Patienten kommen nicht an ihre Dossiers

Der Kanton hat einem betrügerischen Arzt aus der Region Ende 2017 die Berufsausübungsbewilligung entzogen. Seither ist seine Praxis geschlossen – und er selber offenbar untergetaucht.

Der betrügerische Arzt ist untergetaucht, die Patienten haben keinen Zugriff auf ihre Krankenakten.

Der betrügerische Arzt ist untergetaucht, die Patienten haben keinen Zugriff auf ihre Krankenakten. Bild: iStock

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Armin K.* fühlt sich hilflos. Von einer «linken Nummer» spricht er. Und von einer «Sauerei». «Das ist einfach charakterlos», sagt der 61-Jährige. Sein Ärger hat ihn dazu bewogen, diese Zeitung zu kontaktieren. Und das mit gutem Grund: Seit Wochen wartet er auf die Aushändigung seiner Krankenakten. Das Problem: All seine Daten hat sein ehemaliger Hausarzt – aber der ist offenbar untergetaucht.

Die Geschichte beginnt im Mai 2017: Damals schreibt diese Zeitung – gestützt auf einen rechtskräftigen Strafbefehl – über ei­nen Betrüger-Arzt aus einer Berner Vorortgemeinde.

Der Mann hatte der Krankenkasse Visana Hunderte Leistungen verrechnet, die er gar nie vorgenommen hatte – und sich so über 35'000 Franken ergaunert. Nachdem man ihm auf die Schliche gekommen war, wurde er zu einer Busse von 5000 Franken verurteilt. Schuldig gesprochen wurde er wegen gewerbsmässigen betrügerischen Missbrauchs einer Datenverarbeitungsanlage sowie wegen mehrfacher Urkundenfälschung.

Spritzen auf einmal viel teurer

Dass es sich beim Betrüger um seinen Hausarzt handelt, weiss Armin K. zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Kein Wunder: Erst seit kurzem kennt er den Doktor. Sein früherer, in Pension gegangener Vertrauensarzt hat ihm den Mediziner als seinen Nachfolger empfohlen.

Also lässt sich Armin K. die Vitamin-B12-Spritzen, die er sich seit vielen Jahren in regelmässigen Abständen verabreichen lassen muss, beim vorgeschlagenen Arzt geben. Zunächst findet er den Deutschen mit dem jovialen Umgang sympathisch. Er wähnt sich in guten Händen.

«Ich sagte mir, wer Doktor ist, dem kann man auch vertrauen.»Armin K.

Bald einmal fallen ihm aber gewisse Dinge auf, die ihm merkwürdig erscheinen. «Er hat mich oft lange warten lassen und wirkte arrogant», erinnert sich Armin K. Zudem kosten die Spritzen auf einmal ein Vielfaches von dem, was der Patient vorher dafür bezahlen musste. Armin K. denkt sich aber nichts Böses dabei. «Ich sagte mir, wer Doktor ist, dem kann man auch vertrauen.»

Bis Armin K. im vergangenen Sommer einen Brief seiner Krankenkasse KPT erhält. «Da stand, dass sie mir das Hausarztmodell künden müsse, wenn ich den Hausarzt nicht wechsle.» Das macht Armin K. stutzig. Er hakt bei der Krankenkasse nach. Und erfährt, dass die Kasse für diesen Arzt keine Leistungen mehr übernehme.

Den Grund dafür könne sie nicht nennen. Später erfährt Armin K. aus weiteren Medien­berichten, dass sein Hausarzt ein verurteilter Betrüger ist – und er mit seiner Masche offenbar auch anderen Krankenkassen Geld abknöpfte (siehe Box). «Ich konnte es kaum fassen.»

Keine Spur vom Arzt

Unterdessen hat Armin K. einen neuen Hausarzt gefunden. Weil bei ihm demnächst ein medizinischer Eingriff geplant ist, ist Armin K. auf seine Krankenakte angewiesen. Doch an diese kommt er nicht mehr ran.

Seit Wochen hängt an der Praxis seines Ex-Arztes ein Zettel, auf dem steht, dass die Praxis «unvorhergesehen in dieser Woche betriebs­bedingt geschlossen» bleibe. Die gleiche Entschuldigung rattert der Arzt auch auf seiner Praxis-Combox herunter, wenn man es per Telefon versucht.

Armin K. hat es immer wieder probiert. «Seit Wochen habe ich mehrmals angerufen und vor Ort geklin­gelt, allerdings immer vergebens.» Er will sein Dossier aber unbedingt haben.

