Schatzjäger auf Draht

Am Dienstag kamen in Wil bei St. Gallen zwei wertvolle Berner Goldmünzen unter den Hammer. Vielleicht gehörten sie sogar zum Raubgut Napoleons. Unter den Bietern war auch Münzexperte Georges Brosi.

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Die Flaggen wehen vor dem Auktionshaus Rapp in Wil bei St. Gallen. Die Banner stammen aus den unterschiedlichsten Ländern – wie die Gäste, die an diesem Vormittag nach Wil kommen, um an einer der weltweit grössten Auktionen Münzen, Medaillen, Banknoten und Orden zu ersteigern. Unter ihnen ist der Bündner Georges Brosi, Münzenexperte, -sammler und -händler.

Er hat es an diesem Tag auf einige besondere Stücke abgesehen. Unter anderem auf zwei Berner Münzen aus dem Ancien Régime. «Diese hier ist besonders schön erhalten», sagt Brosi, während er mit der Lupe die 4-Dukaten-Münze aus dem Jahr 1798 betrachtet. Er sitzt wie andere Interessenten an einem Einzeltisch im Besichtigungsraum, umgeben von Sicherheitspersonal. Dieses passt auf, dass niemand ein wertvolles Stück gegen eine Fälschung eintauscht. «Die schöne Prägung, aber auch die Gebrauchsspuren sind interessant – wenn man sieht, dass die Münze etwas erlebt hat», sagt Brosi. «Man kann sich dann ganze Geschichten aus­denken.»

Nur wenige haben überlebt

Die beiden Berner Goldmünzen aus dem Jahr 1796 und 1798 haben eine solche Geschichte und sind eine Rarität. Georges Brosi schätzt, dass sich wohl nur noch je ungefähr fünf solche Stücke in der Schweiz in Privatbesitz befinden. Denn nur wenige Berner Münzen aus den letzten Jahren des Ancien Régime haben den Einfall der Franzosen überlebt.

Als Napoleons Armee am 5. März 1798 die Stadt eroberte, plünderte sie den Berner Staatsschatz. 7,98 Millionen Livres Bargeld sollen die wohlhabenden Berner damals in der Kasse gehabt haben – was beim heutigen Goldpreis fast 125 Millionen Euro wären. Der grosse Teil dieser Summe wurde in goldenen Dukaten und silbernen Talern gelagert. Napoleon liess die Münzen einschmelzen und zu französischen Francs umprägen. Danach finanzierte er damit seinen Feldzug in Ägypten.

Fünf Länder am Draht

Im Saal startet Auktionator Peter Rapp den Tag mit 73 römischen Münzen. Es folgen unter anderem Stücke aus Belgien, der Weimarer Republik, der DDR, Grossbritannien und Israel. Rund siebzig Leute sind im Saal, wie viele jeweils mitbieten, ist unklar. Auch telefonisch und online mischen Interessenten mit.

«Die schöne  Prägung, aber auch die Gebrauchs- spuren sind  interessant –  wenn man sieht, dass die Münze etwas erlebt hat. Man kann sich dann ganze Geschichten ausdenken.»Münzenexperte und -sammler Georges Brosi

Brosi bietet nicht nur für sich selber, sondern auch für einige seiner Kunden. Als Experte des Auktionshauses vertritt er zudem Telefonbieter. Ganz hinten im Saal sitzt er an einem Pult und hebt ein Schild, wenn er am Telefon darum gebeten wird. Der 66-Jährige ist ein Routinier, er nimmt seit fast fünfzig Jahren an Auktionen teil. An diesem Vormittag hat er einen Ungarn, einen Schweden, einen Russen, einen Amerikaner und einen Belgier am Draht.

Zügig geht es vorwärts, von Los zu Los. Die Berner Münzen kommen unter den Losnummern 101 und 102 an die Reihe. Brosi hat sie für das Auktionshaus geschätzt: Die 4-Dukaten-Münze auf 12 000 bis 15 000 Franken, die 6-Dukaten-Münze auf 6000 bis 8000 Franken.

