Sag mir, wo du wohnst, und ich sage dir, wer du bist

Für die einen ist sie der Inbegriff von Spiessertum und Hässlichkeit, für die anderen Dynamik und Wohlfühloase pur: die Agglo, die immer mehr an Bedeutung gewinnt. Doch wie tickt dieser diffuse Übergang zwischen Stadt und Land genau? Und wo beginnt und endet er überhaupt?

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Lucie Machac@liluscha

Die Agglo ist dort, wo sich Spiesser gute Nacht sagen. In der Agglo wohnt nur, wer sich nichts Besseres leisten kann. Die Agglo Bern beginnt in Bümpliz. Die Agglo hat Dichtestress. Irgendwie wohnen wir doch alle in der Agglo. Und so weiter. Fragt man zehn Leute, was die Agglo ist, bekommt man zehn unterschiedliche Antworten. Vielleicht liegt es daran, dass diese diffuse Zone seit Jahren rasant wächst und sich ständig wandelt. Seit jedoch wichtige Abstimmungen wie die Masseneinwanderungsinitiative in der Agglo entschieden werden, steigt das Interesse an dieser weltanschaulichen Nahkampfzone. Aber was genau macht sie nun aus?

Die Agglo hinter dem Wald

Einer, der präzise Vorstellungen von der Agglo hat, ist Marco Rupp. Der Berner ist Raumplaner und weiss deshalb genau, wo die Berner Agglo beginnt und wo sie endet. Rupp nimmt drei geografische Karten hervor und sagt: «Es gibt mehrere Definitionen der Agglo.» Eine politische, eine funktionale und eine städteplanerische. Wobei, versichert er, alle drei geografisch beinahe deckungsgleich sind.

Doch schon der erste Blick auf die politische Karte des Ballungsraums Bern fördert eine unerwartete Erkenntnis zutage: Die Stadt Bern ist in Realität viel grösser als angenommen. Gemeinden wie Bolligen, Köniz oder Zollikofen gehören laut Rupp nicht etwa zum Agglomerationsgürtel. Sie sind Teil der Kernagglomeration Bern (siehe Karte). «Heute macht die Stadt nicht mehr an der politischen Gemeindegrenze halt, sondern erstreckt sich bis nach Ostermundigen, Bolligen oder Muri», erklärt Rupp. Die eigentliche Agglo beginnt für den Raumplaner erst in Kirchlindach, Neuenegg, Stettlen oder Münchenbuchsee. Dort, wo man glaubt, auf dem Land zu sein, wenn man von Bern aus mit dem Auto Felder und Wälder durchquert, um an einem sonnigen Wochenende im Hirschen oder Bären einzukehren.

Rupps Theorie widerspricht eindeutig dem inneren Agglokompass von so manchem Agglolaien. Gemeinden wie Meikirch oder Frauenkappelen befinden sich definitiv ausserhalb der Ausschlagskala. Zu dörflich, zu idyllisch, zu viele Kühe und Mähdrescher. In Bolligen oder Zollikofen hingegen, die laut Rupp zur Stadt Bern gehören, schlägt der Agglokompass heftig aus. Warum? Sitzt man etwa bei Freunden in Zollikofen auf der Terrasse, blickt man auf ein Meer von Mehrfamilienhäusern, dahinter locken Rapsfelder und Wälder. Von städtischem Treiben keine Spur. Es riecht nach Schlafstadt. Erst im Dunst am Horizont erspäht das Auge so etwas wie Urbanität, ein Randquartier der Bundesstadt. Zollikofen ist gefühlte Agglo. Doch der Raumplaner hat für sein Stadtkonzept eine klare Begründung: Funktionalität. «Mit der Auslagerung von Arbeitsplätzen in die umliegenden Gemeinden, etwa nach Köniz-Liebefeld, Muri, Ittigen oder Zollikofen, ist eine neue funktionale Stadteinheit entstanden», erklärt Rupp. Ittigen oder Muri seien eben nicht mehr Orte, wo man sich am Abend nach der Arbeit lediglich zum Schlafen hinlegt, wie dies für die Agglo typisch sei. In Ittigen befinden sich heute wichtige Standorte der Bundesverwaltung und der Swisscom, in Muri hat die Credit Suisse ein regionales Verwaltungszentrum eröffnet, in Köniz-Liebefeld haben sich internationale Firmen wie der Telecomausrüster Huawei angesiedelt. Wo gearbeitet und tagsüber gelebt werde, so Rupp, entstünden rasch neue urbane Lebensmittelpunkte: Einkaufszentren, Restaurants, Schulen, Kulturlokale (siehe Karte).

