«Nehmt den Autos Platz weg»

Laut dem höchsten dänischen Velo­fahrer ist Bern mit der Velo­offensive auf einem guten Weg. Bis die Infrastruktur ausgebaut und eine Velokultur etabliert ist, dürfte es aber noch viele Jahre dauern.

Klaus Bondam (Mitte, mit kariertem Schal) bei der Fahrt vom Nordring auf die Lorrainebrücke.

Klaus Bondam (Mitte, mit kariertem Schal) bei der Fahrt vom Nordring auf die Lorrainebrücke.

(Bild: Urs Baumann)

Christoph Hämmann

Zum zweiten Mal innert Kürze war ein dänischer Experte in Bern, und wieder kamen die Bernerinnen und Berner in Scharen, um von ihm zu lernen, was Städte lebenswerter macht. Klaus Bondam war Gast von Pro Velo Bern in jener Stadt, die sich zur Velohauptstadt der Schweiz aufschwingen möchte.

Gut 120 Personen wollten vom ehemaligen Bürgermeister Kopenhagens und Direktor des Dänischen Radfahrerverbands hören, wie sich dies erreichen lässt.Zunächst brauche es «ein grosses Investitionsprogramm», so Bondam, damit der Ausbau der ­Veloinfrastruktur ernsthaft angegangen werden könne.

«Das Wichtigste sind sichere Velowege, die zu Netzwerken verbunden werden.» Dies entspricht schon mal zentralen Inhalten der Berner Offensive, in deren Rahmen bis 2030 rund 70 Millionen Franken budgetiert sind und jährlich eine Velohauptroute realisiert werden soll.

«Platz nicht gottgegeben»

Bondam liess keinen Zweifel daran, dass es mit farbigen Velo­streifen – ob gelben oder roten – nicht getan ist. «Sie sind besser als gar nichts», sagte er. «Aber am meisten profitiert davon die Firma, die sie aufmalen darf.» Es brauche «saubere, separierte Radwege», so Bondam.

Und woher den Platz nehmen, wenn nicht stehlen? «Man muss ihn den Autos wegnehmen.» Es sei noch gar nicht so lange her, dass Gesellschaften entschieden, Grünflächen für den Autoverkehr zu opfern. «Es ist nicht gott­gegeben, dass das bis in alle Ewigkeit so bleibt.» Konkret könne dies bedeuten, noch viele ober­irdische Parkplätze aufzuheben.

Er propagiere keinen «Krieg zwischen Auto und Velo», be­tonte Bondam. «Es geht um eine Diskussion über Mobilität und über das Leben in der Stadt.» Das Wachstum der Städte werfe «grosse Fragen betreffend Nachhaltigkeit» auf und zwinge die Gesellschaft, darüber zu reden, wie sie Prioritäten setzen wolle. Jemand könne am gleichen Tag zu Fuss, mit dem Velo, dem ÖV und dem Auto unterwegs sein – aber es gehe darum, jeweils das sinnvollste Vehikel zu wählen.

Er sei überzeugt, so Bondam, dass das Auto als Statussymbol und Ausdruck von Freiheit und Wohlstand an Bedeutung verlieren werde. «95 Prozent der Zeit steht ein Auto nur herum – das ist ein sehr schlechtes Investment.»

Die Zukunft gehöre deshalb dem Teilen von Autos – oder den ­Cargobikes, wie sie auch hierzulande immer öfter zu sehen sind. «In Dänemark bringen der Kronprinz und seine Frau die Kinder mit dem Cargobike in den Kindergarten», sagte Bondam – und zeigte später ein Foto, auf dem ein Angestellter eines Bestattungsunternehmens einen Sarg mit dem Lastenvelo transportiert.

Natürlich sei der Ausbau der Veloinfrastruktur teuer, räumte Bondam ein. «Aber es sind Peanuts im Vergleich mit der Autoinfrastruktur.» Ohnehin spreche wirtschaftlich viel für das Velo: «Die Velofahrer sind viel seltener krank, und sie verlieren viel weniger Zeit im Verkehr.»

Zudem sei wissenschaftlich bewiesen, dass Kinder, die sich vor der Schule schon bewegt hätten, konzen­trierter seien und besser lernten.

In Dänemark anerkennen laut Bondam auch bürgerliche Politikerinnen und Politiker den ökonomischen Nutzen des Velo­fahrens. Und Velofahren sei so selbstverständlich, dass es alle – auch bürgerliche Politiker – machten. «Arbeiten Sie am politischen Bewusstsein», riet er den Bernerinnen und Bernern.

«Vieles unlogisch»

«Beginnen Sie bei den Kindern», lautete ein anderer Rat des Experten. Wer als Kind radfahre, tue dies mit einiger Wahrscheinlichkeit ein Leben lang. Kinder seien auch eine gute Referenz, wenn es darum gehe, die Gefährlichkeit einer Verkehrslösung für Velofahrerinnen und Velofahrer zu beurteilen.

«Fragen Sie sich, ob Sie Ihr 12-jähriges Kind hier allein fahren lassen würden.» Velofahrer hätten das Recht, so Bondam, sich so sicher zu fühlen wie Autofahrer auf der Autobahn.

Vor seinem Referat war er mit einer Pro-Velo-Gruppe eine Stunde durch Bern geradelt und liess sich einige Hotspots zeigen: Hirschengraben, Kornhausplatz, Lorrainebrücke, Bahnhof- und Bubenbergplatz. Er habe «viele unlogische Lösungen gesehen», sagte er danach. Und, würden Sie Ihre Kinder hier fahren lassen? «An vielen Stellen muss ich sagen: nein.»

Berner Zeitung

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