«Nur wenige Künstler können sich exzentrisches Gehabe noch leisten»

Bern

Der Berner Veranstalter Philippe Cornu steht kurz vor seinem 24. Gurtenfestival: Und diesmal soll alles besser werden als letztes Jahr. Ein Gespräch über legendäre Gurtenmomente, Deals und finanzielle Risiken.

  • loading indicator

Herr Cornu, haben Sie als Jugendlicher davon geträumt, Rockstar zu werden? Philippe Cornu: Nein! Ich wollte immer etwas mit Musik machen, aber Musiker werden wollte ich nie. Ich habe zwar am Konservatorium Klavierstunden genommen, aber es war immer klar, dass nichts Grosses daraus werden würde. Ich habe mich immer auf der Veranstalterseite gesehen.

Welches war Ihr allererster Job, der mit Musik zu tun hatte? Angefangen habe ich 1979, mit 20, beim Schallplattenvertrieb Poplight Records AG in Bern. Ich nahm die Platten aus dem Regal, schrieb die Rechnung, machte ein Päckli und verschickte es. Das war mein erster Kontakt mit der Musikbranche. Sieben Jahre später veranstaltete ich dann mein erstes Festival überhaupt, das Open-AirFestival Thun im Schadaupark. Ziel war, der Thuner Jugend gute Konzerte zu bieten, ohne dass sie dafür nach Zürich reisen musste.

War es damals einfacher als heute, ein Musikfestival aufzuziehen?>br> Es war zumindest unbedarfter. Es herrschte ein kollektiver Pioniergeist auf allen Ebenen, der stark zusammengeschweisst hat.

Das 31. Gurtenfestival startet am Donnerstag. Welches Attribut würden Sie dieser Ausgabe geben? Letztes Jahr war ich wegen der Panne im Cashless-System so absorbiert, dass ich die Jubiläumsausgabe nicht geniessen konnte. Deshalb soll 2014 für uns alle unter dem Motto «Geniessen und Entspannen» stehen.

Welche Bands wollen Sie nicht verpassen? Kodaline und Mighty Oaks, zwei junge Bands, die zum ersten Mal hier spielen. Und den 73-jährigen Bluesmusiker Seasick Steve. Aber auch Bubi Eifach und meinen lieben Freund Büne.

Werden Sie überhaupt Zeit und Nerven haben, die Konzerte zu geniessen?

Normalerweise gibt es schon die Möglichkeit, die ersten paar Songs eines Konzerts zu verfolgen und zu sehen, wie es beim Publikum ankommt. Manchmal gönne ich mir auch eine Stunde, wenn sonst alles rund läuft.

Letztes Jahr gab es wohl nicht viele solche Momente. Ausser der Panne beim neuen Bargeldlossystem, die uns ununterbrochen auf Trab gehalten hat, habe ich praktisch keine Erinnerung an die Ausgabe 2013. Es war ein Desaster. Und psychisch wie auch körperlich eine enorme Belastung für uns alle.

Hatte die Panne finanzielle Auswirkungen auf Ihre Eventagentur Appalooza? Das Festival war trotz allem ein finanzieller Erfolg. Es hat zusätzliche Personalkosten verursacht und Nerven gekostet, aber sonst hat uns die Panne nicht geschadet.

Aber das Image hat gelitten. Wir haben das Vertrauen des Publikums, und mit «Back to the Roots», sprich Bargeld, hat niemand ein Problem.

Dieses Jahr wird also wieder mit Bargeld bezahlt. Wann kommt der nächste Cashless-Versuch? Wir werden uns erst wieder auf ein bargeldloses System einlassen, wenn wir absolut sicher sind, dass es funktioniert. Wir warten ab, wie sich die Technologie entwickelt. Es gibt ja neu auch Systeme für Smartphones. Aber vorerst ist das für uns noch kein Thema.

Wenn 2013 ein Unglücksjahr war, gibt es eine Traumausgabe, bei der alles perfekt war? (überlegt lange) 1996 war für mich eine Superausgabe, weil mit Nick Cave, Kylie Minogue und Björk ein hochkarätiges Programm geboten wurde und auch das Wetter gestimmt hat. Es war ein Risiko, Björk zu buchen, aber die Leute sind gekommen. Apropos Björk: Von ihr erwartet man vielleicht auch neben der Bühne Exzentrik, aber gerade sie war sehr unkompliziert. Als ich ihr vorschlug, ihr das Essen zu bringen, fragte sie mich, ob sie so aussehe, als ob sie nicht in der Lage wäre, sich selber Essen zu holen. Und Kylie Minogue habe ich in ihrem durchsichtigen Kleidchen auf die Bühne geleitet, als sie noch kaum bekannt war.

