Ruhe und Ordnung auf dem Schotterplatz

Vor einem Jahr sorgten ausländische Fahrende in Wileroltigen für rote Köpfe. Dieses Jahr blieben ähnliche Probleme aus. Das liegt unter anderem am neu eröffneten Transitplatz in Brügg. Ein Augenschein.

Er ist der einzige, der gemeinsam mit seiner Gemeinde bereit war, Hand für einen provisorischen Transitplatz zu bieten: Marc Meichtry, Gemeindepräsident von Brügg.

Er ist der einzige, der gemeinsam mit seiner Gemeinde bereit war, Hand für einen provisorischen Transitplatz zu bieten: Marc Meichtry, Gemeindepräsident von Brügg. Bild: Nicole Philipp

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Marc Meichtry steigt aus seinem Auto, die Zigarette hängt im Mundwinkel. Der Händedruck ist fest, der Mann in seiner Grösse be­eindruckend. Keine Frage, der ­Gemeindepräsident von Brügg ist Respekt einflössend. Ob es wohl daran liegt, dass er mit den ausländischen Fahrenden, die den Transitplatz in Brügg nutzen, keine Probleme hat?

Denn eines fällt sofort auf: Der Platz ist gut geführt, die Ordnung ist tadellos. Auf dem Schotterplatz sind die Wohnwagen mit französischen Kennzeichen sauber aufgereiht. Die Abfallsäcke sind vorschriftsgemäss in der eigens aufgestellten Mulde am Platzrand entsorgt, der WC-Wagen bietet getrennte Damen- und Herren-WCs.

In zwei Containern, die die Gemeinde herbringen liess, sind junge Männer damit beschäftigt, Fensterläden abzuschleifen. Davor bepinselt ein anderer Mann weitere Läden mit roter Farbe. Das sind klassische Arbeiten, die Fahrende auf ihrer Durchreise für Einheimische ausführen und sich so ihren Lebensunterhalt ver­dienen.

Der provisorische Transitplatz im Brügger Industriequartier ­nahe der Autobahn ist der erste seiner Art im Kanton Bern. Im April dieses Jahres hat er seine Tore geöffnet. Endlich, ist man geneigt zu sagen. Denn die Suche nach Transitplätzen für ausländische Fahrende ähnelt im Kanton Bern einer unendlichen ­Geschichte.

Ein Projekt für einen definitiven Standort in Meinisberg versenkte der Grosse Rat aufgrund der hohen Kosten deutlich. Später reichte der damals zuständige Regierungsrat Christoph Neuhaus (SVP) die heisse Kartoffel weiter an die Regierungsstatthalter. Diese sollten auf diese Saison hin zwei Provisorien finden. Gefunden haben sie bisher lediglich den Platz in Brügg.

Das Provisorium in Brügg eignet sich für maximal 20 Wohnwagen und löst damit das Problem bei weitem nicht. Aber es ist ein Anfang.

Bevölkerung ist eingebunden

Ein Anfang, der Mut macht. Denn Gemeindepräsident Meichtry sagt an die Adresse anderer ­Gemeinden: «Wir haben hier keine Probleme. Die Fahrenden halten sich an die Regeln, es läuft gut.» Das war nicht immer so. Denn bevor Brügg den offiziellen Platz hatte, campierten die Fahrenden jedes Jahr irgendwo auf Gemeindegebiet wild und sorgten für Ärger.

«Da kamen wir in der Gemeinde zum Schluss, dass es besser sei, einen offiziellen Platz bereitzustellen, wo wir die Regeln diktieren können.» Pro Tag zahlen die Fahrenden pro Wohnwagen 10 Franken plus 7 Franken Nebenkosten. Darin enthalten sind die Platzgebühr sowie Gebühren für Strom, Wasser und Abfallentsorgung. Damit soll der Platz für die Gemeinde kostendeckend betrieben werden können.

