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«Reitschule hängt am Gängelband von Militanten»

Stadtpräsident Alexander Tschäppät übernimmt das Reitschul-Dossier von Sicherheitsdirektor Reto Nause. Ausserdem liess der Gemeinderat eine Studie durchführen.

Ein Blick in den Innenhof der Reitschule. Der Gemeinderat hat eine Studie durchführen lassen, um Empfehlungen zum Umgang mit der Reitschule zu bekommen.
Ein Blick in den Innenhof der Reitschule. Der Gemeinderat hat eine Studie durchführen lassen, um Empfehlungen zum Umgang mit der Reitschule zu bekommen.
Claudia Salzmann
«Es gibt keine Alternative zum runden Tisch», sagt Soziologe Ueli Mäder
«Es gibt keine Alternative zum runden Tisch», sagt Soziologe Ueli Mäder
Keystone
Der Stadt und der Reitschule sei es bisher gelungen, einen Mittelweg zwischen Kulturbetrieb und autonomer Basisdemokratie zu gehen, heisst es weiter in der Studie.
Der Stadt und der Reitschule sei es bisher gelungen, einen Mittelweg zwischen Kulturbetrieb und autonomer Basisdemokratie zu gehen, heisst es weiter in der Studie.
Claudia Salzmann
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Der Leistungsvertrag der Stadt mit der Reitschule sieht vor, dass der Gemeinderat in der Regel jährlich eine Ansprechperson ernennt. In den letzten zwei Jahren war es Sicherheitsdirektor Reto Nause, der die regelmässigen Gespräche zwischen der Stadt und den Betreibern des Kulturzentrums leitete.

Ab sofort tritt Stadtpräsident Alexander Tschäppät an seine Stelle (hier geht's zum Interview). Er übernehme die politische Führung des Dossiers bis Ende Jahr, heisst es im Communiqué der Stadt Bern. Der Wechsel erfolgt auf Wunsch von Nause.

Anschlag auf Polizeiwache

Der Kulturbetrieb in der Reitschule wird seit langem überschattet von Krawallen, Angriffen auf die Polizei und vom Drogenhandel auf der Schützenmatte. Hohe Wellen warf vor zwei Wochen ein Anschlag auf eine Polizeiwache: Die Täter sollen danach in die Reitschule geflüchtet sein und sich so dem Zugriff der Polizei entzogen haben.

Der Wechsel von Nause zu Tschäppät stehe nicht in Zusammenhang mit diesem Vorfall, betonte Walter Langenegger, Chef des städtischen Informationsdienstes, auf Anfrage. Vielmehr habe die Stadtregierung schon 2013 vereinbart, dass das Reitschul-Dossier im Prinzip im Jahresturnus von einem Gemeinderat zum nächsten weitergegeben werde.

Nause: Bei Reitschule ist der Gesamtgemeinderat gefordert

Beim Reitschul-Dossier ist nach Überzeugung von Sicherheitsdirektor Reto Nause nicht nur ein einzelnes Gemeinderatsmitglied gefordert, sondern die ganze Stadtregierung. Das betonte Nause am Donnerstag im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda.

Der Gemeinderat habe bekanntlich Anfang Legislatur beschlossen, dass das Dossier nach dem Rotationsprinzip vom einen Gemeinderatsmitglied zum nächsten wechsle, sagte Nause. Der jetzige Schritt entspreche diesem Prinzip.

Als CVP-Politiker ist Nause in der rot-grün dominierten Stadtregierung in der Minderheit. Medien haben wiederholt berichtet, Nause sei mit Vorschlägen zur Gewalteindämmung im Gemeinderat gescheitert, weshalb ihm die Führung des Dossiers zunehmend schwer gefallen sei.

Auf Anfrage der sda wollte Nause dazu nicht Stellung nehmen. Er äusserte aber die Hoffnung, dass er in seiner Funktion als Sicherheitsdirektor künftig möglichst wenig mit der Reitschule zu tun haben werde - denn dies sei dann der Fall, wenn Angriffe auf die Polizei künftig unterblieben.

Nach einer Reihe von Angriffen seit Jahresbeginn hatte Nause die Situation in der Reitschule mit scharfen Worten angeprangert. Die Lage sei inzwischen «unhaltbar», bekräftigte er am Donnerstag. Die Reitschule hänge am Gängelband von Militanten.

Der Gemeinderat arbeitet seit längerem an einem Massnahmenpaket, um die Gewalt im Umfeld der Reitschule einzudämmen. Als «wertvoll und hilfreich» beurteilt er in diesem Zusammenhang die Studie, die er beim Basler Soziologen Ueli Mäder in Auftrag gegeben hat. Das 120-seitige Werk wurde am Donnerstag veröffentlicht.

Studie: Dialog soll weitergehen

Neue Erkenntnisse fördert die Studie nicht zu Tage. Sie würdigt die Bedeutung der Reitschule für das Kultur- und Gesellschaftsleben der Stadt Bern, benennt die Konfliktherde und ermutigt die Stadtbehörden, weiterhin einen konstruktiven Dialog mit den Reitschul-Betreibern anzustreben.

Schon heute mache die Stadt vieles richtig, betonen die Autoren. Den Behörden und der Reitschule sei es gelungen, einen Mittelweg zwischen ambitioniertem Kulturbetrieb und autonomer Basisdemokratie zu gehen.

Kritik äussert das Team um Professor Mäder an der «Sensationslüsternheit» mancher Medienschaffender. Zudem warnen die Autoren der Studie davor, alles der Reitschule anzulasten, was im Perimeter Schützenmatte geschehe.

Begünstigt würden Gewalt und Drogenhandel unter anderem durch die Lage der Reitschule auf der «Schütz». Besonders problematisch sei der riesige Parkplatz, der als «Drogen-drive-in» geradezu prädestiniert sei.

Eine einfachere Gestaltung und Belebung der Schützenmatte könnte hilfreich sein, vermuten die Autoren. Entsprechende Pläne hegt die Stadt seit längerem. Die Studie regt auch die Schaffung weiterer Freiräume in Bern an, damit sich am Wochenende nicht alles auf die Reitschule konzentriert.

«Nur begrenzt überwindbar»

Vage bleibt die Studie bei der Frage, wie sich das Verhältnis zur Polizei verbessern liesse. Die Autoren schreiben dazu, die unterschiedlichen Positionen zwischen Exponenten von Reitschule und Polizei seien «nur begrenzt überwindbar». Die Gespräche müssten allen Schwierigkeiten zum Trotz aufrechterhalten werden.

Deutlich wird bei der Lektüre der Studie, wie verhärtet die Fronten zwischen den verschiedenen Akteuren sind. Stadtpräsident Tschäppät hatte in diesem Zusammenhang kürzlich erklärt, man erwäge einen Mediator einzusetzen, der den Dialog stärken helfe.

Das Thema wird in der Studie nicht aufgegriffen, ist aber offenbar noch hängig. «Die Form der Gespräche mit der Reitschule ist sicher ein Thema in den nächsten Monaten», sagte dazu der städtische Mediensprecher Langenegger.

SDA/cla/jam

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