Salafisten missionieren am Hauptbahnhof

Bern

Auf Facebook kursieren Videos, in denen Berner Jugendliche auf dem Bahnhofplatz vor laufender Kamera zum Islam konvertieren. Hinter der Aktion steckt eine als extremistisch eingestufte Salafistenorganisation aus Deutschland.

Mitten in Bern: Aktivisten der Organisation Jesus im Islam.

Mitten in Bern: Aktivisten der Organisation Jesus im Islam.

(Bild: Facebook)

Christoph Albrecht

«Jesus im Islam» – mit diesem Schriftzug auf grossen Plakaten machen junge Männer seit einigen Wochen mitten in Bern auf sich aufmerksam. Wie das Onlineportal «Watson» schreibt, sprechen die Männer auf dem Bahnhofplatz Passanten an und wollen mit ihnen über Jesus diskutieren. Ihr Ziel: Das Gegenüber davon zu überzeugen, dass Jesus ein Prophet und nicht wie nach christlicher Vorstellung der Sohn Gottes ist. Wer Letzteres glaube, begehe eine Sünde – es sei denn, er konvertiere zum Islam.

Konvertierung vor der Kamera

Auf Facebook kursieren nun diverse Videos von Passanten, die offenbar genau dies getan haben. Vor laufender Kamera sprechen die meist jugendlichen Männer den Aktivisten einen Eid nach und bekräftigen damit ihren Übertritt zum Islam. Zuerst auf Deutsch, dann auf Arabisch. Beschlossen wird das Ritual unweit des Baldachins jeweils mit einer kumpelhaften Umarmung. In den Kommentarspalten auf Facebook werden die erfolgreichen Missionierungen von Sympathisanten schliesslich ausgiebig gefeiert.

Aus der ungewöhnlichen Konvertierungspraxis mitten auf der Strasse machen die Verantwortlichen von Jesus im Islam kein Geheimnis: «Wir versuchen die Menschen davon zu überzeugen, dass der Islam die Wahrheit ist, weil wir das von Herzen glauben. Wer das auch glaubt, kann das Glaubensbekenntnis gleich auf der Strasse aussprechen und zum Islam konvertieren», sagt Servan Demirsoy, ein Sprecher der Organisation, gegenüber «Watson».

Extremistische Gruppierung

Brisant: Laut eines Sprechers des nordrhein-westfälischen Innenministeriums, den die Onlinezeitung in ihrem Beitrag zitiert, sei das Netzwerk «in der Grundtendenz als extremistisch einzustufen» und bereite den «Nährboden für den Jihadismus». Die salafistische Organisation, die besonders im Ruhrgebiet aktiv ist, sei bereits seit längerem auf dem Radar der deutschen Behörden. «Sie wollen nicht nur ihre Religion ausüben, sondern wirken mit ihrem Handeln auf eine Einführung des strengen islamischen Rechts der Scharia in Deutschland hin», so der nicht namentlich genannte Sprecher.

Diese Einschätzung stützen nicht zuletzt Videos des umstrittenen islamistischen Predigers Pierre Vogel, die auf der Facebook-Seite von Jesus im Islam verbreitet werden.

Aktionen sind erlaubt

Ob extremistisch oder nicht: Illegal sind die Aktionen der Salafisten auf dem Bahnhofplatz nicht. «Verteilaktionen ohne stehende Infrastruktur sind in der Stadt Bern erlaubt und mit bis maximal drei Personen nicht bewilligungspflichtig», sagt Norbert Esseiva, Leiter der städtischen Orts- und Gewerbepolizei, auf Anfrage. Zudem gelte es, die Rede- und Meinungsfreiheit zu respektieren.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt