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Retter im Schutzanzug

Keine Angst vor Wespen, Flöhen & Co.: Die 25-jährige Anouk Ledermann ist Kammerjägerin in Biel. Mit modernem Gerät macht sie allerlei Schädlingen und Plaggeistern den Garaus.

Ursula Grütter
Anouk Ledermann befreit ihre Kunden leidenschaftlich von nervigem Ungeziefer und Schädlingen.
Anouk Ledermann befreit ihre Kunden leidenschaftlich von nervigem Ungeziefer und Schädlingen.
Beat Mathys
Vor abenteuerlichen Einsätzen hat Anouk Ledermann keine Angst.
Vor abenteuerlichen Einsätzen hat Anouk Ledermann keine Angst.
Beat Mathys
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Silberfische, Katzenflöhe, Wespen, Taubenzecken, Ameisen und Tausendfüssler: Anouk Ledermann muss nicht lange überlegen, wenn sie nach Ungeziefer und Schädlingen im Haus gefragt wird.

Sie ist es, die bei entsprechenden Plagen Abhilfe schaffen kann. Kammerjäger nennt sich ihr Beruf, und zusammen mit ihrem Vater René Ledermann betreibt sie in Biel eine Anlaufstelle.

Doch wie kommt eine gelernte Goldschmiedin dazu, Kammer­jägerin zu werden? So einfach sei das nicht zu erklären, antwortet die 25-Jährige im Beisein ihres Vaters, und dieser beginnt zu lachen.

«Helferin in Not»

Er war es, der sie gerne als vierte Generation im Betrieb gesehen hätte. Die Antwort auf sein Angebot fiel anfänglich jedoch vage aus. «Das muss ich mir überlegen», liess die Tochter ihren Vater wissen. Eine grosse Plus-Minus-Liste habe sie erstellt, sagt dieser.

Doch dann war für die junge Frau klar: Sie wollte es nicht der Familie zuliebe machen, sondern wegen der Befriedigung, die ihr dieser Job bringen kann. Anouk Ledermann: «Der Job ist viel­seitig, ich bin die Helferin in Not, und wenn ich die Erleichterung in den Augen der Kunden sehe, freut mich das.» Zudem sei sie gerne draussen, liebe es anzu­packen – und zwischendurch werde sie auch zu einem aben­teuerlichen Einsatz gerufen. Das passe ihr.

Die dunklen Augen der jungen Frau glänzen, wenn sie von ihrer Arbeit spricht. Was stets ruhig bleibt, ist ihre Stimme. Man traut ihr fraglos zu, verzweifelte Hausbesitzer und Mieter zu beruhigen. Rückt sie mit ihrem Koffer und der Schutzkleidung an, tut dies ein Übriges zur Entspannung der Lage.

Tägliches Briefing

Was sich im Koffer der beiden Kammerjäger befindet, geben sie nicht vollständig preis. Vater Ledermann als diplomierter Drogist bedauert das Verbot einiger seiner Ansicht nach bewährten Mittel.

Doch die Tochter winkt heftig ab, und der Vater schwenkt sofort um und weist auf die Vorteile der heutigen, umweltverträglicheren Schädlingsbekämpfung hin. Das ist typisch für die Zusammenarbeit der beiden. Jeden Morgen sitzen sie für ein Briefing zusammen, und da wird auch mal kräftig diskutiert. Doch im Anschluss daran bilden sie nach aussen eine Einheit.

Nicht verhandelbar war für die Tochter allerdings der Einsatz von modernen Kommunikationsmitteln. Der Vater musste sich fügen und nutzt heute unter anderem eine elektronische Agenda. «Das klappt erstaunlich gut», sagt er, der vormals gegenüber der Elektronik skeptisch eingestellt war.

«Danke, Papa, das hast du so noch nie gesagt», tönt es von­seiten der Tochter. Dann holt der 57-Jährige trotzdem noch rasch ein vollgeschriebenes Heft seines eigenen Vaters aus dem Schrank: So habe der Einsatzplan früher ausgesehen – und das habe ja auch geklappt, betont er.

Grosse Nachfrage

Früher, das ist in verschiedener Hinsicht vorbei. Vorbei sind die Zeiten, als man noch DDT und andere umweltschädigende Stoffe einsetzte. Vorbei ist für die Familie auch die Zeit als Inhaber und Betreiber einer Drogerie.

In dritter Generation – die Drogerie wurde 1932 eröffnet – musste René Ledermann den Betrieb aufgeben. Zu gross sei die Konkurrenz gewesen, und er habe einfach keine Zukunft mehr für den Laden gesehen, sagt der gestandene Geschäftsmann.

Schliesslich kam ihm der Umstand zugute, dass er und seine Vorfahren immer auch als Kammerjäger ausgerückt waren. In diesem Segment war die Nach­frage gross, und René Ledermann setzte ab 2007 voll auf die Jagd nach Schädlingen.

Kamera im Einsatz

Zurück zur eigentlichen Schädlingsbekämpfung: Auch hier hat sich die Moderne mithilfe der Tochter durchgesetzt. So verfügen die beiden Kammerjäger über eine spezielle Kamera, mit der sie weit hinter dem Jalousieenkasten oder anderswo Auf­nahmen machen können.

Dieses Instrument ist für die Arbeit sehr wichtig, da die Firma Ledermann mehrmals täglich zur Bekämpfung von schlecht zugänglichen Wespennestern ausrücken muss. Oft hausen in den Hohlräumen über tausend Wespen und fressen zur Vergrösserung ihres Nestes gar die Isolationsschicht an.

Schwieriger wird es, wenn die Insekten hoch in einem Baum ­ihre Behausung eingerichtet haben. In solchen Fällen arbeiten die Ledermanns eng mit der Feuerwehr zusammen.

In luftiger Höhe fühlt sich insbesondere die Tochter in ihrem Element: Sie ist eine leidenschaftliche Kletterin, zumindest dann, wenn sie nicht gerade in die Tiefen des Bielersees taucht.

«Leider reicht die Zeit für diese Hobbys im Moment nicht», bedauert sie. Die Endphase der Schulung zur Kammerjägerin ­beansprucht sie zu stark. In einem einjährigen Modullehrgang erhält sie das Rüstzeug, um sich für die eidgenössisch anerkannte Prüfung vorzubereiten.

Lob der Kunden

Zukunftspläne schmieden die beiden Kammerjäger nicht gross. Mit der Übergabe der Geschäftsleitung an die Tochter ist das Weiterbestehen des Betriebes für den Vater gesichert.

Die Tochter wiederum kann sich vorstellen, ihre beiden Berufe später einmal ­zusammenzubringen. Doch weitere Gedanken dazu macht sie sich noch nicht. «Ich geniesse die Freiheiten bei meiner Arbeit und das Lob der zufriedenen Kunden».

Sagts und eilt zum Telefon: «Ja, sicher, wir können Ihnen helfen. Kakerlaken kann man nachhaltig entfernen.»

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