Bern

Neue Trams könnten Wendeschleifen bald überflüssig machen

BernAus dem kategorischen Nein wird plötzlich ein Vielleicht: Vor dem Kauf neuer Trams will Bernmobil prüfen, ob Fahrzeuge mit zwei Führerständen nicht doch die bessere Lösung wären. Vor allem für die Linie 6, wo ­Wendemöglichkeiten rar sind.

Blaues RBS-Bähnli trifft rotes Bernmobil-Tram: Vielleicht ist Bernmobil bald mit zwei Führerständen unterwegs.

Blaues RBS-Bähnli trifft rotes Bernmobil-Tram: Vielleicht ist Bernmobil bald mit zwei Führerständen unterwegs. Bild: Urs Baumann

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Zweirichtungsfahrzeuge? Fehlanzeige.Wer im Abstimmungskampf vor drei Jahren die Idee ins Spiel brachte, für das geplante Tram von Ostermundigen über Bern nach Köniz Fahrzeuge mit zwei Führerständen vorzusehen, wurde eines Besseren belehrt. Dieser Fahrzeugtyp sei schwerer und für die Kornhausbrücke ein Problem, biete zudem wegen der beidseitigen Türen weniger Sitzplätze und koste überdies auch mehr.

Vor allem aber wäre er ein Fremdkörper in der Flotte von Bernmobil, die aus lauter Trams mit nur einem Führerstand bestehe. Die Vorteile fanden bei Planern wie Politikern kein Gehör: Zweirichtungsfahrzeuge wenden ohne Gleisschleifen, die Land verschlingen, eine einfache Weiche genügt.

Mit dem Urnengang im Herbst 2014 erledigte sich die Debatte dann ohnehin von selber. Weil dem doppelten Nein aus Ostermundigen und Köniz nur das einfache Ja aus der Stadt Bern entgegenstand, war das Tramprojekt gescheitert.

Keine Ersatzschleife

Trotzdem kommt nun Bewegung in die Sache, die in der damaligen, so emotionalen Debatte unverrückbar in Stein gemeisselt schien: Ja, bestätigt Bernmobil-Sprecher Rolf Meyer auf Anfrage, vor dem Kauf neuer Trams werde man die Frage aufwerfen und Fahrzeuge mit zwei Führerständen vertieft prüfen.

Nötig hat Bernmobil die neuen Trams ab 2021, wenn zuerst die zwölf sogenannten Vevey-Trams aus dem eigenen Bestand und später die neun blauen Bähnli des Regionalverkehrs Bern-Solothurn (RBS) ihre Lebensdauer erreicht haben. Weitere elf Fahrzeuge braucht das Unternehmen, wenn vom gescheiterten Tramprojekt nun wenigstens der Ast von Ostermun­digen nach Bern gebaut wird.

Über dieses 264 Millionen Franken teure Vorhaben stimmt im Juni der Grosse Rat ab. Bis im November sind dann Parlament und Bevölkerung in der Stadt Bern an der Reihe, derweil Ostermundigen letztes Jahr im zweiten Anlauf doch noch Ja gesagt hat.

Meyer präzisiert aber gleich: Die Linie nach Ostermundigen wird so oder so noch mit Wendeschleifen und damit für Trams mit nur einem Führerstand gebaut. Der Grund sind die Fahrzeuge, die Bernmobil bereits besitzt: «Wir wollen sie auch in Zukunft flexibel auf dem ganzen Netz einsetzen können. Also auch bis Ostermundigen.»

Die Frage nach den Zweirichtungsfahrzeugen stellt sich auf der Linie 6, die Bernmobil 2010 vom RBS übernommen hat. Sie verfügt auf den zehn Kilometern zwischen dem Bahnhof Bern und Worb Dorf nur über eine Wendeschleife. Sie befindet sich nach sechs Kilometern Fahrt an der Haltestelle Siloah in Gümligen – und ist notabene erst vor drei Jahren für drei Millionen Franken neu gebaut worden.

Kommt es zu Pannen, Unfällen oder anderen Störungen, stauen sich die Trams auf einer langen Strecke zurück. Das Problem hat sich noch verschärft, seit die Gleisanlagen beim ehemaligen Depot in Bern-Burgernziel nicht mehr zur Verfügung stehen. Eine neue Schleife beim Helvetiaplatz hätte zwar Ersatz schaffen sollen, doch der Berner Gemein­derat winkte im März ab.

Aus RBS-Zeiten

Zurzeit profitiert Bernmobil davon, dass auf der Linie 6 nach wie vor vor allem die blauen Bähnli unterwegs sind und diese aus ihren RBS-Zeiten über zwei Führerstände verfügen. Sie können auf den sechs Kilometern bis Siloah vorzeitig auch auf den Weichenanlagen am Casinoplatz und im Egghölzli wenden.

Zweirichtungsfahrzeuge für Bernmobil? In Zukunft vielleicht tatsächlich. (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.05.2017, 06:02 Uhr

Blick in die Schweiz

1996 fiel der Entscheid zugunsten von Fahrzeugen mit einem Führerstand, 2009 zugunsten von Fahrzeugen mit zwei Führerständen: Andreas Flury hat das Werden einer Tramlinie im Zürcher Vorortsverkehr gleich zweimal miterlebt. Als Projektleiter verantwortete er ab den späten 1990er-Jahren den Bau der Glattalbahn, als Präsident in der Zeit nach 2009 die Planung der Limmattalbahn.

Einen Trend hin zu Zweirichtungsfahrzeugen will Flury zwar nicht behaupten. Aus seinen Sympathien für diesen Typ Tram macht er trotzdem keinen Hehl. Nicht nur, weil sich eine Linie, die keine Wendeschleifen hat und entsprechend wenig Platz braucht, viel besser ins bestehende Baugebiet einfügt: Zweirichtungsfahrzeuge, sagt er, liessen sich über einfache Weichen flexibel wenden. Dass die Fahrzeuge der Glattalbahn nur in einer Richtung unterwegs sind, erklärt Flury mit der Verknüpfung zum Netz der Verkehrs­betriebe Zürich. Diese setzen nach wie vor auf Trams mit einem Führerstand – auch auf der erst 2011 eröffneten Linie nach Altstetten.
Eine andere Philosophie verfolgt die Stadt Genf: Sie baut neue Linien nur noch ohne Wendeschleifen und nimmt in Kauf, dass sie für eine Übergangszeit Ein- und Zweirichtungsfahrzeuge gleichzeitig besitzt. Für grosse Gleisanlagen fehle heute schlicht der Platz, so eine Sprecherin. skk

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