Bern

Revolution in der Schule

BernUnser Schulsystem vernichte just jene Fähigkeiten, welche die moderne Wirtschaft nachfrage, kritisieren die Gründer von Spielraum 21. In der neuen Schule soll die Neugier der Kinder die Gestaltung des Unterrichts prägen.

Schulgründer: Geri Lowiner, Barbara Müller, Tamar Widmer, Michael Fankhauser, Sigrid Romijn, Andreas Bangerter (von links). Nicht auf dem Bild: Simona und Mimo Pfander, Franziska Zosso, Salome Heydolph, Jan-Willem Romijn, Jolanda Reber.

Schulgründer: Geri Lowiner, Barbara Müller, Tamar Widmer, Michael Fankhauser, Sigrid Romijn, Andreas Bangerter (von links). Nicht auf dem Bild: Simona und Mimo Pfander, Franziska Zosso, Salome Heydolph, Jan-Willem Romijn, Jolanda Reber. Bild: Urs Baumann

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So war Schule im Zeitalter der Industrialisierung: aufgebaut auf Macht und Druck, ausgerichtet auf Konformität, geordnet nach streng voneinander getrennten Fächern. Und alles immer schön im Dreiviertelstundentakt.

So ist Schule bis heute, sagen die Gründerinnen und Gründer von Spielraum 21 – obwohl vieles dagegen spreche, so zu unterrichten. «Drei Viertel ihres Wissens und ihrer Fertigkeiten lernen Kinder ausserhalb der Schule», sagt Tamar Widmer, Initiantin der neuen Schule.

Das zeige, dass unser Schulsystem kein optimales Lernumfeld biete. «Lernen ist dann effektiv, wenn es aus eigenem Interesse erfolgt», sagt die Berufsschullehrerin. «Lernen muss mit Emotionen verbunden sein, damit das Gelernte bleibenden Wert hat.»

«Modellschule»

In den letzten Jahren hat Widmer ein Netzwerk aufgebaut. Inzwischen ist die Trägerschaft ein eingespieltes und interdisziplinäres Team, auch wenn der Verein weiterhin neue Mitglieder aufnimmt.

Man stellte zwei Lehrpersonen an, besetzte die nötigen Funktionen. Aufs neue Schuljahr nach den Sommerferien startet Spielraum 21 mit einer Basisstufe. Dereinst soll die Schule Kindergarten bis 9. Klasse umfassen, unterteilt in Basisstufe, 3. bis 6. Klasse sowie 7. bis 9. Klasse.

Zu Beginn kostet das Schulgeld im Normalfall monatlich 1000 Franken. Passender Schulort ist das «Innovationsdorf» in ehemaligen Wifag-Räumen an der Wylerringstrasse 36, wo auch die Kaos­piloten – eine «etwas andere» Businessschule – daheim sind.

Spielraum 21 sei «eine Modellschule des 21. Jahrhunderts». In ihr sollen sich Kinder und Jugendliche zu «aktiven, verantwortungsvollen, erfüllten und empathischen Mitbürgern» entwickeln. Der Weg dazu? Anknüpfen an den Interessen und der Reife der Kinder, häufiges Arbeiten in Lerngruppen, Aufbrechen der Fächertrennung, des 45-Minuten-Takts, der Trennung zwischen Lernen und Spielen.

Und Andocken an der Umgebung: «Wir brechen die Mauern des Schulhauses nieder und bewegen uns viel draussen», heisst es auf der Facebook-Seite der Schule. Die Stadt Bern, das Gewerbe und die Natur hielten Angebote im Überfluss bereit. Durchlässigkeit gelte auch umgekehrt: Bei Bedarf holt Spielraum 21 Fachpersonen ins Haus.

«Keine alternative Schule»

«Im herkömmlichen Bildungssystem fragen sich viele nach neun Jahren, was sie eigentlich können», sagt Widmer. «Bei Spielraum 21 sollen ihre Talente gefördert werden, soll Raum gelassen werden, damit sie ihr Potenzial entfalten können.»

Ihr Konzept basiere auf zeit­gemässer Bildungs- und Hirnforschung, insistieren die Schulgründer. Moderne Landwirte hätten sich vom Industriezeitalter emanzipiert, setzten auf Vielfalt und Nachhaltigkeit. «Nun ist es auch in der Bildung Zeit für eine kleine Revolution, um das System aus dem letzten und dem vorletzten Jahrhundert über Bord zu werfen.»

Spielraum 21 sei «keine alternative Schule», sondern stehe «in der Mitte der Gesellschaft», suche den Austausch mit den schweizerischen Pädagogischen Hochschulen.

Und man reklamiert für sich, junge Menschen besser als das traditionelle Bildungssystem auf die Ansprüche der modernen Wirtschaft vorzubereiten. «Heute braucht es mehr als Schreiben, Lesen und Rechnen im Fremddiktat», sagt Widmer. «Gefragt sind Kreativität, eigenständiges Denken, Fähigkeit zur Teamarbeit.»

Jedes Kind führt «Logbuch»

Wie könnte ein Schultag im Spielraum 21 aussehen? «Das werden wir immer wieder herausfinden», sagen die Gründer, es soll Platz haben für Überraschungen. «Das Wetter hat ebenso Einfluss wie die Bedürfnisse der Kinder.»

Und doch biete die Schule Struktur. Begonnen wird zwischen 8 und 9 Uhr mit gleitenden Startzeiten, dann markiert ein Ritual den gemeinsamen Beginn. Danach arbeiten die Kinder individuell oder in der Gruppe, in Ateliers und Projekten.

Alle führen ein «Logbuch». Darin hält das Kind fest, wo es steht, die Lehrerin oder der Lehrer ergänzt und «übersetzt» in die Lernziele des Lehrplans 21. Mittagessen gibts im «Quartierwohnzimmer», wo die Kinder auf Quartierbewohner treffen.

Denen will Schulraum 21 Angebote machen: Einkaufen für Senioren, ein Spaziergang mit dem Hund – «Service-Lear­ning» nennt sich das. Zwischen 16 und 18 Uhr ist Austrittszeit. «Wir funktionieren nach dem Tagesschulprinzip», sagt Widmer.

«Monatsimpulse», basierend auf den «Natur – Mensch – Gesellschaft»-Themen des Lehrplans 21, sollen die Kinder anregen. Die Wochenplanung gestalten Kinder und Lehrpersonen ­zusammen, der Ausflugstag wird gemeinsam ausgeheckt.

Es sei «ein Urtrieb», sagt einer der Gründer, «Teil einer Gruppe sein zu wollen und einen Beitrag dazu zu leisten». Viele Erwachsene haben laut Widmer schlechte Erinnerungen an die Schulzeit. «Sie haben nie erfahren, dass Lernen Spass machen kann und mit ihrer Lebenswelt unmittelbar etwas zu tun hat.»

Infoanlass am Donnerstag, 11.8., von 18 bis 19.30 Uhr im Spielraum 21, Wylerringstrasse 36, Bern. www.spielraum21.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.07.2016, 08:55 Uhr

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