Musikalische Schritte über Grenzen

Bern

Im Progr begegnen sich fünf Tage lang rund 90 Jazzmusiker aus aller Welt. Sie spielen auch mit der Folklore ihrer Länder.

Stefan Haslebacher alias Sha lässt sein Blasinstrument bald im Progr erklingen. Hier spielt er in einer früheren Formation mit Nik Bärtsch.

Stefan Haslebacher alias Sha lässt sein Blasinstrument bald im Progr erklingen. Hier spielt er in einer früheren Formation mit Nik Bärtsch.

(Bild: Markus Hubacher)

«Mit unserer Band ist das wie im Mannschaftssport. Ich ordne mich gerne zu, integriere mich und hoffe, dass das Team dort besser wird, wo ich meine Stärken habe.» So beschrieb Jazzmusiker Stefan Haslebacher aus Bern seine Position in Nik Bärtschs Formation Ronin. Als Sha agiert Haslebacher in deren ritueller Groovemusik wie ein Pfahl im Wind an Bassklarinette und Altsaxofon. In eigenen Bands hat er sein kraftvolles Spiel weiter individualisiert und emanzipatorisch einen eigenen unverwechselbaren Sound kreiert.

Legende William Parker

Mit dem Quartett Feckel gastiert Sha nun erstmals während der 11. Jazzwerkstatt Bern, wobei er seine Band um den rumänischen Saxofonisten Alexandru Arcus verstärkt. Das hat gute Gründe, denn vor zwei Jahren lud der Filmemacher Max T. Ciorba Sha nach Moldawien und Rumänien ein, wo er sich zwischen imponierenden Landschaften und postsozialistischen Betonsiedlungen mit Musikern diverser Genres verständigte. Die überraschendste Erkenntnis war, wie alle die heimische Folklore als integralen Bestandteil ihrer Arbeit betrachteten. Vor Ort entstand der Film «100 Risings», der ebenfalls während des Festivals gezeigt wird.

Vergleichbare Schritte über Grenzen stehen im Zentrum der Jazzwerkstatt. Um die 90 Künstlerinnen und Künstler aus einem Dutzend Länder begegnen sich und werden demonstrieren, wie sehr der Jazz heute von überraschenden Begegnungen, weltweiter Vernetzung und einem ­allgegenwärtigen Community-Gedanken lebt. Für dieses Denken steht der Kontrabassist William Parker (66), der nicht nur als Musiker, sondern auch als New Yorker Festivalmacher und Pädagoge zu einer Legende geworden ist. Er gastiert im Quartett und mit einem Large Ensemble. Beide sind multinational besetzt.

Gastkurator Shane Cooper aus Kapstadt setzt auf Innovation und einen erweiterten Jazz­begriff, der DJ-Kultur, die Traditionen seiner Heimat, ungewöhnliche Instrumentierungen, Humor, Einflüsse neuer ernster Musik, Folkloristisches oder aktuelle Popkultur einbezieht. Auch Filme, öffentliche Proben sowie einen Vortrag des Bassisten und Storytellers Carlo Mombelli gibt es. Die gegenseitige Beeinflussung der südafrikanischen und der Schweizer Szene wird in diversen Konstellationen vitalisiert, etwa wenn sich die beiden Pianisten Bokani Dyer und Stefan Aeby begegnen oder wenn das Sextett The Mill mit Musikern beider Länder besetzt ist.

Schönklang und Noise

Zwischen Schönklang und Noise changiert das mit dem exzellenten Berliner Saxofonisten Philipp Gropper besetzte Quartett der Berner Geigerin Laura Schuler. Pianist Michael Haudenschild überrascht mit mikrotonalen Klängen auf einem verstimmt wirkenden Dritteltonflügel, das Luzerner Fischermanns Orchestra wird um zwei Elektroniker aufgestockt, das österreichische Synesthetic Quartet trägt die Vielfalt schon im Namen, Nils Bergs Cinemascope ist die Querverbindung zu anderen Künsten. Poesie, Musik, Tanz und spirituelle Rituale sind im abschliessenden Set der Maghreb-Künstlerin Asmâa Hamzaoui fusioniert, die mit Gesang und der ­traditionellen Kastenhals­laute Guembri das Publikum in ihren Bann zieht.

Jazzwerkstatt Bern: 28. Februar bis 4. März 2018. Bern, Progr. Programm: www.jazzwerkstatt.ch.

Berner Zeitung

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