«Nicht jeder schöne Ort braucht eine Bar»

Markus Flück engagiert sich im Holligenquartier auf der Warmbächli-Brache und dem Vorpark. Die hippen Pop-up-Bars, die in den letzten Jahren aus dem Boden geschossen sind, betrachtet er dagegen kritisch.

Brachenaktivist: Markus Flück auf der Centralweg-Brache in der Berner Lorraine.

Brachenaktivist: Markus Flück auf der Centralweg-Brache in der Berner Lorraine.

(Bild: Christian Pfander)

Christoph Hämmann

Herr Flück, Sie thematisieren in der Veranstaltungsreihe Zwischending/Zwischendrin unter anderem, dass Pop-up-Bars den öffentlichen Raum «unter einen konstanten, unschein­­baren Konsumzwang» stellen. Ist das nicht etwas übertrieben?
Die Idee, dass Nachbarn gemeinsam bei der Stadt beantragen, ein paar Parkplätze wohnlich zu gestalten, finde ich begrüssenswert. Wenn als Pop-up aber fast nur noch Bars entstehen, die sich allesamt an ein ähnliches Publikum richten – hedonistische 25- bis 40-Jährige –, dann läuft ­­etwas falsch. Bars sind nicht die einzige Möglichkeit, einen Ort zu beleben.

Sondern?
Das müsste man herausfinden. Wieso nicht eine Kaffee- und ­­Kuchenecke, die von Seniorinnen und Senioren betrieben wird? Oder Kinder aus dem Quartier, die selbst gesammelte Beeren und Sirup statt Bier anbieten? Dafür braucht es aber Rahmenbedingungen, die nicht zu hohe finanzielle und administrative Anforderungen setzen. Bars funktionieren meist gut, um Orte zu beleben. Wenn aber ein Ort bereits belebt ist, muss man sich schon fragen, ob es dort noch eine Bar braucht. Der Altenbergsteg etwa war im Sommer schon immer belebt. Dort hat die Bar vor allem dazu geführt, dass es für schlichtes Sonnenbaden auf der Mauer keinen Platz mehr hat.

Hat es in Bern denn nicht immer noch viele ruhige Orte, gerade auch entlang der Aare?
Es geht um eine Entwicklung. Entspannungsoasen, die in Zeiten permanenter Beschleunigung immer wichtiger werden, werden durch Bars ersetzt. Ich wünsche mir auch mehr Transparenz, ein niederschwelliges Ausschreibeverfahren sowie geeignete rechtliche Rahmenbedingungen. Zwischennutzungen entwickeln sich experimentell, dafür sind klassische Baubewilligungsverfahren nicht geeignet.

«Wenn Pop-ups nur noch Bars für hedonistische 25- bis 40-Jährige sind, läuft etwas falsch.»Markus Flück 

Bei der Grossen Schanze habe die Belebung einen Angstort sicher gemacht, hiess es. Was sagen Sie dazu?
Das kann durchaus sein – aber auch dann darf man fragen, ob eine Bar dafür der einzige Weg ist, egal, wie cool sie ist. In den letzten zwei Jahren haben Pop-up-Bars in Bern ein Ausmass angenommen, dass jene, die andere Formen bevorzugen, sich vielenorts nicht mehr wohl fühlen. Es fragt sich: Wer wird wohin verdrängt?

Ist es nicht einfach so, dass Orte wie die Warmbächli-Brache oder der Vorpark, wo Sie sich engagieren, durch die Pop-up-Bars unter Druck geraten?
Es gibt sicher eine gewisse Konkurrenz. Die Bars stehen an sehr attraktiven Orten und kosten die Stadt wenig bis nichts. Das kann weniger kommerzielle Konzepte unter Druck setzen. Hier muss die Stadt aufpassen, dass sie die Balance wahrt. Zwischennutzungen sind ein Experimentierfeld, wo es oft ums Selbermachen geht. Es wäre schön, wenn vermehrt der Bevölkerung eine Bühne bereitgestellt würde.

Was entgegnen Sie aufs liberale Gegenargument, dass der Markt entscheidet, wann es genug Pop-up-Bars hat?
Das ist eine ziemlich eindimensionale Perspektive. Es ist doch die Aufgabe einer Stadt, zu schauen, dass es für möglichst viele Bevölkerungsgruppen Räume gibt, wo sie sich wohl fühlen. Schön, wenn sich das ­­Leben nach draussen verlagert – aber bitte nicht an jedem schönen Ort eine Bar aufstellen. Ausserdem sollte die Frage des Pop-down geklärt werden. Ist eine Bar, die jedes Jahr am selben Ort betrieben wird, noch ein Pop-up? Wenn Pop-up, dann bitte abwechslungsreich.

