Promille frei auf dem Gummiboot

Wieso die Promillegrenze für Luftmatratzen-Matrosen fiel – und warum man das Saufen auf der Aare trotzdem besser sein lässt.

Sommer, Aare, Bier und Paddel. Noch gilt die Promille-Grenze für Gummiboot-Kapitäne – das Parlament will sie abschaffen.

Sommer, Aare, Bier und Paddel. Noch gilt die Promille-Grenze für Gummiboot-Kapitäne – das Parlament will sie abschaffen.

(Bild: Keystone)

Cedric Fröhlich@cedricfroehlich

Auf der Aare treiben und gemütlich ein paar Bier zischen, die Sonne brennt den Bauch braun oder rot und das Leben ist gut. Vor vier Jahren aber schob die Politik dem Bierplausch auf dem kühlen Nass einen Riegel,der da hiess: Promillegrenze.

Das Parlament fand, Alkohol auf dem Wasser, das verträgt sich nicht. Und so trat im Februar 2014 das angepasste Binnenschifffahrtsgesetz in Kraft. Es sah unter anderem Bussen für Gummiboot-Kapitäne* vor, die mit einem Blutalkohol-Wert von mehr als 0,5 Promille unterwegs sind. Es folgte ein kurzer medialer Aufschrei, die Wirkung des Promille-Paragraphen blieb aber bescheiden. Nun will das Parlament den Passus wieder streichen.

Grund: Die Kantone, und damit die Polizei, haben weder die Ressourcen noch die Verve, um saufende Gummiboot-Kapitäne aus dem Verkehr zu ziehen.

Gefahr kleiner als gedacht

Das Bundesamt für Verkehr erklärt die Lockerung freilich etwas gewählter: «Was wir an Rückmeldungen von den Kantonen und der Polizei haben, hat gezeigt: Die Regelung ist praktisch einfach nicht umsetzbar», sagt Andreas Windlinger, Mediensprecher des Bundesamtes für Verkehr.

In einer Mitteilung schreibt die Verwaltung ausserdem, dass von Gummibooten und sonstigem Aufblasbarem nicht dieselbe Gefahr ausgehe wie von motorisierten Booten. Für welche die Promillegrenze übrigens nach wie vor gilt.

«Das soll nicht als Aufruf verstanden werden, besoffen die Aare runterzufahren.»Andreas Windlinger,Bundesamt für Verkehr

Ähnlich tönt es vonseiten der Kantonspolizei Bern. Mediensprecherin Jolanda Egger erklärt auf Anfrage: «Wir sind auf allen Gewässern präsent, ähnlich wie auf Land. Es werden Kontrollen bei verschiedensten Bootstypen durchgeführt.» Dabei seien der Polizei indes personelle Grenzen gesetzt. «Nicht zuletzt aufgrund der Ressourcen ist eine systematische Kontrolle von Gummibooten an einem Hochsommertag auf der Aare nicht möglich», so Egger.

Wo es verhältnismässig erscheine, führe die Seepolizei gezielte Kontrollen durch. Und die können auch Gummiböötler betreffen. Egger hält aber auch fest: «Bei Gummibooten sind wir insgesamt kulanter, appellieren aber nachdrücklich an die Eigenverantwortung.» Komme es zu einem Unfall, werde natürlich auch der Alkoholeinfluss miteinbezogen.

«Komplett falsches Signal»

In den nächsten drei Monaten können nun Kantone, Parteien und Verbände zur geplanten Lockerung Stellung nehmen. In Kraft tritt sie nicht vor 2020. Bis dahin gilt die Grenze also noch.

Freie Fahrt also fürs bierselige Aareböötlen? Trunkene Steuermänner haben jedenfalls kaum Sanktionen zu befürchten. Allerdings appelliert Andreas Windlinger angesichts der Lockerung an den gesunden Menschenverstand und das Verantwortungsgefühl. Er hält fest: «Das soll nicht als Aufruf verstanden werden, besoffen die Aare runterzufahren.»

Genau das befürchtet hingegen Philipp Binaghi. Der Medienverantwortliche der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG) hält die fallende Promillegrenze für «ein komplett falsches Signal».

Zum Beispiel Australien

Die Lebensretter propagieren seit Jahren sechs Baderegeln. Eine davon lautet: Nie alkoholisiert oder unter Drogen ins Wasser! Sie kommt nicht von ungefähr.

Alkohol und Wasser – das passt nicht. (Quelle: Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft)

Diverse internationale Studien belegen den Zusammenhang zwischen Unfällen auf dem Wasser und Alkoholkonsum. 2016 wertete die «Royal Life Saving Society» – das Pendant zur SLRG im Commonwealth – die Zahl der tödlichen Zwischenfälle mit Booten in Australien aus. Von den 473 Personen, die in den zehn Jahren zuvor auf Wasserwegen in Down Under ertrunken sind, hatten 124 Personen Alkohol intus. Die Dunkelziffer dürfte laut den Autoren noch höher sein, da nicht alle Toten einer Promille-Kontrolle unterzogen wurden.

Ähnliches liest man auch aus dem Hohen Norden. Finnische Wissenschaftler untersuchten die Todesfälle auf heimischen Gewässern aus den Jahren 1969-1995. Ergebnis: Bei über 60 Prozent war Alkohol im Spiel.

«Wie macht es die Polizei im Strassenverkehr? Flächendeckend? Nein, sie führt Stichproben durch.»Philipp Binaghi,Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft

Philipp Binaghi sagt dazu: «Alkohol führt zu einer Bewusstseinstrübung. Man überschätzt sich selber, fühlt sich unter Umständen als Superheld.» Dass sich dadurch das Unfallrisiko erhöhe, sei selbstredend. Sein Rat an alle Hobby-Matrosen: «Gerade beim Aareböteln: Lasst es mit Alkohol sein.» Und: «Geht nachher in die Beiz oder genehmigt euch einen beim Grillieren im Marzili.»

Lebensretter wollen mitreden

Das Argument, wonach die bisherige Promille-Regel nicht umsetzbar sei, verfängt für ihn nicht: «Wie macht es die Polizei im Strassenverkehr? Flächendeckend? Nein, sie führt Stichproben durch.»

2015 bezeichnete die Weltgesundheitsorganisation WHO in einem Report den Tod durch Ertrinken einen «leading killer», eine der weltweit häufigsten Todesursachen. Die SLRG hatte daraus Empfehlungen abgeleitet, die Prävention forciert.

Resultat ist das sogenannte Wasser-Sicherheits-Forum – initiiert von der SLRG und der Beratungsstelle für Unfallverhütung – in dem Präventionskräfte gebündelt werden sollen. Philipp Binaghi zeigt sich auch deshalb ernüchtert: «Ich hoffe, man bezieht uns zumindest in die Gespräche und Befragungen zur geplanten Änderung ein.»

* Uns ist bewusst, dass auch Frauen Gummi-Kähne von Thun nach Bern steuern. Aktuelle Zahlen zeigen aber, dass von den jährlich durchschnittlich 49 Todesopfern in Schweizer Gewässern 42 Männer sind. Deshalb hoffen wir, mit «Kapitänen» und «Matrosen» niemandem zu nahe zu treten.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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