Ode an den exotischen Industriepionier

Bern

Der Strickerei-Industrielle Fritz Ryff, eine Saftwurzel, hinterliess im Marzili das Industriegebäude, in dem sich heute die Kinemathek Lichtspiel befindet.

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Jürg Steiner@Guegi

Ein wenig tönt es, als käme Franziska Rogger (69) gerade von einem Kaffee mit Fritz Ryff im Restaurant der Dampfzentrale – so nahe ist ihr der imposante, aber in Vergessenheit geratene Berner Industriepionier in den letzten Jahren gekommen. Die renommierte Historikerin Rogger, bis 2010 Archivarin der Universität Bern und Autorin mehrerer Bücher zur Schweizer Frauengeschichte, steht auf einer kunstvoll verzierten Aussentreppe des markanten Backsteinhauses an der Sandrainstrasse, das heute unter anderem das Lichtspiel beherbergt.

Das war Ryffs Reich, ein brummender Textilproduktionsbetrieb im Fieber der Industrialisierung vor gut 120 Jahren, der architektonisch herausstach. Das Fabrikgebäude der Ryff & Cie. sei «kein Vergleich zu den eintönigen Betonklötzen der Profitmaximierer», schwärmt Rogger.

Und erst wie er die Umgebung zwischen Fabrikgebäude und Aare herrichtete: «Keine Autos, keine Parkplätze wie heute, sondern ein toller Kurpark, der Seitenarm der Aare offen, am Wasser zahlreiche Bänklein.» Es ist, als stünde Franziska Rogger in Ryffs kleinem Naturbijou in der pulsierenden Industrielandschaft Marzili , wie man sie sich heute nicht mehr vorstellen kann. Franziska Rogger, die mit dem Wirtschaftspublizisten Beat Kappeler verheiratet ist, atmet tief durch: «Ich denke, dass ihm das Schöne nützlich schien, weil es die Stimmung hob.»

Abenteuerlustiger Pedant

Franziska Rogger hat Fritz Ryff, der 1925 starb, natürlich nie getroffen. Aber sich so intensiv mit ihm beschäftigt, dass er als pralle, nicht zu bremsende, exotische Berner Unternehmerfigur in ihrem Buch aufersteht. Als Fritz Ryff mit seiner fast ausschliesslich weiblichen Belegschaft 1890 die neu gebaute Industriestrickerei im Marzili bezog, war die Dampfzentrale kein Ort für Kulturveranstaltungen, sondern ein nahe gelegener Energielieferant.

Der verhaltene Agrarkanton Bern machte sich plötzlich entschlossen auf ins Industriezeitalter – für ein 30 Jahre dauerndes Zeitfenster unbernischer Dynamik, in dem auch burgerlich dominierte Finanzinstitute in neue Branchen zu investieren begannen. Und in dem bis heute funktionierende Berner Marken wie die BLS, das Jungfraujoch, Ovomaltine und Toblerone geschaffen wurden. 

Ryff sei ein typischer Vertreter dieser Aufbruchperiode gewesen, sagt Rogger, zumal er als Textilunternehmer in einer Leitindustrie tätig gewesen sei. Fasziniert hat die Historikerin aber in erster Linie seine Persönlichkeit, eine «verrückte Kombination von Charakterzügen», wie sie sagt. Ryff, ein respektabler Schnauz im Gesicht, war ein ordnungsversessener, gegenüber Staat und Gewerkschaften fast militant kritischer Patron, mit allerdings intaktem sozialem Gewissen und ungewöhnlicher Abenteuerlust. «Er war schon damals», sagt Rogger, «was man heute gerne für sich reklamiert: globalisiert und weltoffen.»

Renitent und gutherzig

«Hier herrscht Fleiss und guter Wille», dieser Satz stand für alle sichtbar an einer Innenwand der Fabrik, deren Arbeiterinnen unter dem englischen Label «Swan Knitting Works» mit einem kleinen Schwan gekennzeichnete Wäsche herstellten. Als der Staat die im Vergleich zu heute horrenden Wochenarbeitszeiten zu reglementieren begann, übte sich Ryff in Verweigerung und nahm Bussen in Kauf. Er glaubte, dass eine Arbeitszeitreduktion das Überleben seines exportorientierten Unternehmens gefährde, das ihm, so Rogger, am Herzen lag wie seine Familie.

Obschon Ryff Gewerkschaften und Staat verteufelte, integrierte er auch Taubstumme in seinem Betrieb. Für die Arbeiterinnen, die er einerseits zu überlangen Arbeitstagen nötigte, richtete er anderseits zu einer Zeit, als man weder einen Sozialstaat noch fliessendes Wasser im Haus kannte, Kranken- und Pensionskassen ein. Ryff bot medizinische Versorgung und hygienische Wannenbäder an und verbilligte das Essen. Dreimal in der Woche verpflegte er sich selber mit seinen 400 Arbeiterinnen im Speisesaal der Fabrik.

Ambitionierter Globalisierer

Nichts ging Ryff über seine Firma. Trotzdem brach er wiederholt auf zu ausgedehnten, mitunter mehrjährigen Reisen nach Afrika. Aus den historischen Quellen könne man nicht mit Sicherheit auf seine Motivation schliessen, sagt Franziska Rogger. Sicher ist aber, dass Ryff in Nigeria einen Sohn hatte, der später die Schwägerin des Seniors heiratete. Man weiss auch, dass Ryff mit seinem Bruder in einer Art frühem Globalisierungsdrang in Westafrika eine Exportgesellschaft aufbaute. Er war aber auch ethnologisch interessiert und schaffte unzählige Exponate nach Bern, die heute laut Rogger im Keller des Historischen Museums lagern.

Als Fritz Ryff 1925 mit 68 Jahren nach monatelanger Krankheit starb, war er eigentlich noch lange nicht fertig. Das Afrika-Geschäft, das nie richtig ins Fliegen kam, vor allem aber die Wäschefabrik zu Hause hätte angesichts des wachsenden Konkurrenzdrucks wohl die Innovationskraft des Gründers gebraucht. Ohne ihn verschwand der Swan-Brand nach 30 qualvollen Jahren 1959 vom Markt. Kurz zuvor hatte die Stadt Bern in einem letzten Rettungsversuch das Areal gekauft, das ihr bis heute gehört.

Für Franziska Rogger ist Fritz Ryff hingegen erst der Anfang. Sie arbeitet an einem Buch über dessen Mutter Julie Ryff-Kromer, einer Pionierin der schweizerischen Frauenbewegung. Julie Ryff, verspricht Rogger, sei als Figur noch viel bedeutender gewesen als Sohn Fritz. Das will etwas heissen. 

Die Vernissage: Dienstag, 5. Februar, 18 Uhr, Lichtspiel, Sandrainstrasse 3. Eintritt frei. Das Buch: Fritz Ryff – der liberale Patron und seine strickenden Arbeiterinnen. 136 Seiten, 31 Fr.

Berner Zeitung

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