Gibt es denn dieses Jahr Bands, die Ihre Nerven mit Sonderwünschen strapazieren? Das mit den Sonderwünschen hat sich in den letzten Jahren eigentlich gelegt. Die Bands sind mittlerweile so auf die Konzertgagen angewiesen, dass sich exzentrisches Gehabe nur noch ganz wenige Künstler leisten können. Bei den meisten Wünschen, die an uns herangetragen werden, geht es um kulinarische Vorlieben, vegan, vegetarisch oder glutenfrei. Nichts, das uns aus der Fassung bringen würde.

Was sagen Ihnen die Musiker jeweils nach einem Gurtenauftritt? Sie loben die Nähe zum Publikum, das Ambiente und die friedliche Atmosphäre. Das Gelände ist klein, und mit der Steigung fühlt es sich fast wie in einer Arena an. Deshalb hat man auf der Hauptbühne das Gefühl, den ganzen Berg nah bei sich zu spüren. So entstehen die berühmten Gurtenmomente. Wenn Tausende dasselbe mitsingen oder gerade dasselbe erleben. Das gibt es bei grösseren Festivals mit zehn Bühnen und gleichzeitig mehreren Konzerten nicht. Deshalb entscheiden sich viele Bands immer wieder gerne für uns, auch wenn sie am selben Wochenende vielleicht an einem grösseren Festival spielen könnten.

Zahlen grössere Festivals nicht grössere Gagen? Die Gagen leiten sich zum Teil schon aus der Kapazität eines Festivals ab. Aber es kommt auch darauf an, in welchem Land das Festival stattfindet. Das Exit Festival in Serbien kann sich nicht dieselben Gagen leisten wie ein Festival in Deutschland. Das wird aber von Managements und Agenten berücksichtigt.

Inwiefern ist eine Künstlergage Verhandlungssache? Wenn mehrere Festivals um einen Künstler buhlen, wird natürlich schon verhandelt. Aber der Verhandlungsspielraum ist bei uns relativ klein, weil die Kapazität nun mal auf 20'000 Besucher pro Tag begrenzt ist. Wir können, ich würde fast sagen zum Glück, nicht vergrössern. So werden die Rolling Stones niemals am Gurtenfestival spielen, weil wir für solch hohe Gagen schlicht zu wenig Tickets verkaufen und die Produktion auf dem Gurten auch nicht umsetzen könnten.

Manche Bookingagenturen geben einen Headliner nur her, wenn man dafür noch eine oder mehrere Newcomerbands mitbucht. Lassen Sie sich auf solche Deals ein? Wir versuchen es zu verhindern. Es kommt natürlich auch auf die Formulierung an. Wenn der Agent sagt: Ich habe da eine tolle Newcomerband, hört sie euch an und schaut, ob sie euch gefällt, dann klingt das natürlich ganz anders. Aber Erpressungen kommen bei mir nicht gut an (lacht).

War es früher einfacher, musikalisch den Nerv der Zeit zu treffen? Man hatte Messwerte, auf die man sich verlassen konnte. Hitparaden und CD-Verkäufe zum Beispiel. So konnte man den Musikgeschmack des Publikums ein wenig einschätzen.

Und heute? Die Programmierung ist allgemein schwieriger geworden. Es gibt viel mehr Bands als früher und mehr Konkurrenz unter den Festivals. Am Gurtenwochenende gibt es in zig anderen europäischen Städten vergleichbare Festivals, und wir buhlen mit ihnen um die besten Bands. Die CD-Verkäufe sind dermassen in den Keller gerast, dass sie nicht mehr aussagekräftig sind.

Die Playlist hat dem Album den Rang abgelaufen. Das Album als Gesamtwerk wird zum Teil gar nicht mehr wahrgenommen, ja. Viele Gurtenbesucher kennen nur ein Lied einer Band, nämlich das, welches auf irgendeiner Playlist war, die ihnen ein Freund über Facebook empfohlen hat. Vielleicht haben sie es auch auf iTunes runtergeladen oder über Spotify gestreamt. Und kaum jemand setzt sich heute noch wirklich mit einer Band auseinander. Einige merken sich nicht mal deren Namen. Viele Festivalbesucher sagen uns, dass sie höchstens einen Drittel des Gurtenprogramms kennen.

Viele kommen ja auch nicht wegen der Musik auf den Gurten. Doch! Die meisten sind neugierig und machen gerne Neuentdeckungen. Sie vertrauen uns, dass wir gute Bands auf den Berg holen, für die sich ein Besuch lohnt. Und natürlich brauchen wir starke Headliner als Zugpferde.

