Platznot in Sonderschulen – einzelne Kinder haben Zwangsferien

Die Sonderschulen im Kanton Bern sind voll. Weil Eltern keinen geeigneten Platz finden, müssen Kinder zu Hause bleiben. Denn auch in der normalen Schule sind manche nicht willkommen.

Schüler, die mehr Betreuung benötigen, bringen Lehrer an ihr Limit.

Schüler, die mehr Betreuung benötigen, bringen Lehrer an ihr Limit.

(Bild: Keystone)

Marius Aschwanden

Wie jeder 11-Jährige im Kanton Bern müsste auch dieser Junge * zur Schule gehen. Aber er darf nicht. Kurz vor den Herbstferien 2015 kam der Bescheid der Schulleitung. Er störe den Unterricht, sei aggressiv, könne sich nicht konzentrieren, benötige Hilfe.

In der normalen Schule jedenfalls könne das Kind nicht mehr bleiben, hiess es. Eine Kleinklasse aber gibt es nicht. Also empfiehlt die Schulleitung eine Sonderschule. Damals wussten die Eltern noch nicht, was für eine Odyssee ihnen bevorstand.

«Dass unser Sohn speziell ist, haben wir schon früh bemerkt. Bereits im Kindergarten fiel er das erste Mal auf», sagt die Mutter. Trotzdem wurde er eingeschult, erhielt Unterstützungslektionen. «Das ging bis in die dritte Klasse einigermassen gut.»

Damals aber kam der Junge zu einer neuen Lehrerin. Er gewöhnte sich nicht an die Umstellung, die Noten wurden noch schlechter, er wurde gemobbt. Die Folge war ein Teufelskreis – er verhielt sich noch auffälliger. Schliesslich zieht die Schulleitung die Notbremse: Der 11-Jährige wird ausgeschult.

Die Eltern sind verantwortlich

Eine Abklärung bei der kantonalen Erziehungsberatung ergibt die Diagnose ADHS. Der Junge kann sich nicht konzentrieren und ist hyperaktiv. Damit hat er Anrecht auf sonderpädagogische Unterstützung.

Für die Eltern ist die Sache aber nicht ausgestanden. Was danach folgt, beleuchtet einen Schandfleck der Berner Bildungs- und Gesundheitspolitik: Wegen der fehlenden Sonderschulstrategie (siehe Kasten) fallen ausgeschulte Kinder aus dem Schulsystem. Trotz Schulpflicht ist für sie nicht der Kanton zuständig, sondern die Eltern.

Die Mutter und der Vater klappern Privat- und Sonderschulen ab, um einen Platz für ihren Sohn zu finden. Ohne Erfolg, denn es gibt keine Aufnahmepflicht. Der Junge muss nach einer dreimonatigen Übergangslösung vorerst daheim bleiben.

«Seit der Auflösung vieler Kleinklassen gibts für Kinder wie unseren Sohn innerhalb der normalen Schule keine passende Lösung mehr, und die Sonderschulen sind überfüllt. So etwas darf doch in der heutigen Zeit nicht sein», sagt der Vater.

Immer mehr Sonderschüler

Der Junge ist im Kanton Bern kein Einzelfall. Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) geht von «einigen Dutzend» Schülern aus, bei welchen die Suche nach einem Sonderschulplatz erhebliche Probleme bereitet (siehe Interview).

Neben der fehlenden Sonderschulstrategie gibt es einen weiteren Grund für die unhaltbare Situation. Experten orten diesen bei der verfassungsmässig geforderten Integration.

Seit 2008 werden im Kanton Bern lernschwache oder verhaltensauffällige Schüler möglichst in der Regelschule unterrichtet. Seither hat die Anzahl Kleinklassen von 411 auf 150 abgenommen. Gleichzeitig aber nahm die Anzahl Sonderschüler um über die Hälfte zu – von 1533 auf 2475.