Aufwertung der Agglo

Vor 20 Jahren sahen Zollikofen& Co. noch ganz anders aus. Wer hier ein Einfamilienhaus besass, wohnte mitten in der beschaulichen Berner Agglo. Erst mit dem starken Ausbau der S-Bahn-, Tram- und Buslinien sind Bern und die Agglo näher zusammengerückt. Heute herrscht täglich reger Pendlerbetrieb von Köniz quer über das Berner Zentrum bis nach Bolligen oder Zollikofen.

Ausschlaggebend für die Standortaufwertung der Agglo ist die Erreichbarkeit, gepaart mit dem Faktor Zeit: Mit dem Bus braucht man vom Bahnhof Bern heute gleich lang ins nahe Länggassquartier wie mit der S-Bahn bis nach Worblaufen, nämlich rund vier Minuten. Für grosse Firmen, die auf spezialisierte Arbeitskräfte aus der ganzen Schweiz angewiesen sind, haben deshalb Standorte an S-Bahnlinien enorm an Qualität gewonnen. Nicht nur wegen der Erreichbarkeit innert nützlicher Frist, sondern auch wegen günstiger Gebäudemieten und Grundstückspreise, führt Rupp weiter aus. Dass Bern und die umliegenden Gemeinden ein funktionales Gesamtgefüge bilden, misst der Raumplaner auch daran, dass heute alle sehr ähnliche Probleme haben: viel Verkehr, eine ähnliche Dichte, ähnlich viele Sozialfälle. Allerdings versuchen nicht alle Gemeinden, ihre Probleme gleich anzupacken. Rupp spricht von einem «parteipolitischen Graben» zwischen der Zentrumsgemeinde Bern und ihren Kerngemeinden: Bern ist seit gut 20 Jahren links-grün, während die umliegenden Gemeinden von einer bürgerlichen Mehrheit regiert werden.

Auf der Karte leuchten die Ausführungen des Raumplaners durchaus ein. Aber der innere Agglokompass gibt sich noch nicht zufrieden. Gerade der Stadtberner legt doch grossen Wert darauf, dass er eben nicht in Bolligen oder Ostermundigen wohnt. Weil er sich gern als weltoffen und hip sieht. Ganz im Gegensatz zu jenen uncoolen Bünzli, die ausserhalb seiner urbanen Zone wohnen. Der belächelte Bünzli zieht seinerseits gern über das linke Gesindel in der Stadt her, das glaubt, etwas Besseres zu sein. Die Agglo beginnt also im Kopf. Und dieser macht sich wenig aus raumplanerischen Konzepten und Grenzen.

Städter vs. Agglobewohner

Die Suche nach der wahren Berner Agglo geht deshalb weiter – und führt erst einmal nach Zürich. Hier hat Sozialgeograf Michael Hermann, ein Berner, sein Büro. Den Wissenschaftler interessiert nicht, wo die Agglo geografisch beginnt und endet. Er erörtert vielmehr, wie sich die Menschen in ihrem Lebensstil, in ihren Werten unterscheiden, die sich als Städter oder Agglobewohner fühlen. Allerdings, gibt Hermann gleich zu Beginn des Gesprächs zu bedenken: «Als mentales Phänomen existiert die Agglo vor allem in der Ober- und Mittelschicht.» Oder anders gesagt: Nur wer über ein entsprechendes Budget verfügt, kann überhaupt wählen, wo er wohnen möchte, urban oder lieber im Grünen. Wer sich heute für das Stadtleben entscheidet, tendiert laut Hermann zu einer linken politischen Haltung. Restaurants, Bars oder Kulturinstitutionen in der Nähe sind für ihn ebenso wichtige Qualitätsfaktoren wie eine multikulturelle Durchmischung seiner Wohnumgebung.

