Bern

Profis führen an die Orte der Armut

BernSoziale Stadtrundgänge nennt Surprise das Angebot. Vier Stadtführer zeigen ab nächster Woche ihre wichtigsten Orte in Bern. Sie wissen, wovon sie reden: Alle haben so vieles am eigenen Leib erlebt.

Surprise-Stadtführer Roger Meier kennt alle trockenen Plätze der Stadt. Er lebt seit Jahren auf der Gasse und berichtet unter der Laube unter dem Bundeshaus West aus seinem Leben.

Surprise-Stadtführer Roger Meier kennt alle trockenen Plätze der Stadt. Er lebt seit Jahren auf der Gasse und berichtet unter der Laube unter dem Bundeshaus West aus seinem Leben. Bild: Christian Pfander

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Roger Meier (56), seit Jahren ­obdachlos, und André Hebeisen (49), trockener Alkoholiker und Sozialhilfebezüger: Das sind zwei von vier Stadtführern, die ab der kommenden Woche Interessierte durch die sozialen Brennpunkte der Stadt Bern führen.

Surprise bringt damit die sozialen Stadtführungen nach Bern, die in Zürich und Basel schon mit Erfolg durchgeführt werden. Bereits sind dort rund 40'000 Personen so durch die Innenstädte geführt worden, erklärte Sybille Roter, die Gesamtleiterin Stadtführungen, am Donnerstag an einer Medienkonferenz. So seien Leute aus allen Schichten mit der Armut in ih­ren Städten wenigstens vorübergehend in Kontakt gekommen.

Aber zurück nach Bern und zu Röschu Meier und Ändu Hebeisen: Die beiden führen auf zwei unterschiedlichen Touren durch die Stadt. «Das ist ganz wichtig, denn ich erzähle ja viel aus meinem Leben, über die Orte, an denen mir weitergeholfen wurde und wo ich wenigstens vorübergehend Schutz gefunden habe», erklärt Neu-Stadtführer André Hebeisen. So wird auf seiner Tour zu vernehmen sein, wie er vor elf Jahren und alkoholkrank seine Stelle als Abteilungsleiter bei einer grossen Baufirma verlor, wie er auf die Gasse kam, wo er sich eine günstige Mahlzeit organisieren konnte.

Aber auch sein heutiges Leben ohne Alkohol und mit vielen kleinen Jobs wird sicher ein Thema sein. «Ich habe nichts zu verbergen», sagt er. Wer etwas über ihn wissen wolle, dürfe das getrost wissen. Weil er gern unter Leuten ist und weil er sich natürlich einen Zusatzverdienst erhofft, macht er mit und führt «reiche» Leute zum Caritas-Laden, zum Sozialdienst, zur Brocki des Blauen Kreuzes und zum Azzurro, wo er sich jeweils günstig verpflegt. Diese Führung heisst «In der Armutsfalle».

Leben auf der Gasse

Roger Meier führt seine Gäste auf die Kleine Schanze, natürlich unter das Dach des Pavillons. «Denn ich kenne alle trockenen Orte in der Stadt», erklärt er auf dem Weg dorthin. Seit Jahren lebt er auf der Gasse, hat die offene Drogenszene auf der Kleinen Schanze und im Kocherpark miterlebt.

Vor eineinhalb Jahren kam er mit Surprise in Kontakt, wurde Verkäufer und brachte jetzt die Ausbildung zum Stadtführer hinter sich. «Ich will den Leuten die Augen öffnen, ihnen zeigen, dass wer auf der Strasse lebt, nicht einfach ein Penner ist.» Denn, so Meier, es brauche schon eine gewisse Cleverness dafür, das zu überleben. «Ich sage immer, wer jeden Tag ins Büro geht und am Abend nach Hause in eine geheizte Wohnung, hats einfacher.» Er berichtet auf seiner Tour über die Hilfe von Pinto, über die kirchliche Gassenarbeit und steht als Stadtführer plötzlich wieder im Kocherpark.

Auch auf seiner Tour wird das gegenwärtige Leben sicher ein Thema sein, denn seit November des letzten Jahres hat Röschu Meier eine eigene kleine Wohnung und schafft es schon, bei fast ge­schlossenem Fenster zu schlafen. Übrigens: Seine Tour heisst «Überleben auf der Gasse».

Insgesamt bietet Surprise ab der kommenden Woche zwei ­thematisch verschiedene Rundgänge an. Ein dritter kommt im Frühling dazu..

Infos: www.surprise.ngo/stadtrundgang oder 031 558 53 91. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.01.2018, 08:45 Uhr

Stattland

Auch der Verein Stattland bietet einen neuen Rundgang an: Eine Schnitzeljagd durch die verschiedenen Wohnformen ist angesagt. Auf die Frage «Was bedeutet Zuhausesein» werden Antworten gesucht. Die Schnitzeljagd wird von Schauspielern begleitet, die gemäss Medienmitteilung «eine theatrale Verdichtung von Dokumentarischem und Fiktivem bieten». Das Publikum wird im Stadtberner Nordquartier durch Vorgärten und Hinterhöfe geführt. Dabei werden die unterschiedlichsten Vorstellungen von Zuhausesein zum Thema. Die Führung geht auch durch die gute Stube oder den Gruppenraum, in dem man sich mit den Hausregeln zu befassen hat. Der Rundgang heisst «Nirgendwo mehr als hier» und feiert am 1. Februar um 19.30 Uhr seine Premiere.

Anmeldung unter info@stattland.ch.

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