Ist Ihres Erachtens der Zenit bereits erreicht, oder sagen Sie dies auch warnend?
Ich sehe eine gewisse Sättigung und finde, wir müssen uns fragen, ob wir einfach mehr und mehr Bars aufstellen wollen. Deshalb suchen wir beim Vorpark andere Möglichkeiten. Ein Beispiel sind Spiele für alle Alterskategorien, partizipative Formate wie ein Baustellenspielplatz, bei denen man zusammen etwas macht, den Lebensraum gestaltet – ohne dass dahinter ein Kühlschrank und eine mega Infrastruktur sind.

Wie ist denn die Vielfalt des Publikums im Warmbächli oder im Vorpark?
Die beiden Areale haben sehr unterschiedliche Ausgangslagen, schon nur, weil die Warmbächli-Brache etwas versteckt liegt. Im Vergleich ist der Vorpark ein Ort, an dem man vorbeikommt, und es führt ein einladender Weg über das Gelände. Wie wir es schaffen, weitere Leute aus dem Quartier zum Mitmachen zu motivieren, ist eine Frage, der wir uns permanent stellen müssen.

Mit welchem provisorischen Ergebnis?
An unserer ersten Veranstaltung haben wir festgestellt, dass man selbst dann, wenn man im ganzen Quartier Flugblätter verteilt, viele Anwohnerinnen und Anwohner nicht erreicht. Ein Ansatz, dies zu verbessern, ist etwa, sich Zugang zu Chat-Gruppen zu verschaffen oder Leute persönlich anzusprechen. Ausserdem sind Partnerschaften sinnvoll, die Inklusion und Teilhabe ermöglichen. Im August findet zum zweiten Mal das Säbelibum, ein Festival von und für Menschen mit und ohne Behinderungen, auf der Warmbächli-Brache statt. Auch eine Zusammenarbeit mit dem Haus der Religionen könnte interessant sein.

Ist die Warmbächli-Brache mit ihrem herben Charme nicht ebenso abschreckend für ein gewisses Publikum wie Pop-up-Bars für andere?
Dass auf der Brache gesprayt werden darf, hat Jugendliche aus dem Quartier und darüber hinaus angezogen. Es gibt aber tatsächlich Familien, die sich beispielsweise von Scherben auf der Brache abschrecken lassen. Trotzdem wird auch der Spielplatz gut genutzt. Generell hat es fast immer Leute auf dem Areal – das ist auch eine Qualität.

Wie intensiv wurde versucht, Leute zu erreichen, die auf den ersten Blick abgeschreckt sind?
Letztes Jahr haben wir das Sommerprogramm breit verteilt. Wir hatten auch den Anspruch, dass möglichst unterschiedliche Veranstaltungen stattfinden, es gab aber schon eine gewisse Häufung von Konzerten. Daneben fanden Pingpongturniere und Zirkusvorstellungen statt, sodass ich durchaus finde, dass der Ort zu einer Belebung geführt hat – oder überhaupt erst zur Ent­­deckung des Stadtteils.

«Man muss fragen, ob eine Aufwertung auch für die Quartierbevölkerung eine ist.» Markus Flück

Und auf die Entdeckung folgt die Aufwertung?
Entdeckung ist schon eine Form von Aufwertung. Diese ist an sich ja durchaus positiv. Kritisch gefragt werden muss, für wen es eine Aufwertung darstellt und inwiefern es für die Quartier­­bevölkerung eine ist. Problematisch ist dann die Folge: Wo es Aufwertung gibt, ist die Verwertung derselben nicht weit. Mit unseren Veranstaltungen wollen wir genau dies beleuchten.

Am Wochenende geht die Theatergruppe Trois Pattes dem Thema «Zwischennutzung zur Aufwertung, Ausgrenzung und Überwachung» nach. Was ist davon zu erwarten?
Wir versprechen uns einen neuen Zugang zum Thema. Das Theater richtet sich an alle ­­Altersgruppen von Kindern bis zu den Bewohnern des nahen Altersheims. Eine Vorführung am Freitagabend, eine Sonntagsmatinee: Auch das ist ein Versuch, ein vielfältiges Publikum anzusprechen. Im Stück geht es um das Gefühl, sich zu Hause zu fühlen und sich dafür einzusetzen. Das ist genau das, was wir wollen: Menschen im Quartier zusammenbringen, um dadurch das soziale Netz zu stärken.

Und das reicht, um der Verdrängung im Quartier etwas entgegenzusetzen?
Es ist zumindest der Versuch, diese zu thematisieren und eine Basis zu schaffen, damit sich Leute zusammentun können. Die konkreten Möglichkeiten dafür sind zurzeit leider sehr begrenzt. Gegen eine Totalsanierung gibt es praktisch keine Handhabe. Deshalb braucht es einen verbesserten Mieterschutz und mehr Wohnungen, die der Profitmaximierung entzogen sind.

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