Immer mehr solcher Schüler werden zwar in die Regelschule integriert. Doch parallel dazu ist auch die Anzahl Kinder in Sonderschulen gestiegen. Besonders markant war die Zunahme zu Beginn der Integration, seither hat sich diese etwas abgeschwächt. Besuchten 2008 demnach 1533 Kinder eine Sonderschule, so sind es heute 2073.

Die Folge: volle Schulen, Kinder, die zeitweise nicht gefördert werden, und eine Kostenexplosion. Alleine in den letzten fünf Jahren sind die Ausgaben des Kantons für Sonderschüler um 20 Prozent gestiegen – auf 110 Millionen Franken. Mit 45 000 Franken pro Jahr kostet ein solcher dreimal so viel wie ein Kind in einer normalen Klasse. Die gleichen Entwicklungen lassen sich auch in anderen Kantonen beobachten.

«Ressourcen fehlen»

Alfred Steinmann erstaunt das nicht. «Mit der Reduktion der Anzahl Kleinklassen ist ein Auffangbecken weggefallen», sagt der SP-Stadtrat von Biel und Heilpädagoge. Die Integration von lernschwachen oder verhaltensauffälligen Schülern bedeute für die Lehrer trotz Stützunterricht eine grosse Belastung und viel zusätzlichen Aufwand.

«Kommt dann noch eine grosse Klasse dazu, stossen die Lehrer an ihre Grenzen. Entsprechend werden Kinder heute schneller ausgeschult als früher», sagt Steinmann. Dies führe dazu, dass in den Sonderschulen auch vermehrt Kinder untergebracht seien, die eigentlich in einer Kleinklasse genauso gut aufgehoben wären – etwa solche mit ADHS oder dem Asperger-Syndrom.

Berufsverband unzufrieden

Steinmann stellt die Integration aber nicht grundsätzlich infrage. «Damit die Lehrer jedoch den Kindern gerecht werden können, braucht es genügend Ressourcen.» Insbesondere in kulturell sehr heterogenen Städten wie Biel würden aber vom Kanton zu wenig Lektionen für Förderunterricht zur Verfügung stehen. Es benötige mindestens 10 Prozent mehr. So sei es zwar theoretisch möglich, neue Kleinklassen zu eröffnen. «In der Realität reicht das Geld aber nicht aus», sagt Steinmann.

Wie eine Umfrage unter Lehrern und Schulleitern zeigt, ist der Heilpädagoge mit seiner Ansicht nicht alleine. Auch der ­Berufsverband Bildung Bern spricht sich für mehr Ressourcen aus. «Das Betreuungsverhältnis stimmt heute hinten und vorne nicht», sagt Franziska Schwab, Leiterin Pädagogik.

Darunter leiden würden sowohl die integrierten Kinder als auch der Rest der Klasse. «Wir können nicht gleichzeitig jeden Schüler individuell fördern und einzelne Kinder integrieren.»

Entsprechend gebe es Kinder, die zwischen Stuhl und Bank fallen, wenn keine Kleinklasse mehr angeboten werde. Eine mögliche Lösung für das Problem wären für Schwab Lehrerteams. «So könnte man dem einzelnen Schüler eher gerecht werden. Aber das kostet jedenfalls am Anfang wiederum mehr.»

Doch noch fündig geworden

Wenigstens im Falle des 11-jährigen Jungen können die Eltern mittlerweile aufatmen. Die Suche dauerte zwar mehrere Monate, jetzt haben sie aber doch noch einen Platz gefunden. «Nach einigen Schnuppertagen in einer Sonderschule haben wir nun die definitive Zusage erhalten.» Nach den Sommerferien darf der Knabe somit wieder zur Schule gehen.

Für die Eltern ist trotzdem klar, dass das System gravierende Mängel aufweist: «Unser Sohn braucht eigentlich keine Sonderschule, sondern einfach eine engere Betreuung.»

* Die Namen der Beteiligten sind der Reaktion bekannt.

Berner Zeitung

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