Wer indes freiwillig in die Agglo zieht, vertritt eher bürgerliche politische Werte und sucht im Grünen nach Privatheit und Ruhe, die er in der hektischen Stadt vermisst. Idealerweise kauft er sich ein Einfamilienhäuschen mit Garten und Hecke und fährt sowohl zur Arbeit wie auch zum Tennisspielen oder ins Shoppingcenter lieber mit dem Auto statt mit dem Bus. Automobiler Lebensstil nennt sich das im Fachjargon. «Politisch spiegeln sich diese unterschiedlichen Lebenskonzepte nicht zuletzt bei Fragen zur Mobilität wieder», sagt Hermann. Die Kernstädter nutzen weit häufiger den ÖV als die Bewohner der angrenzenden Agglo, obwohl dort die Verkehrsanbindung ähnlich gut ist.

Die beiden Milieus unterscheiden sich auch in ihren Grundwerten: Selbstverwirklichung, Multikulturalität und Individualität stehen bei den Städtern hoch im Kurs. Sicherheit, Eigentum, Privatsphäre und eine eher klassische Rollenverteilung schätzen jene, die in die Agglo ziehen. In der Stadt leben mehr Singles und Menschen in kreativen Berufen, in der Agglo mehr Familien und Menschen aus dem gut bezahlten Privatsektor.

Die Agglo der Notwendigkeit

Doch das ist nur die eine Agglo, die Vorzeigeagglo. Die hässliche oder die «Agglo der Notwendigkeit», wie Hermann sie nennt, gibt es ebenfalls. Es sind die gesichtslosen Wohnsilos an lärmigen Durchfahrtsstrassen mit schlechter Luftqualität, die grauen Siedlungen an schattigen Lagen mit dem Flair einer Industriezone. Freiwillig lebt hier keiner.

«Hier wohnen vor allem Schlechtverdienende mit Basisbildung und Migranten, für die es oft die einzige Möglichkeit ist, überhaupt in der Nähe des Arbeitsplatzes zu leben», so Hermann. Im industriearmen Bern sei diese Art der Banlieue, wie sie in Paris oder in Berlin existiert, jedoch nur schwach ausgeprägt. Banlieues light findet man in der Gemeinde Ostermundigen oder im Berner Quartier Tscharnergut. Die politische Gesinnung in der Agglo der Notwendigkeit ortet Hermann bei sozialen Fragen etwas linker als die übrige Agglo, bei Migrations- und Öffnungsfragen entscheiden sich jene, die überhaupt abstimmen dürfen, konservativer.

Das Agglopuzzle nimmt langsam Konturen an. Klar ist: Gesellschaftlich betrachtet ist die Agglo alles andere als ein homogenes Gebilde. «Grosse soziale Gegensätze zwischen Quartieren und Gemeinden sind sogar ein typisches Merkmal für den Agglogürtel», bestätigt Hermann. Salopp formuliert: In Muri wohnen Villenbesitzer mit drei Bädern, in Ostermundigen sozial schwache Familien in 2-Zimmerwohnungen. Während sich die beiden Schichten in Berner Stadtquartieren wie der Länggasse oder der Lorraine gern durchmischen, sich sogar suchen, gehen sie sich in der Agglo lieber aus dem Weg. «Aus den USA ist bekannt, dass die weisse Mittelschicht in Scharen aus Quartieren zog, als die ersten Schwarzen ansiedelten», erzählt Hermann. Eine solche aktive Flucht sei in der Schweiz jedoch nicht zu beobachten.

