«Plötzlich hören die Fressgeräusche auf, und es ist still»

Neuenegg

Die Familie Streit-Knuchel zieht Seidenraupen auf. Und kultiviert 360 Maulbeer­bäume, von deren Blättern sich die Raupen ernähren. Eine ­Nischenproduktion.

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Ursula Knuchel legt ein paar Foulards auf den Tisch. Sie sind aus schwerer, glatter Seide mit ein­gewobenen oder aufgedruckten Mustern. Da ist ein Gepunktetes, ein Gestricktes im Pied-de-poule-Muster und eines, das die Weberei Weisbrod-Zürrer AG exklusiv für die produzierenden Familien herstellt: ein Foulard mit kunstvoll eingewobenen Silhouetten von Tieren auf dem Bauernhof.

Frauenträume – nicht billig, aber fair produziert, wie ihr Mann Reto Streit betont. Denn: Die Aufzucht von Seidenraupen ist eines von mehreren Standbeinen des 20-Hektaren-Landwirtschaftsbetriebs im Weiler Bärfischenhaus bei Laupen.

Knuchel-Streits vermieten Gästezimmer, halten Masthühner, Mutterkühe und Pensionspferde, produzieren unter anderem Obst, Urdinkel und Quinoa. «Unser Ziel ist erreicht, wenn die Seidenraupenaufzucht eine Nischenproduktion und nicht nur ein Hobby ist», sagt Reto Streit.

Gefrässige Tiere

In einem hellen, auf 25 Grad klimatisierten Raum mit 75 Prozent Luftfeuchtigkeit liegen 2000 Räupchen auf gehackten Blättern des Maulbeerbaums. Sie schlüpften aus mohnsamengrossen Eiern, welche die Vereinigung der Schweizer Seidenproduzenten Swiss Silk in Italien bezieht.

Seidenraupen ernähren sich ausschliesslich von diesen Blättern. Noch sind sie aber so klein, dass man kaum merkt, dass sie an ihrem Futter nagen. Aber die Blätter verschwinden schnell, und es müssen öfter neue bereitgestellt werden. «Genügend frisches Futter ist wichtig für die Qualität der Seide», sagt Reto Streit.

«Wir produzieren keine Massenware, sondern eine  Spezialität. Das passt zu uns.»Reto Streit

So legen die Raupen rasch an Gewicht zu und wachsen so stark, dass sie sich während ihres Lebenszyklus viermal häuten, weil ihnen ihr Kleid zu eng wird. Nach 24 Tagen fressen sie nicht mehr, das Zeichen, dass das Verpuppen bevorsteht. «Es ist nicht einfach, zu erkennen, wann es so weit ist.

Aber plötzlich hören die Fress­geräusche auf, und es ist still», erklärt Ursula Knuchel. Und beschreibt, wie die gut sieben Zentimeter langen, weissen Raupen auf vorfabrizierte Rahmen gelegt werden, wo sie sich in kleine Kästchen zurückziehen und sich im Laufe von drei Tagen einspinnen. Die Kokons werden bei Swiss Silk zentral abgehaspelt und in Seidenspinnereien verarbeitet.

Tiergerechte Produktion

Mit ihren Seidenraupen gehören Ursula Knuchel und Reto Streit zu den Pionieren. Sie waren bei den Ersten in der Schweiz, die sich an diese Aufzucht wagten, und sind begeistert davon, obschon: «Es geht nur, weil wir beide meistens zu Hause sind und die Raupen regelmässig füttern und beobachten können», sagt sie. Rentabel sei die Raupenzucht nur, weil sie Synergien ermögliche.

Das heisst: Auf dem Hof werden Führungen angeboten, die Gäste essen dort, kaufen eventuell etwas ein, einige schlafen vielleicht sogar in einem der Gästezimmer oder tun das, wenn sie später auf einem Ausflug vorbeikommen.

«Wir produzieren keine Massenware, sondern eine Spezialität. Das passt zu uns und zu unserem Hof», erklärt er. Haben sie sich in ihren Kokons eingesponnen, müssen die Raupen sterben, damit der Mensch die kostbaren Seidenfäden gewinnen kann.

Schade findet Reto Streit, dass die proteinhaltigen Puppen, die im Innern der Kokons sind, vorläufig vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen nicht als Tierfutter zugelassen sind.

Zuerst Bäume kultiviert

Drei Jahre bevor das Ehepaar Seidenraupen auf den Hof holte, kultivierte es Maulbeerbäume. 360 Stück sind es jetzt, elektrisch eingezäunt, weil auch Rehe die zarten, grossen Blätter und Knospen mögen. Von jedem Baum dürfen jährlich um die 7 Kilo Blätter gepflückt werden. 5000 Raupen fressen etwa 180 Kilo Blätter, wofür es 25 Bäume braucht. Streit-Knuchels könnten also jährlich drei Aufzuchten mit 20'000 Raupen halten.

«Unser Ziel wäre es, mit der Zeit jährlich 60'000 Raupen aufzuziehen.»Reto Streit

«Unser Ziel wäre es, mit der Zeit jährlich 60'000 Raupen aufzuziehen», sagt Reto Streit. In einem so grossen Umfang wäre die heutige Nischenproduktion rentabel. Das ist sie aber noch nicht. Bis jetzt werden auf dem Hof pro Jahr gut 3 Kilo Rohseide produziert. Das Kilo wird von Swiss Silk für 500 bis 600 Franken verkauft. Rechnet man den Kauf der Raupen und den grossen Aufwand, gibt das gerade mal ein Zubrot. Wenn man sich aber die edlen Foulards anschaut, die Ursula Knuchel durch ihre Hände gleiten lässt, wird klar: Es lohnt sich.

Nächste Führung: Samstag, 23. Juni, 15.30 Uhr. Bärfischenhaus 15. Mehr auf: www.gastundhof.ch.

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