Bern

Tod vor «Dead End» – Für den Täter wars ein Unfall

BernVor dem Berner Nachtclub Dead End eskalierte 2016 ein Streit zwischen zwei Männern. Der eine, ein 32-jähriger Schweizer, starb an schweren Stichverletzungen, der andere, ein 34-jähriger Somalier, steht deswegen nun vor Gericht.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Club heisst Dead End – Sackgasse. Tatsächlich ist das ­Dead End für viele Nachtschwärmer in Bern der Ort, von dem aus es nicht mehr weitergeht. Im ­Dead End stranden die unterschiedlichsten Menschen, die meisten nach einer langen Partynacht nicht mehr nüchtern. Im Haus neben dem Henkerbrünnli befindet sich zudem der ­Sleeper, die Notschlafstelle.

Vor dem Eingang zum Dead End trafen in den frühen ­Morgenstunden des 4. Dezember 2016 auch zwei Männer aufeinander, die sich flüchtig kannten. Der eine arbeitete als Türsteher im Dead End, der andere war dort als «schwieriger Kunde» bekannt.

Für den Türsteher, an jenem Abend nicht im Dienst, endete diese Begegnung tödlich. Der andere muss sich seit gestern vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland für eine Tat verantworten, die er zwar nicht bestreitet, von der er aber behauptet, sie sei «ein Unfall» gewesen.

Das Opfer

Vor Gerichtspräsident Daniel Gerber sitzt ein 34-jähriger Somalier. Hinter seinem breiten Rücken im schwarzen Kapuzenpulli verfolgt die Mutter des Opfers die Verhandlung. Ihr Sohn war 32 Jahre alt, als er starb. In Bern war er als Veranstalter von After-Hour-Partys bekannt. Ein Arbeitskollege beschreibt ihn als «anständig, nett und familiär». Im Team hätten ihn alle gemocht.

«Er war ein guter Mensch», sagt auch der Beschuldigte, der an jenem Dezembermorgen mit einer Schere auf den 32-Jährigen einstach und ihm solch schwere Verletzungen zufügte, dass er drei Tage später im Spital starb. «Er war ein guter Mensch.» Das sagt der Beschuldigte mehrmals, und die Angehörigen und Freunde des Opfers schütteln den Kopf.

Der Streit

Der Streit zwischen den beiden Männern eskalierte um circa 7.45 Uhr vor dem Eingang des Dead End. Dort waren das spätere Opfer und ein Türsteherkollege am Rauchen, als der Beschuldigte auftauchte. Er hatte bereits in der Nacht versucht, ins Lokal zu gelangen, ihm wurde aber der Eintritt verwehrt.

Einerseits weil er keine Mitgliederkarte gehabt habe, wie der involvierte Türsteher am Dienstag erklärte. Aber wohl vielmehr deshalb, weil er beim Dead-End-Team als Störenfried bekannt war. «Er hatte sich schon früher auffällig verhalten und Streit gesucht», erzählt der Zeuge.

Der Abgewiesene nannte den Türsteher einen «Rassisten» und drohte ihm mit Schlägen. Als er kurz vor 8 Uhr zum Club zurückkam, sei er «deutlich aggressiver» gewesen als in der Nacht, sagt der Zeuge. Er habe ihn und das spätere Opfer beschimpft. «Der geht mir auf den Wecker», habe der 32-Jährige gesagt. «Ich werde jetzt zu ihm gehen und ihm sagen, dass er uns in Ruhe lassen soll.»

Die Stiche

Er folgte dem Somalier, der Richtung Schützenmatte davonging. Was sich danach abspielte, schildert der Zeuge so: «Mein Kollege rief dem Mann etwas hinterher. Was, habe ich nicht verstanden. Dieser drehte sich daraufhin unvermittelt um, kam zurück und schlug mit grosser Kraft auf meinen Kollegen ein. Es sah so aus, als ob er einen Gegenstand in der Hand hielt.»

Der Täter flüchtete, das Opfer torkelte über die Strasse zurück zum Club. Siebenmal hatte der Täter innert kürzester Zeit mit einer Schere auf den Mann eingestochen. Ein Stich drang in den Schädel ein, was zu einer Hirnblutung führte.

Die Unfall-Theorie

Das Opfer sei «in die Schere gefallen», sagt der Beschuldigte. Niemals hätte er absichtlich auf jemanden eingestochen. Es sei ein Reflex gewesen, weil ihn der Mann zuerst zurückgehalten und auf den Kopf geschlagen habe.

Dieser Darstellung widerspricht sowohl der Zeuge als auch der ­Bericht des rechtsmedizinischen Instituts. «Es ist eine erhebliche Energie nötig, damit eine Schere so tief in den Schädel eindringen kann.» Die Schere, sagt der Beschuldigte, habe er bei sich gehabt, um seine Kokainpfeife auszukratzen.

Der Mann kam 2008 aus Somalia in die Schweiz und wurde vorläufig aufgenommen. Allerdings wurde er von den Bundesbehörden verwarnt, weil er mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Der Somalier sieht sich selber als Opfer von Diskriminierung. Er habe Fehler gemacht, räumt er ein. Aber andere hätten «auch Fehler an mir begangen». Angeschuldigt ist er nun wegen vorsätzlicher Tötung und diverser anderer Delikte.

Das Urteil soll am Freitag bekannt gegeben werden. Im Zivilpunkt haben sich die Parteien darauf geeinigt, dass der Beschuldigte der Mutter des Opfers eine Genugtuung von 25'000 Franken bezahlen muss. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.11.2017, 13:52 Uhr

Artikel zum Thema

Dead-End-Delikt ereignete sich nicht vor der Reitschule

Bern Die Kantonspolizei Bern schrieb in einem internen Bericht, die tödliche Auseinandersetzung im Dezember 2016 habe «auf einem Trottoir vor der Reitschule» stattgefunden. Gemäss Polizeichef Willi ist diese Angabe falsch. Mehr...

Tödlicher Streit vor «Dead End»: Somalier in Genf verhaftet

Bern Der Verdacht scheint sich zu erhärten. Beim Verhafteten im Fall der Tötung beim Henkerbrünnli in Bern handelt es sich um einen Somalier. Er flüchtete bis nach Genf. Mehr...

Dead End: Verdacht fällt auf einen «notorischen Störenfried»

Bern Der Mitarbeiter des Nachtclubs Dead End ist am Mittwoch seinen Verletzungen erlegen. Laut dem Chef der Notschlafstelle hat der mutmassliche Täter schon früher für Ärger gesorgt. Am Donnerstag kam es zu einer Festnahme. Mehr...

Marktplatz

Immobilien

Blogs

Casino historisch Die schwankende Brücke

Bern & so Unsere Tunnel

Service

Die Welt in Bildern

Wer wird Präsident? Ein traditionell gekleideter Chilene, ein sogenannter Huaso, verlässt nach seiner Stimmabgabe in Santiago die Wahlkabine. (19. November 2017)
(Bild: Esteban Felix/AP) Mehr...