Quattro Stagioni auf britische Art

Konzert Theater Bern tanzt «Vier Jahreszeiten» – und sorgt für einen berauschenden Abend im Stadttheater. Nur einer fehlte – niemandem: der italienische Komponist Antonio Vivaldi.

Mit Kraft und Witz: Die Choreografie zu «Vier Jahreszeiten» im Stadttheater begeistert.

Mit Kraft und Witz: Die Choreografie zu «Vier Jahreszeiten» im Stadttheater begeistert.

(Bild: PD)

Michael Feller@mikefelloni

Die eine Hälfte muss erst einmal draussen warten, für die anderen gehts los. Gruppe A darf also in den Stadttheatersaal rein, wird aber in Richtung Bühne komplimentiert, von Tänzerinnen und Tänzern, die zauberhaft den Weg weisen, als wären sie Aladins Wunderlampe entstiegen. 

Die Männer mit weit geschnittenen Hosen und oben ohne, die Frauen in ähnlich wenig Tuch gehüllt. Während die Zuschauerinnen und Zuschauer nach und nach auf den um ein Rund platzierten Stühlen Platz nehmen, fängt es bereits an.

Wildes Spiel

In der Mitte der runden, kupfern glänzenden Bühne sind Nozomi Matsuoka und Winston Ricardo Arnon schon bei der Sache, möchte man sagen. Sie tanzen, noch bevor es richtig losgeht. Es ist unschwer zu erkennen, dass da zwei Liebende miteinander beschäftigt sind.

Als aus den Boxen Musik erklingt – nicht Vivaldis «Vier Jahreszeiten», sondern ein Song von David Lang –, konkretisiert sich das alles. Die beiden tanzen ein tolles Duett, zwischenzeitlich umrahmt von den anderen Tänzern. Die Sehnsucht ist greifbar, die Anziehung auch, das Spiel ist wild. Bisweilen knuspert Arnon an Matsuoka, als wäre ihr Körper ein Lebkuchenhaus. 

Vivaldi? Fehlanzeige!

Nach knappzwanzig Minuten ist der erste Teil vorbei. Die Glücklichen der Gruppe A strömen mit verklärten Gesichtern zurück in die Umgänge. Für sie wars ein Prolog, die wartende Gruppe B wird etwas Ähnliches am Ende des Abends als Epilog sehen. Nach einer Umbaupause dürfen dann alle in den Saal.

Jetzt also geht es los mit den «Vier Jahreszeiten». Aber Vivaldi? Fehlanzeige. Anstelle der hinlänglich aus der Werbung und aus Klingelton-Sequenzen bekannten Blockbuster-Musik setzt Tanzmeisterin Estefania Miranda bei ihrer Choreografie auf die Version von Max Richter. Was für ein guter Entscheid. Weil die «Vier Jahreszeiten» in der Regel etwa so viel Überraschung in den Konzertsaal bringen wie die Quattro Stagioni auf die Speisekarte des Pizzalieferanten. 

Der Brite Max Richter hat Vivaldi 2012 radikal umgeschrieben. Die bekannten Melodien klingen an, aber ganz neu collagiert. Statt ausgeleierter Tradition ertönt allerlei Frisches, wobei die Achtung vor dem Original in jedem Takt zu hören ist.

Das Berner Symphonieorchester unter der Fuchtel des 25-jährigen Jungspunds Sebastian Schwab am Dirigentenpult spielt leicht und locker, auch wenn sich Richter erlaubt hat, den Musikern dann und wann knifflige Siebenachteltakte unterzujubeln. Zu verdanken ist die reife Leistung auch der hoch konzentrierten Präsenz von Sologeiger Alexis Vincent.

Verspielt bis streng

Über so was lässt sich vortrefflich tanzen. Bevor hier die Lobhudelei endgültig Fahrt aufnimmt: Nicht ganz jedes Klischee wird ausgelassen. Dass so ein Jahreszyklus auf einer kreisrunden Drehbühne stattfindet – ist naheliegend. Dass im ersten Teil, Frühling, sich die Tänzer als Erstes aus einem Kokon winden: auch nicht unübertroffen in Sachen Originalität. Und am Schluss, ja, im Winter, schneit es tatsächlich.

Dazwischen sehen wir jedoch mitreissenden Tanz. In der zusammen mit den Tänzerinnen und Tänzern gestalteten Choreografie geht Estefania Miranda von einem Kollektiv als Gesellschaftsform aus. Die Gruppe durchlebt eine Entwicklung, die mit Zuversicht beginnt und in der Zerstörung endet. Setzen wir auf die Gesamtheit, oder stärken wir das Individuum? Diese Grundfrage bei allen politischen Entscheidungen eignet sich vorzüglich für den tänzerischen Zugang.

Es sind verspielte bis streng synchrone, ja militärische Formen zu sehen. Miranda schafft Bilder, die bleiben. Etwa wenn Winston Ricardo Arnon scheinbar wie die Achse eines Rotorblatts seine elf Kollegen um sich herumwirbelt. Die Handschrift der Choreografin ist jederzeit zu sehen: Es wird eindringlich gezuckt und dramatisch gestorben, die Darbietung hat immer wieder Witz. Und sie nährt sich an der Kraft der Musik, die nun mal wirklich eine grosse Freude ist.

Der Applaus ist lang, der Bravo-Rufe sind viele, auch wenn es ein Rätsel bleibt, wie jetzt dieser Prolog der Liebenden zu den «Jahreszeiten» steht. Aber es bleibt ein schöner Abend, keine Frage, mindestens zu sieben Achteln.

Weitere Vorstellungen bis 11. Januar im Stadttheater Bern.

Berner Zeitung

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