Bern

Rossini-Arie vs. Leichtgewicht

BernBoxen und Oper, geht das? Die Veranstaltung «Kultur im Ring» versuchte am Samstagabend im Theaterkubus auf dem Waisenhausplatz in Bern, die beiden Welten einander etwas näher zu rücken.

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Im Ring liegt ein Mann am Boden und zuckt, der Arzt beugt sich über ihn. Und die Zuschauer schreien: «Yeah!» Aber von Anfang an.

Ouvertüre: Ein Gast läuft im Foyer im Trainingsanzug mit Logoaufdruck rum. Das gibt es im Theater selten (nie) zu sehen. Eigentlich ja toll, wenn man in so bequemen Klamotten an einem Samstagabendevent im Kubus von Konzert Theater Bern (KTB) teilnehmen kann. Den anwesenden Frauen hat das offenbar keiner gesteckt – die meisten balancieren auf schwindelerregend hohen Pumps rum.

Der Mann im Trainer ist übrigens Stefan An­ghern, Schweizer Ex-Profiboxer. Weitere Promis im Publikum von «Kultur im Ring» sind für eine Kulturjournalistin schwer auszumachen. Einer könnte YB-Spieler sein, das Gesicht ist aus der Zeitung bekannt (Guillaume Hoarau, sagt die Begleitung).

Erstaunlich wenig klassische Opernzuschauer tummeln sich im Theaterprovisorium auf dem Waisenhausplatz. Dabei will die von der Berner Kommunikationsagentur LS Creative initiierte und von KTB und Swiss Boxing mitorganisierte Veranstaltung Sport- und Kulturfans näher zusammen bringen.

Letztere müssen schon bei der ersten sportlichen Darbietung, einem Amateurkampf zwischen dem Schweizer Vahram Khudeda und dem Franzosen Garry Moussa, leer schlucken: Moussa geht k. o. Dabei hat aus Reihe 10 eigentlich alles ganz harmlos ausgesehen.

Nicht jedem geht das nah: Während der Arzt zur Blitzuntersuchung in den Ring steigt, grölen die Sportfans munter weiter. Beim zweiten Kampf zwischen den Profis Ferenc Berki aus Ungarn und Mateusz Krajewski aus Polen sieht alles noch schlimmer aus. Es fliesst Blut. Sehr viel Blut. Auf den Rängen wird weitergeschrien: «E lingge haage!» Immer wieder ertönt der Ruf nach einem linken Haken – an dem muss was dran sein. Und jemand kommentiert: «Buh!» Es könnte ein Operngänger sein.

Trotz dieser gelegentlichen Publikumsbeteiligung und dem K. o.: So richtig überzeugt die Dramaturgie von Boxen nicht. Lange passiert ausser etwas Beinarbeit wenig, im Aufführungsraum ist es zwischen den Attacken unangenehm still, dann hört man einzig das Schnauben der Sportler (wie im Tennis: Es gibt Ruhige und es gibt Stöhner).

Vermag die Operneinlage mehr zu packen? Solisten und Chor von KTB nehmen den Ring ein. Sie geben eine Boxszene aus Kurt Weills Oper «Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny» zum Besten (Libretto: Bertolt Brecht). Diese endet tragisch: Der He­rausforderer stirbt im Ring, nachdem er einen Freund überredet hat, beim Preisboxen sein ganzes Geld auf ihn zu setzen.

Video: Ausschnit aus der Schauspiel-Einlage

Quelle: Enrique Muñoz García

Die Akustik des Raums arbeitet gegen die Sänger – ihre Stimmen klingen so dumpf wie Boxhandschuhe auf Wangen. Und der gespielte Kampf wirkt nach den echten unfreiwillig komisch. Ernüchterung macht sich zur Pause breit.

Dann wird alles besser. Da ist zuerst die Schauspieleinlage von KTB, die eigentlich eine Schauspiel-Tanz-Oper-Einlage ist: Winston Arnon kämpft tanzend gegen den Bariton und KTB-Publikumsliebling Robin Adams.

Dieser setzt sich mit berühmten Verdi- und Rossini-Arien zur Wehr, die auch kulturfremde Zuschauer aus der Pizzawerbung kennen dürften: «Figaro! Figaro! Figaro!» Immer wieder begeistert Arnon die Zuschauerinnen und Zuschauer mit seinen Drehungen und Wendungen. Tanz ist eben auch Hochleistungssport. Und am Ende kriegt noch der Schiedsrichter (Schauspieler Jonathan Loosli) sein Fett weg. Das ist Slapstick auf hohem Niveau – und ein Gegenprogramm, das gut mit den Kämpfen korrespondiert.

Weiter gehts mit Musik. Einlaufmusik: Rammstein, AC/DC, immer wieder Gangsta-Hip-Hop. (Ist es ein ungeschriebenes Gesetz, den «Rocky»-Soundtrack nicht zu verwenden?) Der Ring ist nun in Frauenhand, das Nummerngirl erfrischender Weise ein Mann.

Die Lokalheldin Viviane Obenauf boxt gegen die Polin Karina Kopinska. Die Frauen schenken sich nichts: Der Kampf ist hart, die Bewegungen von Obenauf flink – zu flink für Kopinska. Ihre Stirn platzt auf, das Blut färbt das weisse Shirt rot. Nach fast drei Stunden haben sich auch die Kulturbesucher an den Anblick von blutigen, aufgequollenen Gesichtern gewöhnt, das Entsetzen hält sich entsprechend in Grenzen.

So viel Action liefert der letzte Kampf, der Wahlschweizer Ga­bor Vetö gegen den Tansanier Mfaume Ahmad Said, nicht: Said gibt irgendwann auf und verlässt die Bühne (siehe Text unten). Ein Vorhang fällt nicht, stattdessen lädt jemand über die Lautsprecher zur Afterparty mit Rapper Stress, der ja auch boxt. «Kultur im Ring» in Personalunion, sozusagen.

Welche Welten wohl als nächstes zusammen antreten? Vorerst handelt es sich bei «Kultur im Ring» um eine einmalige Veranstaltung, lassen sowohl LS Creative als auch KTB verlauten. Die Organisatoren sind jedoch für eine Fortsetzung offen. Und wie steht es um die Bilanz der gegenseitigen Annäherung? Boxer und Oper: 0, Schauspiel und Boxerinnen: 1. Sieg nach Punkten.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 02.10.2016, 21:32 Uhr

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