RGM-Idealbild des Viererfelds gefährdet das Projekt

Bern

Ein Kommentar von Mirjam Messerli, Ressortleiterin Stadt Bern, zur Verabschiedung der Vorlage für die Überbauung des Viererfelds.

Die Stadt Bern braucht mehr Wohnraum. Mit einem Leerwohnungsbestand von 0,4 Prozent herrscht faktisch Wohnungsnot. Tausend neue Wohnungen könnten auf dem Vierer- und dem Mittelfeld gebaut werden. Die Areale, auf denen in Bern innert nützlicher Frist ein neues, gut erschlossenes Stadtquartier entstehen kann, lassen sich an einer Hand abzählen. Das Viererfeld ist eine dieser raren Gelegenheiten. Auf der heutigen Landwirtschaftsfläche soll gebaut werden. Das will der Gemeinderat, und diese Pläne hat am Donnerstag das Stadtparlament abgesegnet.

Auf den ersten Blick scheint das Grossprojekt damit auf dem Schlitten zu sein. Doch nach der Stadtratsdebatte bleibt ein ungutes Gefühl zurück. Ganz links aussen und auf bürgerlicher Seite will man sich mit allen Mitteln gegen die Vorlage wehren. Die gleiche unheilige Allianz versenkte vor zwölf Jahren ein erstes Überbauungsprojekt.

Ein Bauvorhaben von der Grösse und Bedeutung des Viererfelds muss breit abgestützt sein. Breit abgestützte Vorlagen bedingen Verhandlungen und sind am Ende ein Kompromiss. Doch das sind die vom Parlament bereinigten Pläne nicht – auch wenn das siegreiche Rot-Grün-Mitte-Bündnis betont, man sei schliesslich von Maximalforderungen abgerückt. Es ist richtig, dass die rot-grüne Mehrheit (noch) weiter hätte gehen können. Anstatt die nun festgelegte Hälfte der Wohnungen dem Markt zu entziehen, hätte RGM auch 60, 80 oder 100 Prozent für gemeinnützige Wohnbauträger reservieren können. Statt eines halben Parkplatzes pro Wohnung einzuplanen, hätte Rot-Grün eine autofreie Siedlung anstreben können.

Ein Verzicht aufs Maximum ist aber noch lange kein Kompromiss. Dabei wäre es durchaus möglich gewesen, die Viererfeld-Vorlage mit einem positiveren Signal vom Parlament ans Volk zu schicken. Grundsätzlich für eine Überbauung sind auch die Freisinnigen (und damit die Wirtschaftsverbände) sowie die Fraktion BDP/CVP. Beide brachten Kompromissanträge ein, den Anteil gemeinnütziger Wohnungen auf 30 beziehungsweise 40 Prozent festzulegen. Das entspräche noch immer der Drittelregelung der vom Volk genehmigten Wohninitiative. Am Ende blieb es bei der RGM-Vorlage.

Anstatt vor dem Abstimmungskampf möglichst viele ins Boot zu holen,warf RGM dem Viererfeld positiv gestimmte Kreise noch über Bord. Das ist ein gefährliches Vorgehen und könnte sich bei der Volksabstimmung rächen. Bei einem «Meilenstein» (O-Ton SP) wie dem Viererfeld muss man das grosse Ganze im Auge behalten. Dass in einer rot-grünen Stadt eine rot-grün geprägte Siedlung gebaut wird, ist logisch und richtig. RGM riskiert aber, dass das Viererfeld aus rot-grüner Sicht auf dem Papier zwar perfekt ist, am Ende aber wegen Details wie der Anzahl Parkplätze scheitert. Für die städtische Wohnbaupolitik wäre das ein Desaster.

mirjam.messerli@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...