Quartier des himmlischen Friedens

Bern

Im eingezäunten Berner Obstbergquartier provoziert die Formel E Fluchtgedanken, Ärger und Bedenken. Aber auch ein wenig Vorfreude.

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Jürg Steiner@Guegi

Eines hat auch die Formel E nicht zustande gebracht: dem Obstberg, der sich als dörfliche Gemeinschaft versteht, die Beschaulichkeit zu nehmen. Die Ruhe ist grösser denn je. Das Quartier ist komplett eingefriedet. Man könnte, ironisch, vom ersten autofreien Quartier der Stadt Bern reden.

«Ich kenne viele Leute im Quartier, die dieses Wochen­ende die Flucht ergreifen und es weit weg von Bern verbringen», sagt Heini Gysel, Präsident der Nachberegruppe Obstberg. Die Quartiervereinigung sei von Beginn an dezidiert gegen die Formel E gewesen: «Ein Autorennen gehört nicht in ein Stadtquartier.» Ziehe man die nun sichtbaren massiven Auswirkungen in Betracht, hätte man die betroffene Bevölkerung in den Meinungsbildungsprozess einbeziehen sollen.

Protest mit Humor

Gysel sei immer klar gewesen, dass «unsere Kritik nicht diese Austragung verhindert, aber eine mögliche zweite». Die Verärgerung im Quartier habe in den letzten Tagen noch einmal massiv zugenommen und auch die jüngere Generation erfasst. «Was die Leute aufbringt», so Gysel, «ist die Summe kleiner Unzulänglichkeiten.» Etwa mit der Kommunikation überforderte Organisatoren, ein Bus, der nun doch schon nicht mehr fährt, ein Arzt, der seine Sprechstunde kurzfristig verschiebt, weil er wegen des E-Prix im Stau steht.

Gysel wird vom Rennen höchstens einen kurzen Augenschein nehmen, den Samstag wird er hauptsächlich am Formel-E-Alternativfest am Egelsee verbringen: «Dieser Obstberg-Geist ist mir wichtig, wir protestieren nicht miesepetrig, sondern mit Humor und guter Laune.»

Gut gelaunt ist auch die FDP-Politikerin Christina Gartenmann. Sie lebt im Obstberg direkt an der Rennstrecke. Pragmatisch nutzt sie den Renntag für einen privaten Event, sie hat Mitarbeiter, Kunden und Freunde eingeladen, sich das Auto­rennen live von ihrem Garten aus anzuschauen: «Kaum jemand hat je ein Autorennen gesehen, die Leute sind interessiert. Ich freue mich.»

Sie finde es toll, habe sich die Stadt für einmal zu einem Grossevent durchgerungen: «Es tut Bern gut, sich damit zu konfrontieren.» Natürlich zahle man einen Preis, aber die Einschränkungen hält sie für verkraftbar, sie selber habe beste Erfahrungen mit den Organisatoren gemacht, die hilfsbereit seien und ihr alle nötigen Informationen geliefert hätten. Sie wolle den Event unvoreingenommen verfolgen und sich dann erst eine Meinung bilden, ob die Bilanz für Bern positiv sei.

Naiver Gemeinderat?

Er sei überhaupt nicht der Meinung, dass ihm persönlich jeder Anlass, der in Bern stattfinde, gefallen müsse, sagt Christian Pauli, der als Kommunikationsleiter an der Hochschule der Künste HKB arbeitet und im Altenberg wohnt. Aber: Von seinem Wohnort in Sichtweite zur Rennstrecke beobachte er, wie sich Bern mit der Formel E nun «willfährig zur Bühne eines kommerziellen Grossanlasses herrichten» lasse, den man der Bevölkerung «mit einem grünen Deckmäntelchen» angekündigt habe.

Die hochgezüchteten Rennwagen stünden im Gegensatz zu einer platzsparenden urbanen Mobilität, sagt Pauli. Er werde den Eindruck nicht los, dass der Gemeinderat vor der grossspurigen Formel E ehrfürchtig eingeknickt sei und sich naiv zu einem Event habe verleiten lassen, der, «wie ich glaube, in Bern nie mehr stattfinden wird».

Berner Zeitung

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