Pasta

Von jungen Frauen, die sich gegenseitig Bitch nennen und einer älteren Dame, die beim Spaghetti kochen glatt vergessen hatte, die Teigwaren in die Pfanne zu geben.

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Ich sass etwas zu früh im Zug und freute mich auf die Fahrt, denn sie führte ab Langnau omnibusmässig durch das verschneite Emmental. Ich drückte meine Stirn an das Zugfenster und genoss die ­Ruhe, bis die vier ohrstöpselbehängten jungen Frauen ­hereinkamen und sich neben mich setzten. Als sie irgendein grässliches Popgeträller über ihr Telefon laufen liessen und sich gegenseitig immer wieder Bitch nannten, verlor ich den Glauben an die Menschheit und wechselte das Abteil.

Ich wartete wieder mit der Stirn am Fenster, dann gingen nochmals die Türen auf. Zwei ältere Damen, Ü-70 mindestens, betraten den Zug und setzten sich neben mich. Dann fuhr der Zug ab, und ich hörte zu.

«Lueg», sagte die eine Dame, die eine Brille trug, die an einer silbernen Kette hing. Sie streckte ihrer Kollegin ihr Smartphone hin. «Ah, wie schön», sagte die andere, die einen Gehstock bei sich hatte. «Schick mir das!» Es war ein Bild von einem Blumengesteck. «Hast du mirs geschickt?» «Aber ja», sagte die mit der Brille. «Gopf», sagte die andere. «Warum kommt das nicht an? Ich hab doch mein Datenpaket noch kaum angebraucht.» Dann legte sie ihr Gerät auf das kleine Tischchen. Sogleich ertönte ein ohrenbetäubendes Nebelhorn. «Jetzt ist es wohl angekommen», sagte die mit der Brille, lachte und wischte lässig über ihr eigenes Phone. Dann legten sie ihre Geräte weg und plauderten. Über das Weihnachtsfest, über ihre Verwandten und Bekannten. Dann sprachen sie etwas leiser über eine Freundin, die Alzheimer hat.

Dann sagte die mit der Brille: «Apropos vergessen.» Sie habe über die Feiertage die Familie zu Besuch gehabt, begann sie und musste schon lachen. Spaghetti habe sie gekocht, mit ­Bolognese-Sauce. Und als alles bereit gewesen sei, der Tisch gedeckt und das Nudelsieb im Schüttstein, habe sie die Spaghetti abgegossen. Da griff sie nach der Hand ihrer Freundin und machte grosse Augen: «Dann habe ich gemerkt, dass ich doch tatsächlich vergessen hatte, die Teigwaren überhaupt erst in die Pfanne zu geben», sagte sie, schlug sich auf das Knie, lachte laut heraus. «Nur Wasser hab ich gekocht! Die Spaghettipackung lag da­neben!» Sie lachte und lachte, lehnte sich rüber zu ihrer Freundin, die ebenfalls nicht aufhören konnte zu lachen und sich Tränen aus den Augen wischte.

Kurz vor Bern stiegen sie dann aus. Ich sah noch, wie die mit der Brille der anderen beim Aussteigen den Arm hinhielt, um sie zu stützen. Und alles war wieder gut zwischen mir und der Menschheit. (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.01.2018, 16:49 Uhr

Bern! Biel! Burgdorf! Das Leben! ­Nina Kobelt, Maria Künzli, Martin Burkhalter und Fabian Sommer teilen abwechselnd ihre kleinen und grossen Beobachtungen.

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