«Prüfungen würde ich gerne schreiben»

Asylsuchende können an der Universität Bern Vorlesungen besuchen. Einer, der das Angebot nutzt, ist Bashir Ibrahimi. Dafür erhält er Tagesstruktur und Kontakte zu Einheimischen, aber kein Diplom.

Nach der Vorlesung: Mentorin Serena Rickenbacher geht mit Bashir Ibrahimi die Fragen der Gruppenarbeit durch.

Nach der Vorlesung: Mentorin Serena Rickenbacher geht mit Bashir Ibrahimi die Fragen der Gruppenarbeit durch.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Edith Krähenbühl

Der Hörsaal ist bis auf den letzten Platz besetzt. Wer zu spät kommt, muss stehen oder auf der Treppe sitzen. Das passiert Bashir Ibrahimi nicht. «Ich habe gelernt, dass man in der Schweiz pünktlich kommen muss.»Abdul Bashir Ibrahimi, genannt Bashir, 27 Jahre alt, geboren in Afghanistan, kennt sich aus mit Zeit. Er weiss, wie es ist, wenn man zu viel davon hat. Seit drei Jahren ist er in der Schweiz, seit drei Jahren wartet er auf einen Asylentscheid. Und versucht, die Wartezeit mit sinnvoller Beschäftigung zu füllen.

Seit dem Herbstsemester 2018 besucht er deshalb Vorlesungen in Betriebswirtschaftslehre (BWL) an der Uni Bern. Möglich ist dies dank des Projekts «Offener Hörsaal» – ein Angebot der Studierendenschaft der Universität Bern (SUB). Die SUB will damit geflüchteten Menschen Zugang zu Bildung und Gesellschaft ermöglichen, wie sie auf ihrer Website schreibt (siehe Kasten).

Eine Mentorin als Unterstützung

Neben Bashir Ibrahimi im Hörsaal sitzt Serena Rickenbacher. Die 24-Jährige studiert Sozialwissenschaften im Haupt-, BWL im Nebenfach. In ihrer Freizeit engagiert sie sich als Mentorin für den «Offenen Hörsaal».

Serena Rickenbacher unterstützte Bashir Ibrahimi bei der Auswahl seiner Veranstaltungen, zeigte ihm Anfang Semester die Räume, in denen die Vorlesungen stattfinden, und hilft ihm beim Einrichten des Onlinezugangs zu Studienunterlagen. «Wir Mentorinnen und Mentoren wurden Anfang Semester vom Verband der Schweizerischen Studierendenschaften geschult, was unsere Aufgaben sind und was nicht», erklärt Rickenbacher. «Finanzielle Unterstützung zum Beispiel gehört nicht dazu.»

Trotzdem sind finanzielle Fragen ein Thema. Oft sei zum Beispiel die Finanzierung des Zugbilletts für die Anreise zur Uni ein Problem für die teilnehmenden Asylbewerberinnen und Asylbewerber, schreibt die SUB. Die Frage, wie Bashir Ibrahimi das Billett von seinem Wohnort Münsingen zur Uni in Bern finanziert, ist ihm merklich unangenehm. «Da müssen wir aber nach einer Lösung suchen», insistiert Serena Rickenbacher.

Vom Mitstudenten zum Zuschauer

Eine Lösung ist auch in der BWL-Vorlesung im Unihauptgebäude gefragt. Das Thema: Nachhaltigkeit in Organisationen. Die Frage: Wie kann ich als Firma Kunden dazu bringen, fürs Take-away-Menü Mehrweggeschirr zu benutzen? Die Studierenden müssen ein Konzeptpapier erarbeiten, das als Leistungsnachweis benotet wird. Jetzt, da es darum geht, mögliche Lösungsansätze in Gruppen zu diskutieren, wirkt Bashir Ibrahimi etwas verloren.

«Ich bin froh, dass ich Vorlesungen besuchen darf, sonst sitze ich zu Hause und langweile mich.»Abdul Bashir Ibrahimi, Asylbewerber aus Afghanistan

Während Serena Rickenbacher Argumente vorbringt und Lösungen vorschlägt, wird er vom Mitstudenten zum Zuschauer. Er darf keine Prüfungen schreiben und erhält keine ECTS-Punkte, die für erfolgreich absolvierte Veranstaltungen vergeben werden und die nötig sind, um einen Studienabschluss zu erlangen. Das sind die Regeln für Gasthörerinnen und Gasthörer an der Universität Bern, und als solche gelten die Teilnehmer am «Offenen Hörsaal». «Ich würde schon gerne Prüfungen schreiben», sagt Bashir Ibrahimi, «aber ich bin froh, dass ich wenigstens die Vorlesungen besuchen darf.» Dies sei sehr wichtig für ihn, «sonst sitze ich zu Hause und langweile mich».

Schweizer kennen lernen ist schwierig

Eine Arbeit zu finden, ist für Ibrahimi mit seinem Aufenthaltsstatus N wegen des Inländervorrangs nahezu unmöglich. Trotzdem hat er es geschafft, seinen Alltag zu strukturieren. Er hat fliessend Deutsch gelernt und einen Sponsor gefunden, der es ihm ermöglicht, das Bürofachdiplom an der HSO zu absolvieren. Daneben macht er Sport, geht im Sommer wandern und besucht an zwei Tagen pro Woche Vorlesungen.

Neben dem Wunsch, einer Beschäftigung nachzugehen, erhofft er sich vom Unibesuch vor allem, Schweizerinnen und Schweizer kennen zu lernen. Das sei jedoch nicht so einfach: «Ich habe nicht den Mut, Leute anzusprechen, die ich nicht kenne.» Einige Kollegen habe er aber dennoch gefunden.

Und so erwirbt Bashir Ibrahimi an der Universität Bern zwar kein akademisches Diplom, aber Kenntnisse der lokalen Kultur: «Ich höre sofort, wenn jemand aus Bern kommt. Ich finde es gut, wenn ein Schweizer Hochdeutsch spricht, es gefällt mir besser, als wenn Deutsche Hochdeutsch sprechen.»

Berner Zeitung

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