Pfarrerin darf wegziehen

Zimmerwald

Katharina Gysin muss nicht mehr im Pfarrhaus wohnen. Das Verwaltungsgericht hat sie von der Residenzpflicht befreit – wegen der angeschlagenen Gesundheit ihres Mannes.

Stephan Künzi

Muss Katharina Gysin wirklich im Pfarrhaus Zimmerwald bleiben? Oder darf sie definitiv zu ihrem Mann ins Eigenheim nach Riggisberg ziehen? Mehr als zwei Stunden lang debattierte das Verwaltungsgericht hin und her. Schliesslich kam es – als Ausnahme, wie es betonte – dem Wunsch der Pfarrerin entgegen und stellte sich gegen den Kanton, der an der althergebrachten Residenzpflicht für das Hauptpfarramt in Zimmerwald festhalten wollte. Mit drei gegen zwei Stimmen fiel der Entscheid knapp.

In Verwaltungsrichterin Ruth Herzog fand Gysin ihre Fürsprecherin. Auch wenn sie der Pflicht, im Pfarrhaus vor Ort wohnen zu müssen, durchaus Sinn abgewann: Der Pfarrer erfülle seine Aufgaben besser, wenn er in der Gemeinde wohne, die er betreue, unterweise und begleite. Nur so könne das enge Vertrauensverhältnis wachsen, das Voraussetzung für diese Arbeit sei.

Aber, relativierte Herzog gleich: Im Fall Zimmerwald sei das private Umfeld der Pfarrerin genauso wichtig. Die Verwaltungsrichterin erinnerte daran, dass Katharina Gysin mit einem viel älteren Mann verheiratet ist und dieser mit gesundheitlichen Problemen kämpft. Nachbarn, Läden und Ärzte seien für ihn in Riggisberg viel besser erreichbar als in Zimmerwald, wo das Pfarrhaus ein Stück abseits stehe.

Er sehe nicht ein, warum die beiden nicht auch in Zimmerwald leben könnten, hielt dem Kollege Thomas Häberli entgegen. Er kenne kein Arztzeugnis, das festhalte, dass dem Ehemann das Pfarrhaus nicht zuzumuten sei. Häberli warnte davor, die Residenzpflicht allzu leichtfertig zu lockern. Sonst wolle plötzlich auch eine junge Pfarrfamilie ausserhalb ihrer Gemeinde wohnen, weil sich Musik- und Sportstunden der Kinder von einem zentral gelegenen Ort aus viel leichter organisieren liessen.

Gar nichts übrig hatte der Verwaltungsrichter für das bisherige Verhalten der Pfarrerin in dieser Sache. Mit scharfen Worten kritisierte er, dass sie bereits seit Jahren mehr oder weniger in Riggisberg wohnt – er finde es falsch, dieses pflichtwidrige Handeln nun auch noch zu belohnen.

Schon fast im richtigen Alter

Auch Verwaltungsrichterin Herzog störte sich sehr an diesem faktischen Wegzug. Auf der anderen Seite hielt sie der Pfarrerin zugute, dass ihr Mann längst pensioniert ist und auch sie selber mit bald 57 Jahren auf den Ruhestand zugeht. Damit erfülle sie die einschlägigen Richtlinien des Kantons schon fast. Diese sähen für Pfarrer um die 60 die Möglichkeit der Dispensation von der Residenzpflicht vor – damit sie ein eigenes Haus bauen und sich so auf den Ruhestand vorbereiten könnten.

Berner Zeitung

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