«Ich möchte, dass mein neuer Hausarzt und die Ärzte im Spital über meine Krankheitsgeschichte genau Bescheid wissen», sagt er. Auch diese Zeitung hat mehrmals versucht, den Arzt zu kontaktieren, sowohl telefonisch als auch per E-Mail. Eine Antwort ist jedoch ausgeblieben.

Seit November Praxisverbot

Das bernische Kantonsarztamt äussert sich zum konkreten Fall nicht. Es bestätigt aber, dass es dem betroffenen Mediziner im November 2017 die Berufs­ausübungsbewilligung entzogen hat. «Ein vollständiges Berufsverbot ist das aber nicht», erklärt Orvil Häusler vom Kantonsarztamt.

Der Bewilligungsentzug bedeute, dass der Arzt nicht mehr selbstständig, in eigener fachlicher Verantwortung arbeiten dürfe. «Als angestellter Arzt unter fachlicher Aufsicht – beispielsweise in einem Spital – kann er seinen Beruf aber weiterhin ausüben», so Häusler. Den Grund für den Entzug der Bewilligung nennt er wegen des Amtsgeheimnisses nicht.

Wie kommen in Stich gelassene Patienten wie Armin K. nun aber an ihre Krankenakten, die ­irgendwo in der verwaisten Praxis liegen? Orvil Häusler zeigt Verständnis für den Unmut der Betroffenen.

Aber: «Um in Be­sitz der Behandlungsdokumen­tationen zu kommen, ist man­gels Kooperationsbereitschaft des betroffenen Arztes die Durchführung eines ordentlichen Voll­streckungsverfahrens unumgänglich», sagt Häusler.

Für die Vollstreckung sei die Zusammenarbeit mit dem Regierungsstatthalter erforderlich, mit dem das Kantonsarztamt in Kontakt stehe. «Wir bemühen uns, dass die Patientenrechte gewahrt werden und die Behandlungsdokumentationen den Patienten möglichst rasch zur Verfügung stehen.»

Angst vor Repressionen

Armin K. ist nach dem Vorfall verunsichert. Deshalb will er seinen richtigen Namen auch nicht in der Zeitung lesen. «Ich habe Angst, dass ich meine Akten womöglich gar nie mehr zu Gesicht kriege.»

Und trotzdem gibt der 61-Jährige nicht auf. «Ich gehe auch weiterhin immer wieder bei der Praxis vorbei und hoffe, dass der Arzt irgendwann da ist.» Denn die Miete für die Räumlichkeit zahlt der Mediziner laut dem Hausbesitzer weiterhin.

Eines ist für den enttäuschten Armin K. klar: Sollte er seinem Ex-Arzt begegnen, will er ihn nicht nur um die Unterlagen bitten. «Dann sage ich ihm auch, was ich von seinem Verhalten halte.»

* Name der Redaktion bekannt (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.02.2018, 06:26 Uhr

Kein Einzelfall

Es war ein nettes Nebeneinkommen, das sich der Betrüger-Arzt mit seinen zu Unrecht verrechneten Leistungen ergaunert hatte: Um 35'000 Franken betrog der Mann die Visana. Letztere soll aber offenbar nicht die einzige Krankenkasse gewesen sein, die Opfer des Arztes wurde.

Wie das Onlinemagazin «Infosperber» berichtete, ist auch die KPT von den Betrügereien betroffen. Die Kasse bestätigt, dass sie gegen den Mann Strafanzeige eingereicht hat. «Wir beschuldigen den Arzt, dass er die KPT bewusst mit falschen Abrechnungen getäuscht und betrogen hat», heisst es auf Anfrage. Um welchen Betrag es genau geht, sagt die Krankenkasse «wegen des laufenden Verfahrens» nicht.

Schlechte Erfahrungen hat auch die Krankenkasse CSS mit dem Arzt gemacht. «Wir haben festgestellt, dass er uns Leistungen doppelt in Rechnung gestellt hat», heisst es bei der CSS auf Anfrage. Es gehe um mehrere Rechnungen, die vom Sommer 2017 datieren. «Wir haben uns mit ihm in Verbindung gesetzt und eine Rückzahlung vereinbart.» Die Summe – hier geht es um rund 3000 Franken – habe der Mediziner mittlerweile beglichen.

Die Visana ihrerseits wartet laut eigenen Angaben jedoch nach wie vor auf das Geld, das der Arzt ihr illegal verrechnet hatte. «Bisher haben wir keine Rückzahlungen erhalten.» Man habe inzwischen ein Betreibungsverfahren eröffnet. cha

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