Präzision auf der Strasse und am Uhrwerk

Der eine Job im Atelier, der andere auf der Strasse: Uhrmacher Eduard ­Lüthi trifft auf Strassenbauer Andreas Gerber. Der Unterschied ihrer Berufe ist gross. ­In der Freizeit könnten sie sich aber begegnen – im Fussball- oder im Eishockeystadion.

Im Uhrenatelier: Andreas Gerber (l.) und Eduard Lüthi mit ihren wichtigsten Arbeitswerkzeugen.

Im Uhrenatelier: Andreas Gerber (l.) und Eduard Lüthi mit ihren wichtigsten Arbeitswerkzeugen.

(Bild: Beat Mathys)

«Uhrenatelier Eduard Lüthi» steht auf einem Schild in der Berner Marktgasse. Der Zugang ist aber nicht leicht zu finden. Eine unscheinbare Tür führt zu einer Treppe, im zweiten Stock liegt der Raum, in dem Uhren wieder in Gang gebracht werden. Hier trifft Uhrmacher Eduard Lüthi (65) aus Bolligen auf Andreas Gerber.

Der 27-jährige Strassenbauer der Firma Huldi + Stucki erblickt eine ungewohnte Arbeitsumgebung. Hier sieht man Uhren aller Art: Pendulen, Standuhren, Regulatoren. In Glaskästen und auf Gestellen liegen Armbanduhren, auf dem Arbeitstisch Pinzetten und kleine Schraubenzieher. «Ohne diese Werkzeuge könnte ich gar nicht arbeiten», sagt Lüthi

Einige kennt Gerber, «aber nur in grösserer Ausführung», sagt er und zeigt auf ein Schraubstöckchen. Beim Strassenbau kommen Werkzeuge und Maschinen anderer Kaliber zum Einsatz: Trennschleifer, Spitzhämmer, Kompressoren, Bagger, Materialtransporter, aber auch Nivelliergeräte oder Flächenlaser. Und natürlich die Schaufel. Gerber: «Es vergeht kein Arbeitstag, an dem ich sie nicht benütze.»

Eduard Lüthis Laufbahn begann vor knapp fünfzig Jahren. Er lernte Uhrmacher/Rhabilleur in Grosshöchstetten, «von der Pieke auf». Und er blieb seinem Beruf treu, «weil er mir gefällt».

Hauptsächlich führt er Revisionen aus, die mehr und mehr gefragt sind. Er kann alles reparieren, von der kleinsten Armbanduhr bis zu grossen Werken mit mehreren Schlagmechanismen. «Solche Uhrmacher», sagt er, «gibt es heutzutage kaum noch.»

Harte Arbeit im Freien

Andreas Gerber lernte zuerst Maurer und sattelte später um. Er kann sich nicht vorstellen, drinnen in einem einzigen Raum zu arbeiten. «Mir gefällt die Abwechslung: immer wieder anderen Baustellen, Kontakte zu verschiedensten Menschen.

Seine Arbeit ist streng, verlangt körperlich viel. «Ich bin gerne draussen, als Strassenbauer ist das Bedingung», sagt er. Auch wenn es manchmal nicht angenehm sei. «Zum Beispiel wenn es regnet und man nach wenigen Minuten durch und durch nass ist.» Oder im Sommer, wenn es tagelang über 30 Grad warm ist wie letztes Jahr.

Beim Belageinbauen, erzählt er, stehe man auf 80 bis 100 Grad heissem Asphalt, und darauf komme eine noch heissere Schicht. «Das zehrt an den Kräften.» Dies beeindruckt Eduard Lüthi, der durch einen befreundeten Strassenbauer Einblick in den Beruf hat. Zu Gerber sagt er: «Sie müssen körperlich schwer arbeiten.» Man gewöhne sich ­daran, entgegnet Gerber, aber abends könne er jeweils nicht mehr grosse Stricke zerreissen.

Auch Lüthi ist nach der Arbeit manchmal geschafft – wegen der Konzentration auf die kleinen Uhrenteile. Gerade setzt er das Werk einer mechanischen IWC aus dem Jahr 1940 zusammen. Aus einem metallenen Körbchen nimmt er die Miniaturteile – Räder, Federhaus, Brücken, Schrauben.

Er legt sie mit der Pinzette an ihren Ort und montiert sie. Früher sei das zum Teil ohne Lupe gegangen, sagt er. Doch nun schaut er stets durch die Linse vor dem rechten Auge auf die Miniaturwelten. «Jedes Mal, wenn ich das Herz der Uhr eingesetzt habe und sie wieder zu laufen beginnt, macht es mir Freude», gesteht Lüthi. Trotz des Pensionsalters arbeitet er weiter, wenn auch mit kleinerem Pensum.

Befriedigung erlebt Andreas Gerber auf Baustellen, «wenn alles wie geplant läuft und am Schluss der Auftraggeber lobt, wir hätten ‹gueti Büez› geleistet. Gerber freut sich auf den Abschluss seiner Ausbildung zum Vorarbeiter.

Vielleicht mache er noch die Polierschule, meint der junge Familienvater aus Niederwangen. «Eines Tages tausche ich dann wohl die Arbeit auf der Strasse mit einem Bürostuhl.»

Seine Uhr liegt zu Hause

In der Freizeit verbringt Andreas Gerber viel Zeit mit seiner jungen Familie, zu Hause oder auf Ausflügen. Lüthi braucht als Ausgleich zur Arbeit Bewegung, zum Beispiel beim Wandern mit seiner Frau oder beim Fussballtennis mit Veteranen. Es könnte aber auch sein, dass sich die beiden einmal begegnen: Beide besuchen ab und zu ein Spiel von YB oder dem SCB.

Welche Uhr trägt eigentlich Andreas Gerber? Aus seiner Beintasche zieht er – sein Handy. «Bei der Arbeit ginge eine Uhr kaputt», erklärt er. Zu Hause hat er aber eine, die er bei besonderen Anlässen trägt: eine Breitling, vom verstorbenen Vater geerbt. Eduard Lüthis Augen leuchten anerkennend.

Berner Zeitung

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