Pfarrer Urwyler: Harsche Worte aus dem Kirchenvolk

Köniz

Sie war nicht offiziell traktandiert, und doch wurde heftig über die Absetzung von Pfarrer André Urwyler diskutiert: Rund 200 Personen nahmen gestern Abend in der Kirche Spiegel an der Könizer Kirchgemeindeversammlung teil.

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Lucia Probst

Ganz voll war sie nicht. Doch die Bänke in der Kirche Spiegel waren gestern Abend gut besetzt. 198 Stimmberechtigte nahmen an der Könizer Kirchgemeindeversammlung teil. Vor allem ältere Menschen kamen, um vom Kirchgemeinderat zu hören, weshalb er Pfarrer André Urwyler erneut absetzen will. Oder um den Rat für diesen Entscheid zu kritisieren.

Offiziell traktandiert war die Absetzung von Urwyler nicht. Doch der Kirchgemeinderat informierte zu Beginn der Versammlung. «Ich habe euch schwere Kost mitzuteilen», eröffnete Ratspräsidentin Gertrud Rothen ihre Ausführungen. Sie las der Kirchenbasis praktisch die gleiche Erklärung vor wie tags zuvor den Medien. Ergänzt jedoch mit ein paar persönlichen Äusserungen: 2002 habe sie André Urwyler auf einer Irlandreise als «umsichtigen und kompetenten Reiseführer» erlebt, erzählte sie. «Es muss doch eine bessere Lösung geben», habe sie im Januar 2009 gedacht, als sie neue Kirchgemeinderatspräsidentin geworden sei. Auch damals lag beim Kanton ein Abberufungsgesuch gegen Urwyler. Bis an die Grenze ihrer Kräfte sei sie gegangen, um diese «unselige Abberufung» zu verhindern. «Die zugeschmetterten Türen passten nicht in mein Kirchenbild.» Heute sieht Rothen dies anders. Eine Zusammenarbeit mit Urwyler ist für sie nicht mehr vorstellbar. Auch André Urwyler sass mit seiner Frau in der Kirche. Und machte sich auf einem kleinen Zettel Notizen, während Rothen vorne am Rednerpult referierte. Er äusserte sich später aber nur sehr kurz.

Applaus für die Voten

Vom Kirchenvolk musste sich der Kirchgemeinderat harsche Kritik anhören. Es gab kein einziges Votum, das den Entscheid des Rates unterstützte. Vor allem Urwyler-Anhänger meldeten sich in der Diskussion zu Wort. Urwyler sei eine Person, die viel Platz beanspruche, sagte ein Votant. «Man soll ihm so viel Raum geben, wie er für seine Arbeit braucht.»

Man habe Pfarrer Urwyler «eine Zwangsjacke angezogen», kritisierte ein anderes Mitglied der Kirchgemeinde. Alte Leute habe er nur noch auf Gesuch hin besuchen dürfen. «So etwas begreife ich nicht mehr.»

«Was verstehen Sie unter Konfliktbewältigung?», wollte jemand vom Kirchgemeinderat wissen. Immer höre man nur, Urwyler passe nicht ins Team. «Haben Sie auch schon überlegt, dass vielleicht bei Ihnen etwas nicht klappt?»

Sie sei keine fleissige Kirchgängerin, aber entsetzt darüber, «wie ihr mit einem guten Mann umgeht, der Engagement, Seele und Herz hat». Mehrfach quittierte das Publikum solche Äusserungen mit Applaus.

Schliesslich wagte sich doch noch eine Frau, Urwyler zu kritisieren. Sie arbeite selbst als Freiwillige in der Kirche mit: «Immer kommt das mit den Alten», sagte sie. «Aber es ist einfach nicht wahr, dass Herr Urwyler zu diesen so wahnsinnig lieb ist.» Auch sie erhielt Applaus. Darauf meldete sich Urwylers Sohn Michael zu Wort und rügte Versammlungsleiter Nico Fleisch, er habe doch am Anfang gesagt, es solle keine persönlichen Angriffe geben. «Das war definitiv einer.»

Fast wie ein Gericht

«Man hat den Eindruck, der Kirchgemeinderat steht hier vor Gericht», konterte Ratsmitglied Matthijs van Zwieten de Blom. «Doch hier ist kein Richter, der sitzt an einem andern Ort.» Niemand habe dies gesucht. «Meint ihr, wir begeben uns fahrlässig in eine solche Situation?» Der Kirchgemeinderat habe gute Gründe dafür. Doch man lese das Abberufungsdossier nicht öffentlich vor. «Diese Schlammschlacht wollen wir allen ersparen.» Van Zwieten sagte auch, Urwyler habe nie die Anweisung für Gesuche erhalten, wenn er alte Leute habe besuchen wollen. Das liess Urwyler so nicht stehen. «Ich habe es schriftlich. Alle Leute unter 30 und über 60 Jahren, die ein Gespräch mit mir wollen, muss ich an einen Kollegen verweisen – oder es braucht ein Gesuch.» Das war das Einzige, was André Urwyler gestern Abend sagte.

Diskussion abgeklemmt

Als nach rund einer Stunde Versammlungsleiter Nico Fleisch die Diskussion beenden wollte, erntete er dafür regen Protest. Votanten fielen ihm ins Wort. Schliesslich kam ein Antrag, das Traktandum «Verschiedenes» vorzuziehen, um weiter diskutieren zu können. «Dann können alle noch sagen, was sie wollen», sagte Antragssteller und Urwyler-Anhänger Alfred Meier. Doch die Versammlung lehnte diesen Antrag mit 89 Nein- zu 83 Ja-Stimmen knapp ab.

Mitentscheiden kann das Könizer Kirchenvolk im erneuten Streit zwischen Kirchgemeinderat und Pfarrer André Urwyler nicht. Über die Abberufung zu entscheiden, ist alleine Sache der Behörden.

Berner Zeitung

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