Anstatt eines Sparkontos

Schon 1798 waren diese Münzen viel Geld wert. «4 Dukaten entsprachen etwa dem doppelten Monatslohn eines Lehrers», sagt Brosi. Wobei ein Lehrer damals nicht sonderlich gut bezahlt war, ein Handwerker verdiente unter Umständen mehr. «Mehrfach­dukatenmünzen waren damals eine Art Sparkonto, bevor es Banken gab.» Man bewahrte sie auf, um sich damit etwas Grosses anzuschaffen. Wie genau die beiden Münzen in Wil den Sturm der Franzosen überlebten, weiss man heute nicht. Der Verkäufer ist ein Privatbesitzer, will aber anonym bleiben. Vielleicht waren die Münzen in einem der beiden Fuder des Staatsschatzes, welche die Berner ins Oberland retten konnten; vielleicht überdauerten sie die Zeit in Privatbesitz, verborgen in einem Kachelofen, die oft als Verstecke dienten.

Erschwingliche Kunstwerke

Das Los 101 ist an der Reihe, die ­4-Dukaten-Münze. Brosi greift nach dem Schild mit der Nummer 320, um zu bieten. Er besitzt bereits «einige Hundert» Berner Münzen aus allen möglichen Epochen. Primär fasziniert ihn die Geschichte von Münzen. «Sie gehören zu den besten Kunstwerken, die je geschaffen wurden. Denn sie wurden jeweils von der wichtigsten Instanz herausgegeben – in Bern von der Stadt, andernorts vom König.»

Zudem seien Münzen im Vergleich zu anderen Kunstwerken relativ erschwinglich. Doch bei der 4-Dukaten-Münze lässt Brosi die Hand wieder sinken, sobald er das Startgebot hört: Jemand hat bereits 18 000 Franken geboten. Das ist ihm zu viel, müsste er doch noch 22 Prozent des Preises zusätzlich für das Auktionshaus bezahlen. Die Münze geht für 21 000 Franken an einen Bieter in den vorderen Reihen des Saals.

Wichtige Prägestätte

Berner Münzen sind beliebte Sammlerobjekte – nicht nur Mehrfachdukaten. «Es gibt über 1000 verschiedene Münzen aus der Zeit des alten Bern», weiss Brosi. Schon kurz nach ihrer Gründung von 1191 erhielt die Stadt das Marktrecht, fünfzig Jahre später prägte sie ihre eigenen Münzen. «Eine eigene Währung zu haben, war für einen Staat damals das Verlässlichste.» Das Geld, das die Berner aus Zöllen, durch Militärdienste und aus Pachtzinsen einnahmen, prägten sie deshalb um.

Die ältesten erhaltenen Berner Münzen stammen aus dem 13. Jahrhundert und sind Bracteaten, also Blechmünzen. Danach verbesserten die Präger ihre Techniken und verwendeten Silber oder eben gar Gold für Batzen, Taler und Dukaten. Anfangs arbeiteten die Präger in Privatwohnhäusern, später wurden die Münzen maschinell angefertigt. «Das Prägewesen war eine Industrie, bevor es überhaupt Indus­trien gab», sagt Brosi. In seiner Blütezeit als grösster Stadtstaat nördlich der Alpen war Bern gleichzeitig eine der wichtigsten Prägestätten der Schweiz.

Die zweite Chance

Eine Chance hat Brosi noch: die 6-Dukaten-Münze, das Los ­Nummer 102. Allerdings bietet er hier nicht für sich, sondern für einen Kunden. Das Startgebot liegt bei 8500 Franken. Brosi weiss, dass auch bei dieser Münze Onlinebieter aus Bern mitmischen. Er hebt das Schild bei 9000 Franken, bei 11 000 lässt er es sinken. Dies war der Maximalbetrag, der sein Kunde bezahlt hätte. Bei 12 000 ist auch diese Berner Münze weg. Brosi nimmts gelassen. Er hat noch weitere Stücke ins Auge gefasst. Bis zum Abend wird das Auktionshaus Münzen und Banknoten für gesamthaft 2,8 Millionen Franken verkauft haben. (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.11.2017, 10:59 Uhr

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