Stadt als Wohlfühloase

Dass sozial Schwache und Ausländer in die Agglo ausweichen müssen, ist ein relativ neues Phänomen. Bis in die 1990er-Jahre hinein war ihr Lebensraum die Stadt, ebenfalls nicht aus Überzeugung, sondern aus Notwendigkeit. «Das urbane Wohnen in beengten Verhältnissen gleich neben der Fabrik entsprach lange nicht dem bürgerlichen Wohnideal», sagt Hermann. In der Stadt wohnte nur, wer sich nichts anderes leisten konnte: Arme, Alte, Arbeitslose, Auszubildende, Ausländer. «Erst als eine junge, gut ausgebildete Mittelschicht diese sogenannte A-Stadt als attraktiven Lebensraum entdeckte, setzte eine Aufwertung des urbanen Wohnens ein», erläutert der Sozialgeograf. Trendige Cafés und edle Restaurants schossen aus dem Boden, es entstand eine alternative Kulturszene, öffentliche und private Gelder wurden in Parks und in die Renovierung von Arbeitersiedlungen wie dem Berner Länggassquartier investiert. Der einst verschmähte urbane Raum gleicht heute einer Wohlfühloase. Wer allerdings in der Länggasse, inzwischen einem trendigen Hotspot in Bern, eine Wohnung sucht, muss tief in die Tasche greifen.

Schizophrener Lebensstil

Dumm nur, meint Hermann, dass sich das kernstädtische Angebot und die Nachfrage danach gegenseitig das Wasser abgraben. Die Folge ist eine Gentrifizierung: «Je populärer das urbane Wohnen wird, desto mehr werden all jene, die den städtischen Multikulticharakter ausmachen – Alternative, Kreative und Ausländer – an den Rand gedrängt, weil sie die Mieten nicht bezahlen können.» Das Stadtquartier wird mit der Zeit homogen, brav und bürgerlich, also genau das Gegenteil von dem, was man gesucht hat.

Ähnlich schizophren gestaltet sich die Lage im Agglogürtel: Menschen, die freiwillig dorthin ziehen, wollen möglichst «undicht» wohnen. Deshalb dehnt sich die Agglomeration immer weiter aus – allerdings mit dem fatalen Nebeneffekt, dass der Verkehr ständig zunimmt und die Landschaft immer mehr zubetoniert wird. «Man produziert genau das, was man vermeiden wollte. Im Prinzip werden die Agglobewohner von der Urbanisierung eingeholt.»

Und Michael Hermann holt noch weiter aus. Fokussiere man sich auf einzelne Quartiere, werde die mentale Aufteilung in Stadt- und Agglobewohner noch facettenreicher. Schaut man sich zum Beispiel in Bern um, so hat etwa das Kirchenfeldquartier, ein grossbürgerliches Villen- und Botschaftsviertel, weit weniger urbanen Groove als etwa die bernnahe Gemeinde Köniz, wo sich nach Firmen auch Restaurants, Einkaufs- und Kulturzentren angesiedelt haben. Die Agglo, so Hermann, kann viel städtischer anmuten als gewisse Teile der Stadt. Umgekehrt seien sich Agglobewohner und Städter, etwa Ostermundiger und Bümplizer in den Arbeitersiedlungen, in ihren Haltungen näher als manche Städter untereinander, etwa das grossbürgerliche Kirchenfeld und die alternative Länggasse.

Die Agglo wuchert

Es gibt sie also nicht, die klar definierte, einheitliche Agglo. Weil sie lebt und wuchert. In der Agglo ist der soziale und strukturelle Wandel sichtbarer als in der übrigen Schweiz, in der Agglo formt sich die Zukunft. Wenn also zehn Leute zehn verschiedene Antworten geben, was die Agglo ausmacht, haben alle recht. Man kann sie nicht fassen, sie verändert sich ständig.

Berner Zeitung

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