Meichtry appelliert an andere Gemeindepräsidenten, das Brügger Modell zu kopieren. «So funktioniert es.» Ein wichtiger Faktor, dass sowohl beim Regierungsstatthalteramt Biel als auch bei der Gemeinde kaum Reklamationen eingegangen sind, ist für Meichtry die direkte Einbindung der Bevölkerung: Eine Begleitgruppe, die aus Bürgerinnen und Bürgern besteht, macht regelmässig unangekündigte Rundgänge.

Dabei kontrolliert sie, dass die Fahrenden auf dem Platz die Regeln befolgen und Ordnung halten. Zudem befragt die Gruppe die umliegenden Geschäfts­inhaber, ob aus ihrer Sicht alles reibungslos läuft.

Ausser Brügg wollte niemand

Das Provisorium in Brügg ist auf zwei Jahre angelegt. Danach möchte der Kanton bekanntlich einen definitiven Platz auf einer Bundesparzelle an der Autobahn in Wileroltigen in Betrieb nehmen. Dieses Projekt hat nach den negativen Erfahrungen vom letzten Jahr in Wileroltigen grossen Widerstand provoziert.

Für Meichtry ist der Kanton mit seiner Strategie auf dem Holzweg: «Ich befürchte, dass die Pläne für einen grossen und zeitlich unbegrenzten Platz erneut scheitern werden.» ­

Erfolgversprechender wären für Meichtry mehrere kleinere Plätze, die für jeweils zwei Jahre Fahrende beherbergen würden. «So würde man genügend Gemeinden finden, die Hand bieten würden.»

Ein Argument, das Philippe Chételat bezweifelt. Der Regierungsstatthalter des Verwaltungskreises Biel/Bienne war ­zuständig für die Suche nach einem Provisorium in seiner Region. «Ausser Herrn Meichtry war bis heute niemand bereit, in seiner Gemeinde einen Platz zur Verfügung zu stellen – auch nicht für ein Provisorium.»

Auf dem Platz in Brügg brennt derweil die Mittagssonne. Ein paar Kinder erfrischen sich in aufblasbaren Bassins. Und die Männer haben ihre Arbeit an den Fensterläden vorübergehend eingestellt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.06.2018, 06:03 Uhr

Ruhiger Saisonbeginn

Genau ein Jahr ist es her, dass bis zu 500 fahrende Roma aus Frankreich die Gemeinde Wileroltigen auf den Prüfstand stellten. Mit ihren Wohnwagen bevölkerten sie über Wochen eine Parzelle nahe an der Autobahn. Im Dorf lagen die Nerven blank, es formierte sich ein Bürgerkomitee.

Die Fahrenden sind längst weg, auf der betreffenden Matte, die dem Bundesamt für Strassen gehört, wurde kurzum Mais angepflanzt, um die Fahrenden heuer von einem Zwischenstopp abzuhalten. Das Bürgerkomitee kämpft weiter, denn der Regierungsrat will auf ebendieser Bundesparzelle dereinst einen definitiven Transitplatz für Fahrende realisieren.

Führt man sich die Zustände des vergangenen Jahres vor Augen, fällt auf, dass die diesjährige Fahrendensaison im Vergleich sehr ruhig verläuft. Angela Mattli von der Gesellschaft für bedrohte Völker betont: «So, wie es dieses Jahr läuft, ist eigentlich der Normalfall. Letztes Jahr hatten wir einen Ausnahmezustand.»

Dass es dieses Jahr im Kanton Bern bisher keine nennenswerten Zwischenfälle gab und keine Landbesetzungen, obwohl tendenziell noch mehr Fahrende unterwegs sind als letztes Jahr, führt Mattli vorab auf zwei Punkte zurück: auf das offizielle Pro­visorium in Brügg und auf den Mediator Andreas Geringer, den die Gesellschaft für bedrohte Völker in einem Pilotprojekt mit engagiert hat. «Wenn Gemeinden oder Bauern Fragen oder Probleme haben, können sie sich an ihn wenden. Das wirkt deeska­lierend.»

Mattli betont jedoch im gleichen Atemzug, dass es im Kanton Bern mindestens einen zweiten provisorischen Platz und vor allem eine langfristige Lösung brauche. phm

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