Opfer von Berner «Heiler» gaben HIV weiter

Bern

16 Menschen soll ein Berner Pseudoheiler absichtlich mit dem HI-Virus infiziert haben. Nun wurde bekannt, dass mindestens ein Opfer die Krankheit in ihren eigenen Bekanntenkreis trug.

Inszenierung als Wunderheiler: Der Angeklagte präsentierte sich auf seiner Webseite mit einer Kristallkugel.

Inszenierung als Wunderheiler: Der Angeklagte präsentierte sich auf seiner Webseite mit einer Kristallkugel.

Ein Berner Pseudo-Heiler und Musiklehrer soll 16 Menschen absichtlich mit dem HI-Virus infiziert haben. Viele davon wurden gleichzeitig mit einer schwer behandelbaren Hepatitis C angesteckt. Jetzt wird bekannt: Es gibt ein weiteres Opfer. Gemäss einem Schreiben des Berner Inselspitals, das der Zeitung «Der Sonntag» vorliegt, soll mindestens ein Opfer des Aids-Stechers unwissentlich seine Partnerin beim Sexualverkehr angesteckt haben.

Diese Woche klagte die Staatsanwaltschaft den «Heiler» wegen mehrfacher schwerer Körperverletzung und Verbreitung menschlicher Krankheiten an. Recherchen des «Sonntags» zeigen: Der Mann muss sich zudem wegen Drohung und Nötigung vor Gericht verantworten. Denn er hat gegen seine Ex-Frau, eine bekannte Ärztin, Morddrohungen ausgestossen.

Praxis ohne Bewilligung

Die Ansteckungen vollzog er laut einer Mitteilung der Regionalen Staatsanwaltschaft Bern-Mittelland vom letzten Donnerstag, indem er die Opfer unter verschiedenen Vorwänden dazu brachte, sich von ihm stechen zu lassen. Der Mann führte ohne Bewilligung eine Akupunkturpraxis und zudem eine Musikschule.

Anderen Opfern habe er unangekündigt mit einem Gegenstand beispielsweise in den Rücken gestochen, heisst es weiter. Zudem soll der «Heiler» den Opfern mitunter ein Getränk serviert haben, um sie vorübergehend bewusstlos zu machen und sie dann zu infizieren.

Selber nicht HIV-positiv

Das Blut soll er sich zuvor von einer bereits infizierten Person oder mehreren Aids-Kranken beschafft haben. Der Beschuldigte, der selber nicht HIV-positiv ist, bestreitet die Vorwürfe vollumfänglich.

Ob der Mann eine Spritze verwendete oder ob er sie mit einem anderen Gegenstand wie etwa einer Nadel stach, ist unklar. Das sagte der Informationsbeauftragte der Berner Staatsanwaltschaft, Christof Scheurer, auf Anfrage. «Die Opfer sahen das nicht».

Der Mann wird nun wegen mehrfacher schwerer Körperverletzung und Verbreitung menschlicher Krankheiten in 16 Fällen angeklagt. Es kommt also zu einem Prozess vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland. Ein Termin steht dort noch nicht fest, wie auf Anfrage zu erfahren war.

Die Mehrzahl der unvermittelt gestochenen Opfer waren Schüler der Musikschule. Wieso der «Heiler» sie stach, ist für die Staatsanwaltschaft nicht ersichtlich. Der Mann, der seine Taten zwischen 2001 und 2005 begangen haben soll, befindet sich auf freiem Fuss.

Opfer haben viel durchgemacht

Seine Opfer haben laut dem Chefarzt Infektiologie des Inselspitals, Hansjakob Furrer, viel durchgemacht. Eine HIV- Infektion sei zwar heute recht gut behandelbar, sagte er auf Anfrage. Doch spürten die meisten der Opfer Nebenwirkungen der Medikamente, die sie nun einnehmen müssen.

Zudem sei die psychische Belastung durch die Ansteckung und auch die Strafuntersuchung gross gewesen. Ausserdem hat der «Heiler» etliche Opfer auch mit Hepatitis C angesteckt, und zwar «mit einem nicht einfach zu behandelnden Typ». Das Inselpital betreut noch mehr als die Hälfte der Opfer des «Heilers». Die übrigen werden von anderen Ärzten betreut.

Keine zweite Anklage

In vier Fällen stellte die Berner Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen den Mann ein. Nicht mehr im Visier der Justiz steht eine Person, gegen die 2010 eine Voruntersuchung eröffnet wurde.

«Der Verdacht einer strafbaren Beteiligung durch sie an den untersuchten Handlungen hat sich nicht bestätigt», schreibt die Berner Staatsanwaltschaft.

Siebenjährige, aufwändige Ermittlungen

Die Geschichte um den angeblichen Heiler kam im Jahr 2004 ins Rollen. Damals gab ein Mann in der HIV-Sprechstunde des Berner Inselspitals an, er führe seine Aids-Infektion auf eine Akupunktur- Behandlung des genannten Mannes zurück.

Weil etwas später zwei weitere Personen mit ähnlichen Geschichten auftauchten, begann das Inselspital, weitere Verdachtsfälle systematisch zu untersuchen. Dass die seit 2005 laufende Untersuchung erst jetzt abgeschlossen wurde, hat laut der Berner Staatsanwaltschaft zwei Gründe.

Erstens enthielt die Patientenliste, die das Inselspital den Behörden zukommen liess, aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes keine Namen. Solange die Ermittler die Identität der Betroffenen nicht gekannt hätten, seien auch keine Untersuchungen zu den Umständen ihrer HIV-Infektion möglich gewesen.

Bei jedem Betroffenen hätten zudem die Ermittler sorgfältig prüfen müssen, woher die Ansteckung stammte. Zu diesem Zweck war es laut der Staatsanwaltschaft erforderlich, aufwändige Gutachten zur genetischen Verwandtschaft zwischen den HI-Virenstämmen der Betroffenen einzuholen.

Gesundheitsdirektion kannte Mann nicht

In die Geschichte um den «Heiler» schaltete sich im Juni 2010 auch der bernische Gesundheits- und Fürsorgedirektor Philippe Perrenoud ein. Er schrieb damals in einem Communiqué, er erwarte eine rasche und vollständige Aufklärung der Vorwürfe. Der Mann habe keine Berufsausübungsbewilligung gehabt und sei der Gesundheitsdirektion nicht bekannt gewesen.

Damals meldete sich auch der Dachverband für Komplementärmedizin zu Wort. Der Fall zeige die Notwendigkeit von staatlich anerkannten Diplomen und kantonalen Praxisbewilligungen für nichtärztliche Therapeuten.

mrs/sda

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