Närrisches Treiben oder blanker Rassismus?

Wo liegt die Grenze zwischen Satire und Fremdenfeindlichkeit? Die Frage ist kaum je so intensiv diskutiert worden wie dieses Jahr. Sie bewegt auch kurz vor der Fasnacht in Münchenbuchsee.

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In Luzern stellen Fasnächtler eine Truhe mit einer Maske auf, die einen Schwarzen darstellt. Im Solothurnischen heisst Egerkingen während der sogenannt fünften Jahreszeit von jeher Negerkingen. Und in Schwyz taucht mitten im närrischen Treiben eine Gruppe weiss gekleideter Zipfelmützenmänner mit Fackeln auf, auf deren Kutten drei grosse K prangen. KKK, genau: Ku-Klux-Klan.

Hier wie da wie dort lassen die Schlagzeilen nicht lange auf sich warten. In Luzern kritisiert eine antirassistische Gruppierung, die Maske zeichne das koloniale Bild des kannibalischen, dummen, nicht weissen Mannes.

In Egerkingen fragt ein 12-Jähriger die Gemeindepräsidentin, ob der fasnächtlich verballhornte Dorfname nicht diskriminierend sei. In Schwyz wiederum ermittelt inzwischen sogar die Polizei. Zu problematisch ist die Geschichte des geheimbündlerischen Klans, der einst mit dem klaren Ziel gegründet worden ist, die Schwarzen in Amerika mit Gewalt zu unterdrücken.

Die Debatte ist kaum je so intensiv geführt worden wie in der zu Ende gehenden Fasnachtssaison dieses Jahres: Was darf Fasnacht und was nicht? Wann überschreiten die Närrinnen und Narren die Grenzen des guten Geschmacks? Und von wann an ist eine Pointe diskriminierend oder rassistisch und verstösst damit gegen das Gesetz?

Eine Frage des Stils

Die Frage stellt sich ganz aktuell für Tom Mäder aus Münchenbuchsee. Sein Dorf wird am Wochenende als eines der letzten in der Region Bern Fasnacht feiern, und Mäder steht dabei in einer besonderen Verantwortung. Er präsidiert den Verein, der die Buchsi-Fasnacht organisiert, gehört weiter zum Autorenteam, das den «Buchsi-Blitz» herausgibt – wobei «die unabhängige Fasnachtszeitung für Buchsi und den Rest der Welt» ja genau nicht so angriffig sein will wie andere, vergleichbare Blätter.

Sie begnügt sich mit ein paar locker-flockigen Anmerkungen zum peripher gelegenen Allmendquartier oder zum geschlossenen SBB-Schalter am Bahnhof Münchenbuchsee. Umso ausführlicher zeigt sie dafür in Wort und Bild, wie bunt das fasnächtliche Treiben vor Ort tatsächlich ist.

Das sei volle Absicht, bekräftigt Mäder. «Wir verzichten bewusst darauf, andere in die Pfanne zu hauen.» Ihm und seinem Team sei es viel wichtiger, mit den anderen Vereinen und mit der ganzen Bevölkerung ein gutes Auskommen zu haben, sich gemeinsam auf ein paar entspannte Fasnachtstage zu freuen, an denen sich jeder so geben könne, wie er wolle.

Dieses Bemühen zeigt Erfolg: «Wir sind in Münchenbuchsee gut verankert.» In einer Zeit, in der das Freizeitangebot riesig sei und niemand auf die Fasnächtler warte, spiele das eine enorm wichtige Rolle.

Auch Beat Waldmeier wohnt in Münchenbuchsee, ist begeisterter Fasnächtler und erfahrener Macher fasnächtlicher Zeitungen. «Neue Zolli-Zeitung» und «Päng» heissen die Blätter aus Zollikofen und Langenthal, für die er seit Jahr und Tag tätig ist – oder tätig war, denn anders als in Langenthal, wo die Fasnacht unverändert floriert, pausieren die Narren in Zollikofen heuer bereits zum zweiten Mal in Folge.

Waldmeier pflegt mit seinen Mitautoren einen anderen Stil, wie ein Blick in die aktuelle «Päng»-Nummer zeigt. Spitzen gegen die Behörden sind hier genauso zu finden wie allerhand lustige Geschichten aus dem städtischen Alltag.

Dieser satirische Stil habe in Langenthal Tradition, stellt Waldmeier fest und erklärt mit einem Blick noch weiter zurück in die Geschichte: Fasnacht sei seit je die Zeit, in der die Bevölkerung drei bis fünf Tage lang das Zepter übernehme und der Obrigkeit den Spiegel vorhalte. «Da gehört es dazu, den einen oder die andere auf die Schippe zu nehmen.»

Ob er mit dieser Philosophie auch schon ins Fettnäpfchen getreten ist, sich gar juristische Händel eingehandelt hat? «Klar fühlt sich der eine oder andere im ersten Moment betupft, doch die allermeisten Reaktionen sind positiv.»

In seinen bislang zwanzig Jahren «Päng»-Redaktion habe es erst zweimal ernsthaftere Probleme gegeben, «aus Gründen», wie er nachschiebt, «die bei den Betroffenen selber liegen». Sein Rezept: «Wichtig ist, dass wir nicht auf die Person zielen, sondern ein Verhalten kriti­sieren.»

Alles mit Augenmass

Stärker unter Druck als früher fühle er sich auf alle Fälle nicht, hält Waldmeier noch fest. Deshalb müsse er seine Pointen auch nicht stärker auf die Goldwaage legen als früher. Aber, und darin stimmt er mit Mäder völlig überein: «Die Gesellschaft verändert sich, also muss sich auch die Fasnacht verändern.»

Wieder blickt er zurück in die Vergangenheit, erinnert daran, dass es noch vor wenigen Jahrzehnten gang und gäbe war, als Schwarzer im Umzug mitzumarschieren. Heute reagiere die Gesellschaft sensibel auf solche Verkleidungen. Nicht ohne Grund: «Einen Schwarzen darzustellen, der im Bastrock herumläuft, stimmt mit der heutigen Lebenswirklichkeit in Afrika überhaupt nicht überein. Solche Bilder sind falsch – und damit herabwürdigend.»

Genau gleich heikel könne es sein, in einer Zeit zunehmender Skepsis dem Islam gegenüber als Scheich oder gar als Frau in Burka aufzutreten, ergänzt Mäder. Gleichzeitig plädiert er dafür, Augenmass zu halten.

Letztlich müsse jeder selber entscheiden, wie er sich geben wolle. Und natürlich auch, zu welchen Pointen er stehen könne – unvermittelt schlägt er den Bogen zurück zum aktuellen «Buchsi-Blitz», der just dem arabisch-islamisch geprägten Märchen von Aladin und seiner Wunderlampe breiten Platz einräumt. «Das ist einfach eine schöne Geschichte. Ich wüsste nicht, warum wir sie nicht nacherzählen sollten.»

www.buchsi-fasnacht.ch

Berner Zeitung

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