Während es vor zehn, fünfzehn Jahren noch vier bis fünf ganz grosse Namen im Programm gab, sind es heute vielleicht noch zwei oder drei... Excuse me?!! Massive Attack, The Prodigy, Cypress Hill, Placebo, Franz Ferdinand, The Kooks... und Bands wie Parov Stelar sind die Headliner der Zukunft!

Aber würden diese Bands heute noch ein Stadion füllen? Jedenfalls ist das finanzielle Risiko eines Festivalveranstalters grösser geworden. Nein, eigentlich nicht. Wir kalkulieren so, dass uns eine schlechte Ausgabe nicht gleich das Genick bricht. Zudem bauen wir auf eine Erfahrung von 24 Festivalausgaben. Irgendwann kann man die Risiken etwas einschätzen.

Muss ein Festival ausverkauft sein, damit es rentabel ist? Nicht zwingend, aber besser wärs, da die Budgetierung sehr eng ist. Ob wir schwarze Zahlen schreiben, hängt von mehreren Faktoren ab. Sponsoren, Ticket- und Getränkeverkauf. Und natürlich ist das Wetter eine wichtige Variable. Es beeinflusst aber vor allem die Zahl der Spontanbesucher. In der Regel bleibt oben, wer erst einmal da ist. Egal, wie sich das Wetter entwickelt. Und wer im Vorverkauf ein Ticket gekauft hat, lässt sich auch nicht so leicht vom Wetter abschrecken.

Oft spielt eine Band nicht nur am Gurtenfestival,sondern auch noch im Bierhübeli, das ebenfalls zu Appalooza gehört. Sind das lohnenswerte «2 für 1»-Deals?

Nein, darum geht es nicht. Wenn wir aber sehen, dass eine Band am Festival gut ankommt, buchen wir sie gerne noch fürs Bierhübeli, weil wir dann mit diesen Musikern Erfahrungswerte haben. Das Bierhübeli muss mit 800 bis 1000 Leuten auch erst mal gefüllt werden.

Sie veranstalten auch Stadionkonzerte. Sind Konzerte im Stade de Suisse finanziell überhaupt sinnvoll? Wenn sie funktionieren, schon. Aber das ist vorher schwierig abzuschätzen. Wenn Coldplay das Hallenstadion zweimal gefüllt haben und die neue CD sich gut verkauft, können wir davon ausgehen, dass sie auch das Stade de Suisse füllen können.

Sie hatten im Stade de Suisse 2013 ein ausverkauftes Konzert mit Muse, haben mit Grönemeyer 2011 aber auch massive Verluste eingefahren. War das Pech oder falsch kalkuliert? Wir haben nicht falsch kalkuliert, es ist einfach schwierig, solche Anlässe zu planen. Das Risiko bleibt. Die neue CD von Herbert Grönemeyer fand nicht den nötigen Anklang, und auch die Konzerte in Deutschland liefen unter den Erwartungen.

Planen Sie wieder einen Event im Stade de Suisse? Coldplay? Hach, es ist immer etwas in Planung. Aber darüber spreche ich natürlich nicht.

Das Dasein des Kulturveranstalters ist härter geworden. Schlafen Sie vor einem Event schlechter als früher? Nein, ich bin in der glücklichen Lage, dass ich immer und überall schlafen kann.

Dann können Sie nach der Arbeit auch gut abschalten? Wissen Sie, ich habe fünf Kinder, zwei davon sind noch klein. Da schalte ich zwangsläufig ab, wenn ich nach Hause komme. Und wenn ich nicht abschalten könnte, hätte ich nicht fünf Kinder (lacht).

Wie sieht die musikalische Erziehung Ihrer Kinder aus? Die passiert einfach so, ohne Masterplan. Wenn ein Klavier und eine Gitarre im Haus sind, viele CDs und Platten, wachsen die Kinder automatisch damit auf. Das war bei mir auch so.

Teilen Ihre Kinder Ihre Liebe fürs Gurtenfestival? Ja, ich habe immer alle meine Kinder mit ans Gurtenfestival genommen, von Anfang an. Die älteren machen immer mal wieder mit. Laia holt die Künstler ab, Demian, der Älteste, ist als Rapper Tsigan schon aufgetreten. Merlin hat dieses Jahr mit Maximizerz in der Bamboo Bar eine Show. Und Lean, der bald sechs Jahre alt wird, ist ein Riesenfan von William Fitzsimmons, der am Freitag auf der Hauptbühne spielt. Er hat bei uns zu Hause eine CD entdeckt und findet sie toll. Sicher auch, weil auf dem Cover ein Löwe abgebildet ist.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...