Nun wiehert das Rössl im Kubus

Bern

Fast so gut wie in Bümpliz: Im Kubus hatte die Operettenpremiere «Im Weissen Rössl» zunächst Schwung – und zuletzt einen Gaststar: Alexander Tschäppät spielte den Kaiser.

Nur die Liebe zählt: Wirtin Josepha (Bettina Jensen) will zunächst nichts wissen von Kellner Leopold (Arne Lenk).<p class='credit'>(Bild: zvg)</p>

Nur die Liebe zählt: Wirtin Josepha (Bettina Jensen) will zunächst nichts wissen von Kellner Leopold (Arne Lenk).

(Bild: zvg)

Michael Feller@mikefelloni

Rote Karotücher auf Festbänken, Barmädel im Dirndl, Weisswürste und Brezel zum Bier: Konzert Theater Bern zieht alle Register. Muss es auch. Schliesslich ist 2016 «Rössl»-Jahr in Bern. Kaum hat die Berner Sommeroperette im Sternensaal Bümpliz ausgespielt, steigt im Kubus die nächste Premiere desselben Stücks. Konzert Theater Bern ist der ungleich begütertere Rennstall – wiehert er sich auch besser in die Herzen als der Neuling im Berner Westend?, lautet die inoffizielle Frage des Abends.

Orchester geht baden

Konzert Theater Bern gibt alles. Das Bühnenbild (Ralph Zeller) ist klasse. Das Orchester spielt in einem herzallerliebst gezimmerten leeren Pool. Der Steg auf allen vier Seiten des Grabens ergänzt die Bühnenfläche. Seitlich führt ein Kletterpfad an die Decke, und im Hintergrund steht es, das Weisse Rössl, das Gasthaus, in dem sich der Wirtshausschwank von Ralph Benatzky abspielt.

Auf der Bühne tummeln sich der KTB-Chor und viel Personal für all die Rollen, besetzt mit schauspielernden Opernsängern und singenden Schauspielern. Sängerin Bettina Jensen ist als Wirtin Josepha Vogelhuber Dreh- und Angelpunkt im «Rössl». Als Kellner Leopold zeigt Arne Lenk vom Schauspielensemble Gesangstalent.

Leopold hat einen Narren gefressen an der forschen Witwe. Doch Josepha schwärmt für Stammgast und Anwalt Dr. Otto Siedler (Raphael Wittmer), der mit Mountainbike und im Radleroutfit anreist. Siedler wiederum wirft sich Ottilie (Laura Louisa Lietzmann) vor die Füsse, der Tochter des Berliner Fabrikanten Giesecke.

Für diesen miesepetrigen Stänkerer gibt es in Bern nur einen. Wie schon in Bümpliz spielt ihn Uwe Schönbeck. Auch hier ist er der Star des Abends. Als Erfinder der Hemdhose Apollo steht Giesecke in einem Rechtsstreit, der ihn zur Weissglut treibt. Ausgerechnet der Anwalt der Gegen­seite, Siedler, bandelt mit seiner Tochter an. Der Schaden ist angerichtet.

Besungen wird das alles in Smashhits des Schmachtfachs: «Im Salzkammergut, da kann man gut lustig sein», «Mein Liebeslied muss ein Walzer sein» oder «Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist». Ehe man sich versieht, lockt nach einer kurzweiligen Stunde die Pausenverpflegung.

Ganz schön frivol

Wenn das so weitergeht, wird es richtig eng im Wettwiehern mit dem Westen. Doch in der zweiten Hälfte pflügt die Inszenierung leider gar eifrig durchs Feld der Frivolitäten. Als plötzlich das Licht ausgeht, wird im Dunkeln wild kopuliert, wobei unklar bleibt, wieso. Die Inszenierung wirkt bisweilen zerfahren.

Die stark geraffte Geschichte gipfelt im Auftritt des Kaisers, dem eine Scharnierfunktion zukommt. Zum Gaudi der Premierengäste tritt Stadtpräsident Alexander Tschäppät als österreichischer Monarch auf die Bühne. Zwar offenbart er kein weiteres schlummerndes Talent für die Karriere nach der Karriere, doch die Überraschung ist perfekt.

Schnell werden die Österreich-Fähnchen gegen Schweizer Kreuze ausgetauscht. Des Kaisers an die zerstrittene «Rössl»-Gemeinde gerichtete Worte «Ke Stress!» ist der Anfang des Happy End: Die Konflikte lösen sich, und der Weg ist geebnet für die eine oder andere Hochzeit.

Führt das zur Begeisterung wie in Bümpliz? Die Berner Sommeroperette hatte jeden Abend stehende Ovationen für ihre witzige, werktreue Umsetzung geerntet. Im Kubus sind Bühne, Ausstattung und die Weisswürste wunderbar, die Leistung von Schauspielern und Sängern erfreulich, das Orchester solid (musikalische Leitung: Hans Christoph Bünger), die Inszenierung gut ­getaktet (Regie: Sabine Hartmannshenn). Dennoch: Bümpliz packte mehr. Aufgestanden wird in der Stadtmitte erst nach dem Applaus.

Berner Zeitung

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