Plastik-Uhu als Krähenschreck

Bern

Die Krähenplage im Nordquartier zwingt die Stadt Bern zu neuen Methoden. Ein Uhu aus Plastik und mit beweglichen Flügeln soll nun Saatkrähen vergrämen. Gesteuert wird er mit einer Schnur, an der geplagte Anwohner ziehen werden.

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Im Berner Nordquartier ereignet sich ein Drama. Es ist der uralte Kampf Mensch gegen Natur, der sich in Berns Norden abspielt. Anwohner und Stadtgrün Bern auf der einen Seite, Saatkrähen auf der anderen. Was hatte die Stadt Bern nicht schon alles versucht, um die Krähenplage im Nordquartier in den Griff zu bekommen. Bis jetzt vergeblich.

Im Jahr 2002 wurden die Nester mit Plexiglashauben abgedeckt. Den Saatkrähen sollte damit der Zugang zu ihren Brutstätten verunmöglicht werden. Nun handelt es sich bei Krähen um intelligente Tiere. Anstatt die Nester aufzugeben, schlichen sie sich von unten wieder hinein. Den Nachteil wandelten die Vögel sogar in einen Vorteil um. Ab sofort kamen die Saatkrähen in ihrem Nest nämlich in den Genuss eines Dachs aus Plexiglas.

Im Jahr 2005 wollte die Stadt die Krähen mit Scheinwerfern und Laserpistolen verjagen. Kurzzeitig hatte man damit Erfolg, irgendwann gewöhnten sich aber die Tiere an die Lichtshow.

Vergangenes Jahr wurde versucht, die Äste so zu schneiden, dass Krähen keine Nester mehr bauen können. Ausserdem entfernten Mitarbeiter von Stadtgrün Bern 99 alte Krähennester. Dies führte zu einer gewissen Entlastung. Doch die Vögel kehrten zurück und bauten die Nester wieder auf. Auch der Einsatz von Greifvögeln wurde geprüft. Weil aber Falken mit ihrer Beute unkontrolliert zu Boden strudeln, sind sie im Strassenverkehr des Stadtgebiets zu sehr gefährdet.

Deutschland macht es vor

Nun will die Stadt den Kampf gegen die Krähenplage erneut aufnehmen. Mit zwei Massnahmen soll kommendes Jahr den Anwohnern der Winkelried-, Ostermundigen- und Tellstrasse Linderung verschafft werden. Massnahme Nummer eins wurde auch vergangenes Jahr angewendet: Mitarbeiter von Stadtgrün Bern entfernen die Krähennester. Vergangenes Jahr passierte dies einmal, diese Saison soll dies drei- bis viermal geschehen.

Massnahme Nummer zwei ist neu: Stadtgrün Bern hängt 50 Zentimeter grosse Uhuattrappen aus Plastik in die Bäume. Mit einer Schnur können vom Boden aus die Flügel des Uhus bewegt werden. «Die Krähen sollen am Morgen erschreckt werden, also zu der Zeit, in der sie ihre Nester bauen», sagt Sabine Tschäppeler, Leiterin der Fachstelle Natur und Ökologie bei Stadtgrün Bern.

Weil Krähen in Siedlungsgebieten keine Raubtiere fürchten müssen, sei dort der Bruterfolg höher, erklärt sie. Mit dem Uhu aus Plastik wolle man den Tieren simulieren, dass auch in der Stadt Raubtiere vorhanden seien. In Deutschland wird die Methode bereits angewendet. Von dort hat Stadtgrün Bern nun zehn Attrappen bestellt. Laut Tschäppeler sollen aber nicht alle zehn Uhus aufgestellt werden. Die Uhus werden an drei bis fünf Orten in der Stadt Bern aufgestellt. Die Aktion startet im Februar, wenn die Krähen mit dem Nestbau beginnen. Dauern wird sie mehrere Wochen.

Weil die Saatkrähen so hartnäckig seien, müssten die Anwohner eine Möglichkeit haben, selber etwas gegen sie zu unternehmen, sagt Tschäppeler. Die sogenannte Vergrämungsaktion werde darum zusammen mit betroffenen Anwohnern organisiert. Diese Art von Selbsthilfe sei für Stadtgrün Bern akzeptabel. Nicht akzeptabel sei es, auf die Saatkrähen zu schiessen, sagt sie.

Keine Krähen geschossen

Dieses Jahr wurde der Schutz für Saatkrähen aufgehoben. Im Kanton Bern darf die Saatkrähe zwischen September und Mitte Februar gejagt werden. Nicht nur das: Hausbesitzer dürfen die Saatkrähe auch selber abschiessen, sofern sich diese auf ihrem eigenen Grund und Boden befinden.

«Die Stadt Bern schiesst nicht auf Krähen und für Privatpersonen sind die rechtlichen Voraussetzungen auch praktisch nirgends gegeben», sagt die Leiterin der Fachstelle Natur und Ökologie bei Stadtgrün Bern. Die Selbsthilfe komme sowieso nur auf dem eigenen Grundstück zum Tragen. Dies sei aber fast nirgends in der Stadt Bern der Fall, weil sich praktisch alle Kolonien in Bäumen auf öffentlichen Boden befänden. Man habe noch keine Zahlen vom Jagdinspektorat zu den offiziellen Abschüssen auf dem Land erhalten. Bei den Privatpersonen wisse sie von niemandem in der Stadt, der auf Krähen geschossen habe.

Anwohner ziehen an Schnur

Urs Frieden ist Mitglied der IG Wankdorf und wohnt an der Tellstrasse, wo eine Krähenkolonie für Unruhe sorgt. Nur mit einem Plastikuhu sei es nicht getan. «Das Wichtigste ist, dass die Räumung der Krähennester vor der Brutzeit weitergeht», sagt er. Als Versuch und als Begleitmassnahme zu anderen Aktionen finde er die Idee mit dem Uhu aber gut, sagt er. Hier gebe es zum ersten Mal die Möglichkeit, dass die Betroffenen selber handeln könnten.

Deshalb werde er sich als Mitglied der IG Wankdorf auch darum kümmern, dass die Anwohner während der paar Wochen auch morgens an der Schnur ziehen kommen. Was den kurzfristigen Erfolg der Aktion angeht, gibt sich Frieden verhalten optimistisch: «Vielleicht funktioniert es im ersten Jahr», sagt er. Längerfristig ist er aber nicht sicher, ob der Plastikuhu die Krähen vergrämt. Meist würden die schlauen Tiere solche Massnahmen nach einer Weile durchschauen.

Berner Zeitung

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