Neue Ära: Altpapierhandel in Deisswil

Deisswil

Eine Berner Investorengruppe rund um den CS-Banker Hans-Ulrich Müller investiert in das neue Projekt auf dem Areal der Kartonfabrik Deisswil. Möglichst viele der 253 Mitarbeiter sollen rasch wieder Arbeit haben.

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Ralph Heiniger

Da die Kartonproduktion nicht fortgeführt werden kann, soll das Fabrikgelände neben dem Altpapierhandel auch eine Art Industrie- und Gewerbepark beherbergen. Die neuen Besitzer wollen die Karton Deisswil AG in «Berner Industrie AG» umbenennen. Beim neuen Projekt handle es sich um ein langfristiges, an den Bedürfnissen des Wirtschaftsstandortes orientiertes Engagement, wie die «Berner Industrie AG» in einer Mitteilung schreibt.

Der in Muri b. Bern wohnhafte Hans-Ulrich Müller (Mehrheitsaktionär) übernimmt zusammmen mit Herrn Dr. Heinz Hofmann, Verwaltungsrat der Kartonfabrik Deisswil, und der Gemeinde Stettlen die Karton Deisswil AG. Ziel sei es, dass alle Mitarbeiter rasch möglichst wieder Arbeit haben, so die «Berner Industrie AG» weiter.

20 bis 40 Stellen können durch die geplante Zusammenarbeit mit einer Lager- und Logistikfirma gerettet werden. Weiter sollen Mitarbeiter vorderhand an andere regionale Firmen ausgeliehen werden, wenn diese gerade Bedarf an Arbeitskräften haben.

Bis zu 25 Stellen sollen zudem gerettet werden, indem sich ein Teil des Unternehmens auf Gebäudeunterhalt, Reinigung und Renovationen spezialisiert. Und schliesslich ermunterte Müller die Belegschaft, selber Ideen einzubringen für allfällige Industrie- und Gewerbeprojekte auf dem Gelände.

«Unsere Vision ist es, innert drei bis fünf Jahren möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten», betonte Müller vor den Medien. Er will aber auch niemandem vor dem Glück stehen, der eine externe Stelle sucht. Lokale und regionale Firmen hätten bislang mehr als 190 Stellenangebote gemacht.

Erfolg für Unia und die Belegschaft

Die Gewerkschaft Unia wertet den überraschenden Verkauf der Kartonfabrik Deisswil durch Mayr-Melnhof an eine Berner Investorengruppe rund um den KMU-Förderer und CS-Banker Hans-Ulrich Müller als Erfolg. Das schreibt die Gewerkschaft in einer Mitteilung.

Dieser Verkauf sei eine annehmbare Lösung in dem seit Wochen andauernden Arbeitskonflikt. Die Unia konnte in schwierigen und harten Verhandlungen mit der neuen Investorengruppe folgende von der Belegschaft verlangte Garantien vereinbaren:

  • Die neuen Firmenbesitzer verlängern den gültigen Firmen-Gesamtarbeitsvertrag bis 2014.
  • Allen Mitarbeitenden wird ein neuer Arbeitsvertrag zu den bisherigen materiellen Bedingungen angeboten
  • Sieht sich das Unternehmen in den nächsten zwei Jahren gezwungen, sich von Mitarbeitenden zu trennen, kommt ein anständiger Sozialplan zum Tragen.
  • Mitarbeitende, die den Betrieb freiwillig verlassen, erhalten ein angemessenes Incentive.

Mit der Unterzeichnung dieser Vereinbarung verpflichten sich Unia und die Belegschaft, den Arbeitskampf zu beenden und die Betriebsblockade aufzuheben, wie die Unia weiter schreibt.

Rickenbacher begrüsst Entscheid

Der bernische Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher hat die Übernahme der Kartonfabrik Deisswil durch regionale Investoren begrüsst. Die Zusammenarbeit von Wirtschaft, Politik und Sozialpartner habe die Lösung ermöglicht, sagte er am Freitag in Deisswil.

An einer Pressekonferenz der neuen Besitzer dankte Rickenbacher ausdrücklich dem Berner Investor und KMU-Förderer Hans-Ulrich Müller, der sich federführend in Deisswil engagiert. Er sei frühzeitig informiert worden und habe deshalb die Türe zur Gewerkschaft Unia öffnen können, sagte Rickenbacher. Dies habe nun die Lösung des Arbeitskonflikts ermöglicht.

Das Projekt sei «ungewöhnlich», räumte Rickenbacher ein. Normalerweise habe man zuerst Arbeit und suche dann Arbeitskräfte, hier gehe man den umgekehrten Weg. Er sei aber zuversichtlich, dass dies funktionieren werde.

Wieder in Berner Hand

An der «Wiederauferstehung» der Fabrik beteiligen sich auch zwei der drei Familien, welche den Betrieb 1990 nach Österreich verkauften. Einer von ihnen, Heinz Hofmann, ist sogar Vizepräsident des neuen Verwaltungsrats. Neuer CEO ist der altgediente frühere Direktor Rudolf Krähenbühl.

Die Belegschaft nahm die Neuigkeiten an einer Versammlung im Altpapier-Lager positiv auf. Manche Arbeiter hatten Tränen in den Augen, andere gaben sich eher zurückhaltend. Investor Müller jedenfalls erhielt warmen Applaus, genau wie Gemeindepräsident Hess und Gewerkschaftsvertreter Pardini.

Berner Zeitung

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