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Neue Kultursekretärin: «Umwälzungen sind nicht geplant»

Berns neue Kultursekretärin Veronica Schaller hat keine Visionen – aus Überzeugung. Sie wolle sich nicht selbst verwirklichen, sondern zwischen Kultur und Politik vermitteln, sagt sie im Gespräch nach den ersten 100 Tagen im Amt.

Frau Schaller,wie ist Ihr erster Eindruck von der Berner Kulturszene?

Veronica Schaller: Bern hat ein sehr reichhaltiges, vielfältiges Angebot. Es gibt in vielen Sparten mehrere Anbieter

Sie meinen, es gibt ein kulturelles Überangebot?

Überhaupt nicht.

Wenn Sie sagen, dass es mehrere Anbieter für dasselbe gibt dann ist das noch lange kein Überangebot. Sondern eine gewollte Vielfalt, die in der städtischen Kulturstrategie bis 2011 so festgelegt ist. Grössere Änderungen sind im Moment nicht gefragt, da muss man auch keine unnötigen Ängste schüren.

Was haben Sie dann in den ersten 100 Tagen gemacht?

Ich habe einerseits die Leute und Institutionen kennen gelernt, andererseits mit der Sichtung der Subventionsverträge begonnen. Nach 100 Tagen bereits neue Schwerpunkte setzen zu wollen wäre schlicht unseriös.

Sie haben also keine Visionen für die nächsten drei Jahre?

Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, grosse kulturpolitische Visionen zu haben. Das ist die Aufgabe der Politik. Ich habe eine Verwaltungsstelle.

Ihr Vorgänger Christoph Reichenau hat sich als Anwalt der Kultur verstanden und durchaus eigene Visionen vertreten.

Die Aufgabe der Abteilung Kulturelles ist in erster Linie die Vermittlung zwischen den Kulturschaffenden und der Politik. Es geht nicht darum, dass ich mich hier selbst verwirkliche. Mein Job ist es, auf beiden Seiten Verständnis für die jeweils andere Seite zu wecken.

Da sind kommunikative Fähigkeiten gefragt. Und da haben Sie in Ihren früheren Ämtern nicht immer eine gute Figur gemacht.

Was früher war, ist für mich uninteressant. Ich bin von den Bernern gut aufgenommen worden und habe gute Gespräche geführt. Das ist das Entscheidende.

Man attestiert Ihnen auch einen gewissen Mut zur Unpopulari-tät Sie meinen meine direkte Art?

Das ist generell ein Problem für eine Baslerin in Bern. Wenn wir Basler diskutieren, hat man in Bern schnell den Eindruck, wir würden streiten. Ich bin sicher jemand, der keine Angst davor hat, Entscheidungen zu treffen. Aber im Moment stehen ja keine grossen Entscheidungen an.

Aber doch einige Herausforderungen – zum Beispiel das Projekt Neues Theater Bern. Zur Debatte steht der kühne Vorschlag, den Dreispartenbetrieb am Stadttheater aufzugeben und stattdessen ab 2012 drei Spartenhäuser zu betreiben.

Das Modell Spartenhäuser steht nicht mehr im Zentrum. Es geht jetzt in erster Linie darum, die Zusammenarbeit zwischen dem Stadttheater und dem Berner Symphonieorchester (BSO) neu aufzugleisen: Wo sollen die Mittel für die Orchesterleistungen künftig angesiedelt werden? Wer bestimmt darüber, wann und wie oft das BSO im Stadttheater zum Einsatz kommt? Wenn es darüber hinaus noch möglich ist, weitere Ideen umzusetzen, dann soll man es machen. Fest steht aber, dass es ab 2012 nicht mehr Geld geben wird für die beiden Institutionen.

Faktisch ist das eine Sparmassnahme.

Ja, wenn man den Teuerungsausgleich berücksichtigt. Man wird beim Stadttheater nicht darum herumkommen, die Leistungen zu reduzieren, damit man in Zukunft ohne permanenten Finanzdruck arbeiten kann. Das ist letztlich das Ziel des Projekts.

Wo sehen Sie sonst noch Handlungsbedarf?

Im Moment ist der kulturelle Teil des Progr an die Abteilung Kulturelles angegliedert. Das heisst, die Löhne und Abrechnungen, jeder Spesenzettel geht durch unsere Buchhaltung. Das geht natürlich nicht. Falls der Progr als Kulturort eine Zukunft haben sollte, dann möchte ich einen Subventionsvertrag abschliessen – wie mit den anderen Institutionen. Handlungsbedarf sehe ich auch beim zeitaufwändigen Controlling der Leistungsverträge. Grosse wie kleine Kulturinstitutionen sind mit dem ganzen Papierkram überfordert, das müsste man vereinfachen.

Ihr Vorgänger sass im Vorstand von mehreren Kulturinstitutionen. Diese Doppelfunktion ist durchaus problematisch.

Ich kann nicht alle Ämter meines Vorgängers übernehmen, das würde ich gar nicht schaffen! Wer von unserer Abteilung in welchem Vorstand mitmacht, werden wir im Januar entscheiden. Aber ich bin mir der Problematik durchaus bewusst, wenn man im Vorstand und gleichzeitig in der Controllinggruppe einsitzt.

Eine Entflechtung der Kompetenzen, namentlich zwischen Stadt und Kanton, strebt auch die kantonale Kulturstrategie an. Wie schätzen Sie das Konzept ein?

Das ist ein wichtiges, zurzeit hängiges Thema, das grosse Auswirkungen auf die Stadt Bern haben wird. Im realistischen Fall wird die Stadt um rund zwei Millionen Franken entlastet. Aber man kann davon ausgehen, dass das Geld indirekt über den Finanzausgleich vom Kanton fast vollumfänglich wieder einkassiert wird. Man kann keine grossen strukturellen Veränderungen mit denselben Mitteln erreichen.

Das heisst, der Kanton müsste mehr Geld für Kultur aufwerfen?

Ja, im Moment gibt der Kanton pro Kopf ungefähr 57 Franken aus. Das ist sehr wenig im Vergleich mit anderen Kantonen.

Da braucht es von Ihrer Seite gutes Lobbying. Sie haben allerdings einmal gesagt, Sie seien nicht so gut darin.

Ich habe schon viel gesagt. (lacht) Ich vermute, dass dieser Satz noch aus jener Zeit stammt, als ich im Lobbying gar nicht gut sein wollte. Wie viele andere Frauen habe ich Lobbying sehr lange als etwas Negatives, Unmoralisches empfunden. Für Männer war es hingegen immer selbstverständlich. In den letzten Jahren hat zum Glück ein Wandel stattgefunden – auch bei mir.

Geschlechterfragen sind aber nach wie vor aktuell, gerade in der Kulturförderung. Es heisst, Frauen kämen zu kurz.

Wir haben vom Stadtrat den Auftrag erhalten, bei allen Gesuchen und Projekten den Geschlechteranteil auszuweisen. Dadurch hat sich das Bewusstsein verschärft. Leider werden von Frauen immer noch weit weniger Gesuche eingereicht als von Männern.

Sind Sie für Frauenquoten bei der Förderung?

Quoten haben immer einen schalen Beigeschmack. Es gibt sicher noch bessere Lösungen, zum Beispiel explizit Preise für Künstlerinnen. An diesem Thema werde ich sicher dranbleiben.

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