Mutter fordert von Frauenarzt Schadenersatz in Millionenhöhe

Eine Mutter verklagt ihren Arzt wegen unterlassenem pränatalem Test. Hätte sie gewusst, dass das Kind ihre Erbkrankheit trage, hätte sie abgetrieben.

<b>Immer einfachere Untersuchungsverfahren</b> erfordern schwerwiegende Entscheide über werdendes Leben.

Immer einfachere Untersuchungsverfahren erfordern schwerwiegende Entscheide über werdendes Leben. Bild: iStock

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Ein Berner Frauenarzt steht derzeit wegen eines seltenen Falls vor Gericht: Eine Patientin fordert von ihm Schadenersatz. Und zwar dafür, dass sie ein krankes Kind zur Welt gebracht hat.

Der Fehler, den die Mutter und ihre Anwälte dem Frauenarzt zur Last legen, ist aussergewöhnlich: Er habe keine vorgeburtliche Untersuchung gemacht, obwohl er gewusst habe, dass sie Trägerin einer Erbkrankheit sei.

Hätte der Arzt die Untersuchung gemacht und wäre dabei herausgekommen, dass das Kind diese Krankheit hat, hätte sie es abgetrieben, argumentiert die Klägerin. Für den Frauenarzt kommt die Schadenersatzklage völlig überraschend.

Er hat in diesem Fall tatsächlich auf einen Test verzichtet. Mit gutem Grund, sagt er. Die Frau habe das Kind ausdrücklich gewünscht, egal, ob es krank sei. In einem solchen Fall habe die Schwangere das Recht auf Nichtwissen, erklärt er.

Streit um Abtreibung

Der Streitpunkt vor Gericht lautet: Hat der Frauenarzt die schwangere Frau tatsächlich zu wenig über das Risiko informiert, dass ihr Kind krank zur Welt kommen könnte? Und war es deshalb ein Fehler, dass er keinen Test vorgenommen hat? Oder hat die Frau tatsächlich in der Frauenarztpraxis deutlich gemacht, dass sie die Schwangerschaft ohnehin nicht abbrechen wollte? In diesem Fall hätte der Frauenarzt zu Recht keine vor­geburtliche Untersuchung machen lassen.

Es wäre nicht die Schuld des Arztes gewesen, dass die Frau nach der Geburt – als feststand, dass das Kind die Krankheit von ihr geerbt hat – ihren Entscheid bereute und das Kind lieber abgetrieben hätte.

Das Gericht hat bisher noch nicht entschieden, ob der Frauenarzt der Mutter Schadenersatz zahlen muss für ihr Kind, das sie angeblich gar nie gebären wollte. Der Schadenersatzbetrag, um den die Parteien vor Gericht streiten, bewegt sich zwischen einer halben und einer ganzen Million Franken. Ungefähr so hoch dürfte – wie das juristisch heisst – der «Schaden» sein, den das Kind durch seine Existenz verursachen wird.

Frauen unter Druck

Am Berner Regionalgericht ist es vermutlich das erste Mal, dass eine Mutter ihren Arzt wegen Unterlassung einer Abtreibung verklagt. Unüblich ist der Fall auch für Franziska Wirz, Mit­begründerin der unabhängigen Beratungsstelle Appella. Sie stellt eher die entgegengesetzte Tendenz fest: «Eine Mehrheit der Frauenärzte und -ärztinnen rät den Schwangeren selbstverständlich und ohne umfassende Beratung dazu, die vorgeburtlichen Tests zu machen», sagt sie.

«Viele Frauen schlittern quasi in die Pränatal­diagnostik hinein. Und plötzlich wird von ihnen unter grossem Zeitdruck verlangt, weit­reichende Entscheide zu fällen.»Franziska Wirz

Bei der Beratungsstelle melden sich deshalb vor allem Frauen, die sich unter Druck fühlen, zu testen und gegebenenfalls die ursprünglich erwünschte Schwangerschaft auch abzubrechen. «Viele Frauen schlittern quasi in die Pränataldiagnostik hinein. Und plötzlich wird von ihnen unter grossem Zeitdruck verlangt, weitreichende Entscheide zu fällen», schildert Franziska Wirz die Erfahrungen der Beratungsstelle mit vorgeburtlichen Tests.

Moralische Leichtfertigkeit

Während das Gericht den Fall aus juristischer Sicht als Schaden mit der Frage nach der Haftung beurteilen muss, lässt sich der Fall auch anders beurteilen: Aus ethischer Sicht sind Schwangerschaftsabbrüche aufgrund vor­geburtlicher Untersuchungsresultate problematisch.

«Tötet man werdendes menschliches Leben, weil es bestimmte Auffälligkeiten aufweist, ist das eine Selektionsentscheidung», sagt Markus Zimmermann, Lehr- und Forschungsrat für theologische Ethik am Departement für Moraltheologie und Ethik der Universität Freiburg.

Bei Erbkrankheiten mit sehr schlimmen Folgen für das Kind sei es für ihn noch eher nachvollziehbar, dass eine Frau oder ein Paar einen Abbruch in Betracht ziehe, sagt er.

Er ist aber besorgt darüber, dass vorgeburtliche Untersuchungen dazu führen, dass zunehmend auch bei Störungen mit weniger gravierenden Folgen – beispielsweise bei einer Kiefer-Lippen-Gaumen-Spalte, bei gewissen chromosomalen Abweichungen wie einer Trisomie 21 oder einer zystischen Fibrose – Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden, obwohl die Betroffenen unter anderem dank des medizinischen Fortschritts nur bedingt unter Einschränkungen zu leiden hätten.

Für den katholischen Theologen Markus Zimmermann ist ein Schwangerschaftsabbruch in solchen Fällen besonders proble­matisch, weil der Entscheid auf problematischen Kriterien für Lebensqualität beruht. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.10.2018, 06:17 Uhr

Test immer einfacher

Früher brauchte es zur vor­geburtlichen Diagnose der häufigsten Erbkrankheit, des Downsyndroms, eine Fruchtwasserpunktion. Diese ist für das Ungeborene und die Schwangere riskant.

Seit einiger Zeit gibt es aber einen harmlosen Bluttest. Mit diesem lässt sich bereits ab der zwölften Schwangerschaftswoche mit 98-prozentiger Sicherheit ablesen, ob das Kind das Downsyndrom hat.

Der rund 1000 Franken teure Test wird unter bestimmten Bedingungen von den Krankenkassen bezahlt. Und zwar dann, wenn bei der Schwangeren zuvor der heute übliche Ersttri­mestertest durchgeführt worden und bei diesem ein Trisomie­risiko von mehr als 1:1000 festgestellt worden ist.

Kritiker befürchten, dass wegen der einfacheren Test­methode Menschen mit Downsyndrom aus der Gesellschaft verschwinden könnten. Fachleute stellen in Aussicht, dass mit einfachen Blutproben der Mutter nicht nur nach dem Downsyndrom, sondern in einem nächsten Schritt nach allen möglichen Eigenschaften und Anomalien der ungeborenen Kinder gesucht werden kann.

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