Rund um die Uhr im Einsatz für die Tiere

Mein Job

Seit 16 Jahren ist Lucio Palmieri aus Uettligen mit seiner Tierambulanz für das Wohl der Tiere unterwegs.

<b>Er ist die Tierambulanz:</b> Lucio Palmieri ist immer bereit, auszurücken.<p class='credit'>(Bild: Nicole Philipp)</p>

Er ist die Tierambulanz: Lucio Palmieri ist immer bereit, auszurücken.

(Bild: Nicole Philipp)

Lucio Palmieri sitzt zu Hause in Uettligen am Küchentisch, als sein Handy klingelt. Er geht ran, am anderen Ende der Leitung ist eine Spaziergängerin, die im Bremgartenwald zwei ausgesetzte Kaninchen entdeckt hat. Ein Fall für den 56-jährigen Italiener.

Er setzt sich in seinen Ambulanzwagen, fährt zum Ort des Geschehens, fängt die Vierbeiner ein und bringt sie ins Tierheim. Gerade vor den Ferien komme es oft vor, dass Haustiere ausgesetzt würden. Tendenz steigend. «Unbegreiflich», sagt er, der selber vier Katzen, einen Papagei und eine Schildkröte besitzt.

Überfahrene Igel

Solche und ähnliche Anrufe habe er bereits Ende der 90er-Jahre immer wieder erhalten. Damals arbeitete Palmieri noch als Tierpfleger in der Kleintierklinik in der Berner Länggasse. Dort, wo er schon zu Schulzeiten in jeder freien Minute ausgeholfen hatte. Er erinnert sich an einen Anruf, als der Hund einer Frau im Wald zusammengebrochen war.

«Wir mussten ihr mitteilen, dass sie das Tier selber herbringen muss, da wir keine Möglichkeiten und Kapazitäten hatten, auszurücken.» So entstand bei Lucio Palmieri – der seit 1974 in der Schweiz lebt – die Idee einer Tierambulanz, wie es sie damals bereits in Zürich und Basel gab. Der zweifache Familienvater kündigte seinen Job – und machte sich selbstständig.

Wieder klingelt das Handy. Diesmal wird die Tierambulanz nach Ittigen gerufen wegen einer überfahrenen Igelmutter. Ihr Nachwuchs würde ohne fremde Hilfe nicht überleben. Palmieri bringt ihn zu einer Privatperson nach Belp, welche die Jungtiere «aufpäppelet», ihnen den Schoppen gibt. Auch Palmieri greift immer mal wieder zum Schoppen, allerdings nur bei jungen Kätzchen, die ausgesetzt wurden oder ihre Mutter verloren haben.

Alleingelassene Haustiere

Gerufen wird Palmieri von Privatpersonen und der Polizei – aber auch von Spitälern. «Oft lassen Patienten Tiere zurück, zu denen während einer Spitalabwesenheit niemand schaut», sagt er. «Ich erhalte dann den Wohnungsschlüssel und schaue zum Rechten.» Und manchmal werde er auch einfach als «Psychiater» missbraucht. «Gerade ältere, einsame Leute suchen oft nur jemanden zum Reden.»

Palmieri kramt ein SMS hervor. «Wäre es möglich, dass Sie morgen, wenn Sie meine Katze füttern gehen, auch noch das Wohnzimmer staubsaugen?» Palmieri lacht. Ja, auch solche Anfragen bekomme er. Und in der Regel erledigt er sie. Ebenso tätigt er Einkäufe oder räumt Keller auf. Dass der Apulier nur selten Nein sagen kann, ist mit ein Grund, wieso es ihm finanziell nicht wirklich gut läuft. «Ich bin ein guter Pfleger, aber der schlechteste Geschäftsmann, den es gibt.»

Ich bin ein guter Pfleger, aber der schlechteste Geschäftsmann, den es gibt.Lucio Palmieri

Rund 70 Prozent seiner Einsätze kann Palmieri niemandem verrechnen. «Ich kann ja nicht eine Person dafür bestrafen, dass sie Courage zeigt und ein verletztes Tier meldet.» Und so ist er auf Spendengelder und Gönner angewiesen. Die Büroarbeiten dafür erledigt er allein, allerdings mehr schlecht als recht. Er tut sich schwer damit, neue Gönner und Spender zu finden – und die jetzigen sterben ihm langsam weg.

Angefahrene Katze

Das Handy macht sich erneut bemerkbar. Eine Frau will wissen, ob sie mit ihrer Katze in die Tierklinik soll oder nicht. «Manchmal kann ich auch mit einer Ferndiagnose weiterhelfen.»

Seit 16 Jahren betreibt Palmieri die Tierambulanz. Viel hat er erlebt. Er erzählt rührende und traurige Geschichten, berichtet von Erlebnissen mit Happy End, aber auch von grausamen Taten und Funden.

Zur Ruhe kommt er nur selten. Zwar gebe es auch Tage ohne Anrufe, aber bereit sein müsse er immer. Ins Kino geht er nicht mehr, zu oft habe er mitten im Film die Vorstellung verlassen müssen. Und ein Arbeitsende gibt es nicht. Auch heute nicht. Um 22 Uhr meldet ein Taxifahrer eine angefahrene Katze.

Palmieri rückt aus. Mit einem Lesegerät im Auto kann er den Halter ausfindig machen – sofern die Katze gechippt ist. Und sie dann in die Tierklinik, mit welcher Palmieri seit vielen Jahren eine Zusammenarbeit pflegt, bringen. Was Palmieri in solchen Fällen nachdenklich stimmt: «Nur selten ruft der Unfallverursacher an.» Dabei würden für diesen gar keine Kosten entstehen. «Das kann jedem passieren», sagt er.

Ungewisse Zukunft

Damit er nicht mehr morgens um 3 Uhr wegen Bagatellen angerufen wird, wird sein Handy nachts auf eine kostenpflichtige 0900-Nummer umgeleitet. Erreichbar aber war er in den letzten 16 Jahren immer, fast immer. Im April hat Lucio Palmieri, erstmals seit er die Tierambulanz betreibt, sein Handy abgestellt. «Ich war eine Woche in der Insel», sagt er. Der 56-Jährige leidet an einer äusserst seltenen Form von Siderose, hat Eisenablagerungen im Kleinhirn.

Eine Heilmöglichkeit für seine Krankheit ist noch nicht gefunden – und sein Zustand ­verschlechtert sich zusehends. «Noch kann ich meiner Arbeit nachgehen, einzig bei grossen Hunden brauche ich Hilfe beim Tragen», sagt er. Diese bekommt er oft von seiner neuen Lebens­gefährtin.

Den Traum von einem eigenen Tierheim oder einem kleinen Bauernhof hat er mittlerweile aufgegeben. «Ich möchte einfach wieder gesund werden», sagt er. Und schon klingelt wieder das Handy...

Weitere Infos: www.tierambulanz-bern.ch.

Berner Zeitung

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