Moderatorinnen für die grüne Sache

Das Grüne Bündnis hat ein neues Kopräsidium. Für die Stadträtinnen Ursina Anderegg und Rahel Ruch bedeutet das Amt einen Rollenwechsel: von Aktivistinnen zu Diplomatinnen.

«Die Stadt als Labor für innovative Projekte»: Rahel Ruch (links) und Ursina Anderegg auf der Schütz.

«Die Stadt als Labor für innovative Projekte»: Rahel Ruch (links) und Ursina Anderegg auf der Schütz.

(Bild: Adrian Moser)

Christoph Hämmann

Das «Innovationsdorf» in der ehemaligen Wifag im Berner Wylerquartier ist ein inspirierender Ort für eine Mitgliederversammlung. An seiner letzten hat das Grüne Bündnis (GB) zwar nicht gerade das Rad neu erfunden, aber doch eine kleine Innovation beschlossen: Erstmals hat das GB mit Ursina Anderegg und Rahel Ruch ein Kopräsidium gewählt. Sie lösen an der Spitze der Partei Stéphanie Penher ab, die beim VCS zur Bereichsleiterin Verkehr und Kommunikation aufgestiegen ist und die GB-Führung nach vier Jahren abgab.

Aber was heisst schon Führung? «Beim GB werden Positionen von unten gemacht», sagt Ruch, und Anderegg ergänzt, dass sie sich beide «primär in einer Moderationsrolle innerhalb der Partei» sähen, in der es Haltungen auszuhandeln gebe. Dabei gehöre es aber natürlich zu ihrem Amt, Themen und Debatten anzupacken und zu strukturieren.

Dass sie zudem künftig auch die Repräsentation des GB in der Öffentlichkeit prägen werde, sei ein Rollenwechsel, räumt Ruch ein – sie, die lange vor allem als GSoA-Aktivistin und fleissige Demogängerin wahr­genommen wurde. «Eine klare Linie zu haben und gleichzeitig pragmatische Positionen zu vertreten, das ist kein Widerspruch», sagt sie. «Im Gegenteil: Das machen wir ja die ganze Zeit.»

Zwei, die zusammen können

Aufgewachsen sind die 32-jährige Ruch und die 37-jährige Anderegg in politischen Haushalten, richtig politisiert wurde Ruch 2003 im Gymer, als einerseits das Duo Blocher/Merz in den Bundesrat gewählt wurde und andererseits Schülerinnen und Schüler gegen den Irakkrieg protestierten.

Bei Anderegg, aus dem Aargau fürs Studium nach Bern gekommen, entfaltete der Frauenstreik 1991 nachhaltige Wirkung auf die damals 10-Jährige. Als junge Erwachsene bewegte sie sich in Bern bald in der Reitschule, in der Nähe der Jungen Alternative (JA) und «in diversen ausserparlamentarischen Zusammenhängen».

Wählte das GB mit zwei feministischen Aktivistinnen, je mit einem Bein im Stadtrat und dem anderen in der ausserparlamentarischen Opposition, politische Zwillinge ins Kopräsidium? Die Frage wurde auch an der GB­Versammlung aufgeworfen, ehe Anderegg und Ruch, die nur als Doppelpack zu haben waren, einstimmig gewählt wurden.

Sie seien unterschiedlich vernetzt und deckten zusammen ein breites Feld ab, erwiderten sie. Und es sei ein Vorteil, zu wissen, dass sie gut miteinander funktionierten. Beruflich jedenfalls sind sie in unterschiedlichen Feldern tätig: Anderegg arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Fachstelle Gleichstellung der Uni Bern, Ruch koordiniert auf nationaler Ebene die Konzernverantwortungsinitiative. 

Nein zu einem Stadtkanton

Und wohin wollen sie das GB steuern, wenn sie denn nicht bloss moderieren, sondern auf allen Ebenen mitdiskutieren? «Mich interessiert vor allem, ökologische mit sozialen Fragen zu verknüpfen», sagt Anderegg. «Denn Nachhaltigkeit betrifft immer beide Aspekte.» Als Beispiele dafür nennen Anderegg und Ruch die Nutzung des öffentlichen Raums («Was bleibt grün, welche Veranstaltungen haben Platz, wer wird verdrängt?»), Mobilität und Verkehrspolitik («Wie bewegen sich die Leute, wie kann der Pendlerverkehr reduziert werden, welche Räume sind durch Strassen abgeschnitten, wo können Kinder sich bewegen?») oder den Wohnungsbau («Für wen wird gebaut, zu welchem Preis, wie dicht ist die Belegung?»).

Natürlich sind sich die neuen GB-Co-Präsidentinnen bewusst, dass in der linken Stadt viel in Abhängigkeit vom bürgerlichen Kanton geschieht. Es wäre manchmal bequem, sich des Kantons zu entledigen, sagt Ruch. Dennoch wollen die beiden nicht ernsthaft über einen Stadtkanton nachdenken, wie dies die SP zumindest ein bisschen zu tun gedenkt (wir berichteten). «Lieber nutzen wir die Mehrheiten in der Stadt, um diese als Labor für innovative Projekte einzusetzen», sagt Ruch im Gespräch auf der Schützenmatte – auch eine Art städtisches Labor.

Im besten Fall führe man dabei «neoliberale Argumente ad absurdum», so Ruch, etwa dann, wenn man aufzeigen könne, dass der Ausbau einer Sozialleistung nicht zu Mehrkosten führe, wenn damit ein Problem präventiv gelöst werde. Statt Bern ab­zuschotten, solle die Stadt auch innerhalb des Kantons solidarisch sein, sind sich Anderegg und Ruch einig. Und: Wenn es gelinge, sowohl Städte als auch grüne Städterinnen und Städter vermehrt miteinander zu verbinden, könnten diese zu einer starken Stimme werden.

RGM: Bald Gespräche

Zum Einstieg können sich Anderegg und Ruch erst einmal um ein anderes Bündnis kümmern: jenes von Rot-Grün-Mitte (RGM), das zurzeit vier von fünf Gemeinderatssitzen belegt, einen mit GB-Frau Franziska Teuscher. Das Bündnis auch, das 2016 arg strapaziert wurde und das neuerdings weiss, dass es nach dem Verzicht von Ursula Wyss (SP) höchstens mit drei Bisherigen antreten kann. Im Herbst begännen die Gespräche über ein gemeinsames Programm, hiess es an der GB-Mitgliederversammlung. Vorher wollen sich die GB-Präsidentinnen nicht zur Ausgangslage äussern.

Auch das Wirken von Stadtpräsident und Bündnispartner Alec von Graffenried (GFL), der die beiden amtierenden Gemeinderätinnen Wyss und Teuscher auf dem Weg zur ersten Frau im Erlacherhof ausbremste, wollen sie nicht gross kommentieren. Bei der Stadtentwicklung tue sich auch dank ihm etwas, räumen sie ein. Manchmal wisse man nicht, wo von Graffenried stehe, sagen sie noch, sehe man nicht, ob er wirklich den Lead habe. Der Rollenwechsel als Co-Präsidentinnen: Er macht Anderegg und Ruch vorerst äusserst zurückhaltend.

Berner Zeitung

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