RGM in der inneren Enge

Ein Tag nach dem Blitzrevival von Rot-Grün-Mitte haben sich die Berner Stapi-Kandidatinnen und -kandidaten zum ersten Wahlpodium getroffen. In Marians Jazzroom gaben sich die vier verblüffend zahm.

Ausharren bis zum Apéro: Alexandre Schmidt, Ursula Wyss, Franziska Teuscher und Alec von Graffenried diskutieren zu den Fragen von Guy Krneta (Mitte).

Ausharren bis zum Apéro: Alexandre Schmidt, Ursula Wyss, Franziska Teuscher und Alec von Graffenried diskutieren zu den Fragen von Guy Krneta (Mitte).

(Bild: Urs Baumann)

Michael Feller@mikefelloni

Kulturstrategie, Rauswürfe, Reitschule: Über die Berner Kultur lässt sich streiten. Davon war am ersten Wahlpodium gestern wenig zu spüren. Der Kulturdachverband Bekult hatte ins Hotel Innere Enge geladen, in den engen Jazzkeller.

Die Frage des Abends: Wie schlägt sich die verbündete Konkurrenz von RGM am Tag eins nach dem rekord­verdächtigen Revival des städtischen Regierungsbündnisses?

Sie schlug sich nicht.Alec von Graffenried (GFL), cool an den Barhocker auf dem Podest ge­lehnt, wäre am liebsten direkt zum Apéro übergegangen, er­zählte dann aber, wie er in den 80er-Jahren die Reitschule miterobert habe («allerdings in der zweiten oder dritten Reihe»).

Franziska Teuscher (GB) sprach etwas zahm, aber gerne über die Vorzüge der Kulturförderung in ihrem Schuldepartement. Am meisten noch kämpfte Ursula Wyss (SP), und zwar um die quantitative Vormacht. Schriftsteller Guy Krneta, der das Po­dium leitete, gewährte ihr am meisten Redezeit.

Dies verdankte sie wohl ihrer vor wenigen Tagen im «Bund» lancierten Idee, dass mehr Kunst am Bau gefragt sei. Oder lag es daran, dass sie ge­stand, alle Bücher Krnetas ge­lesen zu haben?

Und da war noch Alexandre Schmidt (FDP),der am rechten Bühnenrand dem wunderlichen Nichtangriffspakt von RGM mit mittlerem Einsatz beiwohnte. Von ihm war zu erfahren, dass er Platten sammelt und auch einmal in der Lage ist, konsequent am Thema vorbeizureden.

Schnell war klar, was die vier Kandidaten auf das höchste Berner Amt verbindet: Kurze, knackige Voten sind nicht ihre Stärke – wobei mildernd zu sagen ist, dass Guy Krneta solche mit komplizierten Fragen konsequent verhinderte. Leider bezog er sich weitgehend auf die Ansprache von Christoph Reichenau.

Der ehemalige Kultursekretär hatte vor dem Po­dium langfädig neun Thesen zur Berner Kultur vorgelegt. Für alle Beteiligten wäre das einstündige «Streitgespräch» wohl spannender herausgekommen, hätte Krneta Themen in den Raum ge­worfen, die brennen.

Interessante Aussagen liessen sich dann doch noch vernehmen,etwa als die Stapi-Kandidaten darüber sprachen, wie sie ihre «Geranium City» sehen. Während Schmidt an die Freiheit appellierte und mehr Mut und weniger Unesco-Heimatschutz forderte, sprach sich Teuscher für den «Schutz der schönen Altstadt» aus, von ganz links kam also das konservativste Votum des Abends.

Für die einzige Provokation war ihr grüner Nebenbuhler um die Stadtkrone be­sorgt. Von Graffenried warf die in Kulturkreisen fast schon ketzerische Frage in den Raum, wie viel eine Kulturstrategie überhaupt bewirken könne. «Alles, was sich seit den 80er-Jahren in Bern bewegt hat, war nicht in einem Konzept vorgesehen», sagte er und führte die miteroberte Reitschule, die Dampfzentrale und sogar das Gurlitt-Erbe als Beispiele ins Feld.

Ähnlich argumentierte Schmidt, der von den Veranstaltern forderte, die Unfreiheiten der Leistungsverträge zu bekämpfen. Er sorgte auch für die einzige Pointe des Abends: «Ich wünsche mir eine aufmüpfige Kultur», sagte er, worauf Teuscher «Reitschule, Reitschule!» einwarf.

Nur einmal wurde es ansatzweise gehässig:Als Teuscher zu Wyss’ Kunst-am-Bau-Thema monierte, dass in ihrem Bildungsdepartement das Geld für solch tolle Ideen fehle, fuhr ihr von Graffenried ins Wort: «Da­rum ging es doch jetzt nicht!»

Aber das wars dann schon. Ergo: In Sachen Streitlust gibts noch viel Luft nach oben, RGM lebt, als wäre nichts gewesen, wobei sich Grün und Grün am wenigsten grün sind.

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