauspielpatienten sind laut Schlegel «die ehrlicheren Patienten.» Das gelte insbesondere, wenn die Behandlung nicht optimal gewesen sei.

Vom Set ins Krankenbett

Carmen Weber ist derweil froh, das Examen hinter sich zu haben. Die 23-Jährige meint: «Es ist eine der schwierigsten Prüfungen.» Aber alles in allem sei es eine gute Vorbereitung auf Unerwartetes. «Man weiss ja nie, was auf einen zukommen kann.» Auf die Frage, ob sie ihren Patienten erkannt habe, entgegnet die angehende Pflegefachfrau etwas verdutzt: «Nein, wer war das?»

Reto Stalder als Fabio Testi in der Serie «Der Bestatter». SRF

Der Mann heisst Reto Stalder ist einer der gefragtesten Schweizer Schauspieler und spielt in der Fernsehreihe «Der Bestatter» mit; als dessen Praktikant namens Fabio Testi. Für die Prüfung unterbrach er eigens die Dreharbeiten zur fünften Staffel. Seit einiger Zeit ist Stalder regelmässig «Patient» am BZ Pflege. «Auch für mich eine sehr gute Übung», meint der 30-Jährige. Ein Schauspieler, ein Krankenzimmer wie ein Filmset, ein bewegendes Schicksal. Ein Hauch von Hollywood. Also doch.

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